Egon goes Mainstream: Kunst, Künstler, Konfektionsware
Entblößte, ausgemergelte, verzerrte Leiber, exponierte, deformierte Genitalien, expressive Gebärden, konfrontative Blicke: Die radikalen und originären Körper-Visionen, die sich in Egon Schieles expressionistischen Akten und Selbstbildnissen niederschlagen, irritierten, schockierten, faszinierten. Seine Kunst erregte zunächst vor allem als Skandalon Aufmerksamkeit – der rigorose Bruch mit den Konventionen der Salon-Malerei, das Obszöne seines morbide-lustvollen Werkes und nicht zuletzt seine Vorliebe für fragile Kindfrau-Modelle provozierten den offiziellen Moralkodex der prüden Donau-Monarchie. Ersehnte Anerkennung und Erfolg als Künstler wurde Schiele erst kurz vor seinem frühen Tod zuteil. Heute zählt der österreichische Maler neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten Galionsfiguren der Wiener Moderne.
Basierend auf der Romanvorlage „Tod und Mädchen: Egon Schiele und die Frauen“ seiner langjährigen Drehbuch-Koautorin Hilde Berger sucht Dieter Berner die filmische Annäherung an Schieles Kunst über die Annäherung an die Künstler-Persönlichkeit, die er aus der Perspektive jener Frauen vollzieht, die das Leben und Schaffen des Malers maßgeblich beeinflusst haben (sollen): Seine Modelle, Musen und Geliebten. Der Film deutet Schieles inzestuös gefärbte Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Gerti an, streift seine Liaison mit der exotischen Varieté-Tänzerin Moa, beleuchtet Schieles langjähriges Verhältnis mit Wally Neuzil, die er für die „rettende“ Verbindung mit den bürgerlichen Harms-Schwestern, von denen er die jüngere heiratet, schließlich aufgibt.
Berner wählt die für den narrativen Künstler-Film allzu oft erprobte Dramaturgie, reiht achronologisch zentrale Episoden und biografische Schlüsselmomente des Malers aneinander und dramatisiert die Erzählung nicht nur durch die zügige Implementierung des frühen Künstler-Todes publikumswirksam, sondern auch durch aufdringlichen Musikeinsatz. Handwerklich ist nichts zu bemängeln, weder die Kameraarbeit, die Ausstattung, die Kostüme noch das Schauspiel – vor allem Wally-Darstellerin Valerie Pachner überzeugt und bleibt in Erinnerung. Dennoch krankt das Figuren-Ensemble an Blutleere, das historisierende Bild des damaligen Zeitgeists – die Ateliers, die Wiener Kaffeehäuser, das Prater-Varieté – und der sozial-politischen Umbrüche erschöpft sich in eskapistischer Nostalgie. Ein konventionelles Drama, das keinen Schiele benötigt hätte: Brüche, narrative und visuelle Exzesse sucht man hier ebenso vergebens wie die kritische Revision der etablierten Künstler-Legenden um den titelgebenden männlichen Helden.
