Die Insel der besonderen Kinder / Miss Peregrine's Home for Peculiar Children

Die Insel der besonderen Kinder | Interview

The Woman in Black

| Pamela Jahn |
Eva Green schlüpft in „Miss Peregrine's Home for Peculiar Children“ für Tim Burton erneut in die Rolle der selbstbewussten Abenteurerin. Privat kämpft sie dagegen mit ihren ganz eigenen Dämonen.

Sie trägt nicht nur am liebsten schwarz, auch die Rollen, in denen Eva Green sich am wohlsten fühlt, sind eher düsterer Natur. Seit ihrem Leinwanddebüt als halb-inzestuöse Zwillingsschwester in Bernardo Bertoluccis The Dreamers (2003) hat die zarte Französin eine feine Nische für sich geschaffen: Wenn sie nicht gerade Hexen spielt wie etwa in The Golden Compass (2007) und Dark Shadows (2012), dann sind es vor allem die starken, rätselhaften und nicht selten gefährlichen Frauenrollen, die es ihr angetan haben. Denn neben einer stark kontrollierten emotionalen Kraft steckt bei ihr immer auch ein Hauch von Risiko mit im Spiel, ganz gleich ob sie als Bond-Girl oder  Kult-Comic Femme fatale Furore macht oder wie in Kristian Levrings Retro-Western The Salvation (2014) eine stumme, aber deshalb nicht weniger kluge Kämpferin spielt. Ob kompliziert, mörderisch oder übernatürlich, tut dabei nichts zur Sache, Hauptsache komplex, ist die einzige Bedingung, die Green selbst an ihre Figuren stellt, weshalb sie trotz ihres Starstatus bis heute relativ unbeschwert zwischen kleineren Indie-Produktionen und großen Blockbustern driftet.

Tatsächlich deuten auch ihre aktuellen Arbeiten darauf hin, dass die von Natur aus blonde Mitdreißigerin mit den pechschwarzen Haaren nicht wirklich daran denkt, ihrem Image einen helleren Touch zu verleihen. Seit 2014 genoss sie die Hauptrolle in der von Showtime und Sky Atlantic ko-produzierten Gothic-Horror-Serie Penny Dreadful, deren dritte und letzte Staffel vor kurzem ausgestrahlt wurde, und nun meldet sie sich in Tim Burtons neuestem Fantasy-Abenteuer auch auf der großen Leinwand zurück. In Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, ihrer zweiten Zusammenarbeit mit Burton, spielt sie die mysteriöse Leiterin eines Kinderheims, in dem sie eine illustre Truppe sonderlich veranlagter Zöglinge um sich versammelt. Die übernatürlichen Begabungen der Kinder reichen von der Kontrolle über die Naturgewalten über die Kraft der Unsichtbarkeit bis hin zu Bienenstöcken im Bauch, aber auch die mit Vorliebe Pfeife rauchende Miss Peregrine selbst steht ihren Schützlingen in Sachen Eigentümlichkeit in nichts nach. Ihre ganz persönliche Eigenart erlaubt es ihr, sich in einen Falken zu verwandeln und obendrein Time-Loops zu kreieren, um sich und die Kinder in Sicherheit zu wahren. Doch auch im Hause Peregrine lauern Gefahren, die nicht immer zu sehen sind, so wie die Hollows, die den kleinen Superwesen nach dem Leben trachten. Angeführt werden die seltsamen Schattenkreaturen von Samuel L. Jacksons gepeinigtem Schurken Barron, während Judi Dench als Peregrines ehemalige Lehrerin Miss Avocet (englisch für Säbelschnäbler) ebenfalls ordentlich die Federn fliegen lässt, um die Kinder am Ende vor dem Schlimmsten zu bewahren. Eine perfekte Mischung also für Tim Burton, den großen Meister der filmischen Kuriositäten, dessen unverkennbare Handschrift in jeder Szene des Films deutlich zu spüren ist, auch wenn ihm in diesem Fall der gleichnamige Jugendroman von Ransom Riggs als Vorlage für seine liebenswert-gruselige Abenteuergeschichte diente.

