Eine Hexe, die niemandem Angst einjagt
Irgendwann in den neunziger Jahren hatten zwei junge Filmemacher eine zündende Idee, um ihrem Erstlingswerk ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Daniel Myrick und Eduardo Sánchez ließen konventionelle Erzählformen links liegen und kreierten eine Geschichte um eine Hexe, die in den Wäldern von Maryland ihr Unwesen treiben soll. Drei Studenten wollen mit einem Dokumentarfilm der jahrhunderte alten Legende nachgehen, doch im Zuge ihrer Nachforschungen verschwinden sie spurlos, nur ihre Videokamera und das bereits gedrehte Material, das die Expedition in dem unwegsamen Waldgebiet festgehalten hat, werden gefunden.
Die Rede ist natürlich von The Blair Witch Project, der nur aus dem scheinbar gefundenen Material der drei unglückseligen Studenten bestand und mit diesem „Found footage“ ein seither ziemlich produktives Subgenre in Gang setzte. Der unheimliche Erfolg des kleinen Films, der weltweit schlussendlich unfassbare 248 Millionen Dollar einspielte, soll nun im in Hollywood vorherrschenden Fortsetzungs – und Wiederaufbereitungswahn wiederholt werden.
Blair Witch präsentiert sich als Sequel, denn einer der Protagonisten möchte nach langen Jahren das mysteriöse Verschwinden seiner Schwester Heather aufklären. Mit ein paar Freunden beschließt er einen Dokumentarfilm über seine Suche zu drehen und flugs befindet sich die jungen Menschen – diesmal sind es sogar sechs an der Zahl – in besagten Wäldern Marylands. Nicht ganz überraschend nimmt der Schrecken jedoch erneut seinen Lauf.
Womit die Problemzonen der Neuauflage schon skizziert wären. Blair Witch ist weitgehend nicht viel mehr als eine Doublette des Originals, die dem Sujet überhaupt nichts Neues oder anderes abzugewinnen versteht. Vor allem aber wusste das Regie-Duo Myrick und Sánchez das Stilmittel Found footage dramaturgisch und formal kongenial einzusetzen. Das Material in The Blair Witch Project wirkt in seiner ausgebleichten Grobkörnigkeit tatsächlich wie das, was es vorgibt zu sein, nämlich ein amateurhafter Dokumentarfilm. Die wackelige, hektische Bilder der subjektiven Handkamera mit jeder Menge Point-of view-shots generierten jene Atmosphäre zwischen mythologisch begründeten Urängsten, paranoiden Zuständen und vermeintlich wirklichen Bedrohungen, in der sich die Protagonisten verfingen und die den eigenwilligen Reiz des Films ausmachte. Bei der Neuauflage hat man jedoch den Eindruck als hätte ein erfahrener Kameramann sich standhaft geweigert, visuelle Mainstream-Mindeststandards zu unterschreiten, was zur Folge hat, dass das vorgebliche Fundmaterial wie weichgespült und auf Hochglanz gebracht aussieht, was der narrativen Glaubwürdigkeit nicht wirklich zuträglich ist und den Schreckensfaktor gegen Null reduziert.
