Filmkritik

Lou Andreas-Salome

| Alexandra Seitz |
Eine dieser gediegenen Film-Biografien, die am Gegenstand vorbeigehen.

Auf dem Plakat, das diesen Film bewirbt, ist eine Frau zu sehen, die direkt und ohne zu lächeln in die Kamera schaut, nicht unbedingt kalt, aber auch nicht einladend. Im Hintergrund ist, unscharf, die Gestalt eines Mannes zu erkennen, der etwas unterwürfig einen Blumenstrauß hält, er wird ihn wohl der Frau überreichen wollen. Außerdem wird auf dem Plakat verkündet: „Friedrich Nietzsche …hat sie verehrt. Rainer Maria Rilke …hat sie geliebt. Sigmund Freud …hat sie bewundert. Aha, die Aufmerksamkeit dieser geballten Geistesriesenschaft gilt also keiner Geringeren als der Dichterin und Denkerin Lou Andreas-Salomé (1861-1937), so der Name der Abgebildeten und gleichfalls auf dem Plakat zu finden.

Sofort fällt auf, dass diese Frau offenbar nur vorstellbar ist im Kontext der Männer, die sie auf die eine oder andere Art begehren. Na gut, denkt frau, das mag historisch bedingt sein, taten Frauen um die Jahrhundertwende, die etwas zu denken, zu dichten oder zu sagen hatten, sich doch nicht wenig schwer, ohne die Unterstützung eines Mannes auf traditionell männlich besetzten Gebieten – also allen außer Haushalt und Kinderaufzucht – zu reüssieren. Lou Andreas-Salomé, der Cordula Kablitz-Post die gleichnamige, hier in Rede stehende Film-Biografie gewidmet hat, bildete da keine Ausnahme. Und so wissen wir Heutigen mehr über ihre Affären als über ihre Arbeit; kläglich wenig ist erhalten geblieben vom Werk einer Frau, die als Vordenkerin der Psychoanalyse, als ein Vorbild der Frauenbewegung gilt und ohne deren (materielle, ideelle, erotische, wie auch immer) Unterstützung Rilke seine besten Gedichte gar nicht erst geschrieben hätte.

Aber ließe sich nicht, der dürftigen Aktenlage zum Trotz, doch auch eine etwas andere Perspektive auf dieses Frauenleben denken, als jene, die Lou Andreas-Salomé anbietet? Wären nicht die Auseinandersetzungen dieser offenbar klugen Frau mit den Intellektuellen ihrer Zeit – die geistesgeschichtlich ja nun wahrlich keine langweilige Epoche war – viel eher den Fokus der narrativen Aufmerksamkeit wert als ihre Amouren? Ich mein‘ ja bloß. Zum Ausgleich und als Ersatz für Informationen über die Beiträge der einen Hälfte der Menschheit zur Weltgeschichte darf frau immerhin Großcharge Alexander Scheer dabei zusehen, wie er denkbar viel Spaß mit dem abstrusen Nietzsche-Bart hat. Das ist zwar auch nicht nichts, aber ein bisschen mehr hätte es schon sein dürfen.