Miss Green, auf dem Poster zum Film sieht man Sie mit einer Armbrust bewaffnet und in gewohnt schwarzer Kleidung, allerdings tragen Sie dabei auch ein ganz sanftes Lächeln auf den Lippen. Wie muss man sich Miss Peregrine vorstellen?
Eva Green:
Tim Burton hat sie mir am Anfang am besten beschrieben. Er meinte, Miss Peregrine sei im Grunde einfach eine etwas merkwürdige Mary Poppins, und das stimmt.

Nicht zu streng also?
Eva Green: Nein, nicht zu streng. Aber sie hat ihre Regeln und ihre Prinzipien, und wenn sie will, kann sie einem auch ganz schön Angst einflößen.

Hat die Tatsache, dass Miss Peregrine in Wirklichkeit ein Vogel ist, einen Einfluss darauf gehabt, wie Sie sich auf die Rolle vorbereitet haben?
Eva Green: Ja, total. Ich hatte zunächst große Bedenken, die richtige Balance zu finden, weil ich unbedingt vermeiden wollte, dass das Animalische am Ende zu sehr überhand nimmt. Trotzdem habe ich mir jede Menge Videos von Vögeln angehen, einfach um ihre Bewegung zu studieren. Und immerhin ist Miss Peregrine ja auch nicht irgendein Vogel, sondern ein Wanderfalke, und Wanderfalken sind Greifvögel. Das heißt, ihre Stellung in der Natur ist es, andere Vögel zu erbeuten. Also habe ich mir Dokumentationen angeschaut, in denen gezeigt wird, wie sie zum Beispiel eine Taube fressen. Ich fand das alles hochinteressant. Mit anderen Worten: Miss Peregrine ist jemand, die alles für ihre Kinder tun würde, die bereit ist, ihr eigenes Leben zu riskieren, und die, wenn es sein muss, auch für ihre Kinder töten würde, um sie zu verteidigen.

„Miss Peregrine“ ist Ihre zweite Zusammenarbeit mit Tim Burton. Haben Sie das Gefühl, dass Sie etwas Besonderes miteinander verbindet?
Eva Green: Als wir Dark Shadows gedreht haben, musste ich mich ständig zwicken, um sicher zu gehen, dass ich nicht träume. Ich war seit Jahren ein großer Fan und konnte es lange nicht glauben, dass ich tatsächlich mit ihm zusammenarbeiten würde. Als er mich wegen Miss Peregrine erneut anrief, habe ich nur gesagt: „Egal was, ich spiele alles für dich!“ Und dann habe ich das Drehbuch gelesen und konnte es kaum abwarten. Miss Peregrine ist eine großartige Rolle und es ist einfach toll, in einem Burton-Film mitzuspielen, weil man darin einfach die wildesten Dinge tun kann, die man sonst vielleicht nicht unbedingt ausprobieren würde, und die einen herausfordern, über den eigenen Schatten zu springen.

Sie scheinen sich immer dann am wohlsten zu fühlen, wenn Sie eher finstere, geheimnisvolle Figuren verkörpern.
Eva Green: Ich weiß nicht, ob die Rollen, die ich spiele, tatsächlich so düster sind,  wie alle sagen. Ich sehe das nicht ganz so schwarz und weiß. Tims Filme zum Beispiel sind immer auch sehr poetisch und sie haben jede Menge Humor, deshalb wirken sie auf mich auch nicht übermäßig gruselig oder so. Worauf es mir ankommt, sind komplexe Rollen, komplexe Geschichten, und vielleicht sind die eben eher an entlegenen Orten zu finden, aber das heißt nicht, dass es in der Dunkelheit nicht auch ein Licht gibt.

„Penny Dreadful“ ist allerdings schon ziemlich düster.
Eva Green: Okay, stimmt, das gebe ich zu. (Lacht.)

Worin lag dabei der Reiz für Sie?
Eva Green: Ich kann das nicht so genau sagen, die Rolle ist einfach so ganz anders. Wir haben Miss Peregrine zwischen zwei Staffeln der Serie gedreht und es kam mir fast wie ein Urlaub vor. Penny Dreadful war unheimlich intensiv, unheimlich dramatisch. Ich liebte das sehr und habe immer alles gegeben, um die Figur tatsächlich glaubhaft zu machen. Aber auch Penny Dreadful war nicht nur goth und Horror. Ich glaube nicht, dass ich mich für die Rolle entschieden hätte, wenn es darin nur um Besessenheit gegangen wäre. Es steckt so viel Menschliches darin. Deshalb fällt es mir auch so schwer, von der Figur Abstand zu nehmen. Es war am Ende fast so, als hätte ich gar kein Korsett mehr getragen, wenn ich Vanessa spielte. Die meisten Leute finden es sicher unmöglich, wie man überhaupt Spaß daran haben kann, in so eine Rolle zu schlüpfen. Aber mich bereichert es, und mit Miss Peregrine ist das im Grunde genauso, auch wenn es eine völlig andere Figur ist, sehr Burtonesque eben.

Kannten Sie eigentlich das Buch, bevor Tim Ihnen die Rolle angeboten hat?
Eva Green: Nein, aber ich habe zuerst den Roman gelesen und dann das Drehbuch. Und mir war von vornherein klar, dass kein anderer diese Geschichte so gut umsetzen könnte wie Tim. Er ist einfach perfektes Material für ihn. Und ich bewundere die Botschaft, die darin steckt, im Sinne von: Sei stolz darauf, wer du bist. Es ist gut, anders zu sein. Das hat mich persönlich sehr berührt.

Wie waren Sie selbst als Kind?
Eva Green: Oh Gott, fragen Sie mich nicht, ich war schrecklich schüchtern. Und ich habe mich deshalb auch oft ausgeschlossen gefühlt. In der Schule war ich nie in irgendwelchen Gruppen, ich hatte immer nur eine Freundin. Selbst mit fünfzehn, sechzehn hätte ich niemals wie wir jetzt hier an einem Tisch sitzen und über mich reden können. Ich wäre ganz sicher ohnmächtig geworden oder so.

Was um alles in der Welt hat Sie dann dazu bewogen, Schauspielerin zu werden?
Eva Green: Wenn ich das wüsste! (Lacht.) Es ist schon paradox, aber ich habe irgendwann einfach alles daran gesetzt, meine inneren Dämonen zu bekämpfen. Es war ein ziemlich brutaler Prozess, um aus meiner Schüchternheit auszubrechen. Meine Mutter hat immer gesagt, es würden zwei verschiedene Persönlichkeiten in mir schlummern, und wahrscheinlich hatte sie Recht. Nur wenn ich eine Rolle spiele, fühle ich mich tatsächlich lebendig. Und ich liebe  es, jemand anderes zu sein, auch weil es mir hilft, mehr über mich selbst zu erfahren. Ich kenne mich selbst nicht wirklich gut. Und was ich auch gar nicht kann, ist improvisieren. Ich verstecke mich lieber hinter einer Figur, einem Text, anstatt mit meinen eigenen Ideen aufzuwarten. Deshalb glaube ich, könnte ich auch gar keinen anderen Beruf ausüben. Ganz abgesehen davon bin ich weit davon entfernt, mich in meiner Haut wohl zu fühlen. Es heißt ja immer, die Dinge würden mit der Zeit einfacher werden, aber das stimmt nicht. Nicht für mich.

Denken Sie, es hat zum Teil auch damit zu tun, dass Sie ausschließlich in Englisch drehen und nicht in Ihrer Muttersprache Französisch?
Eva Green: Ich würde liebend gern in Frankreich arbeiten, aber ich habe bisher einfach nichts in die Hände bekommen, dass mich auch nur annähernd interessieren würde. Und die Regisseure, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde, kommen nicht auf mich zu. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Leute, wenn sie meinen Namen hören, nicht unbedingt an eine Französin denken. Oder dass sie mich zu „übernatürlich“ finden. Das ist ein Wort, das ich ständig zu hören bekomme.

Andererseits haben Sie aufgrund der Sprache vielen französischen Kolleginnen gegenüber auch einen unschlagbaren Vorteil. Immerhin können Sie problemlos in Hollywood arbeiten.
Eva Green: Es ist schon komisch, als ich meinen ersten Film drehte, The Dreamers, hatte ich noch einen ziemlich starken französischen Akzent, was mir in dem Moment aber natürlich gar nicht bewusst war. Und dann bei Bond stand ich plötzlich unter einem extremen Druck, den Akzent unbedingt richtig hinzubekommen. Ich hatte einen eigenen Dialektcoach und habe wirklich hart daran gearbeitet.

Apropos „Casino Royale“, selbst diese Rolle war für ein Bond-Girl erstaunlich komplex.
Eva Green: Ich wollte zuerst gar nicht für die Rolle vorsprechen, weil ich befürchtet hatte, dass man mich sowieso nur in einen Bikini steckt und hübsch zurechtmacht. Aber dann habe ich das Drehbuch gelesen und herausgefunden, dass Bond sich in meine Figur verliebt und sie jemand ist, der voller Geheimnisse steckt. Und dass sie stirbt.  Aus irgendeinem Grund sterbe ich oft in meinen Filmen, keine Ahnung, woran das liegt. Ich sehe es als eine gute Übung für das Unvermeidliche.

Suchen Sie denn mittlerweile explizit auch nach anderen Stoffen?
Eva Green: Ja, definitiv. Es nervt mich, dass man mich in eine Box steckt, dabei habe ich wie gesagt weiß Gott nicht nur Hexen gespielt. Aber die Leute finden das beruhigend, wenn sie einen irgendwie einordnen können. Momentan arbeite ich mit einer schwedischen Regisseurin zusammen, Lisa Langseth, und obwohl auch das keine Komödie ist, ist es zumindest eine etwas andere Geschichte, als alles, was ich bisher gespielt habe.

Wenn Sie sich eine übernatürliche Begabung aussuchen können, wofür würden Sie sich entscheiden?
Eva Green: Ich wäre gerne unsichtbar. Das heißt, nur manchmal, nicht immer.

Warum?
Eva Green: Weil man dann Dinge tun kann, ohne dass die anderen es mitbekommen. Das hat etwas Befreiendes.

Stimmt es eigentlich, dass Sie sich selbst auch nie auf der Leinwand anschauen?
Eva Green: Ja, das kann ich gar nicht. Ich wünschte, es wäre anders, aber es geht einfach nicht. Ich weiß nicht genau, ob man das Narzissmus, aber es ist so ähnlich, nur umgekehrt.

Ihre Mutter Marlène Jobert war selbst einmal Schauspielerin. Suchen Sie manchmal ihren Rat, wenn es darum geht, sich für die eine oder andere Rolle zu entscheiden?
Eva Green: Nein, sie sagt immer nur: „Oh je, nicht schon wieder eine Verrückte!“ Das heißt, wenn ich sie jemals um Rat gefragt hätte,  hätte ich in den letzten zehn Jahren wahrscheinlich gar nicht gearbeitet, obwohl das jetzt sicher ungerecht ist, wenn ich das sage. Aber vor allem als sie mich zum ersten Mal in Penny Dreadful sah, war das ein ziemlicher Schock für sie. Ganz ehrlich, meine Mutter ist eine große Hilfe in allen Lebensfragen, nur in der Hinsicht ist sie als Beraterin völlig ungeeignet. Stattdessen folge ich lieber meinem Herzen, auch wenn das Material noch so finster ist. Solange mich eine Rolle anspricht, ist und bleibt mir das egal.