Die Serie „Manhattan“ vermischt historische Fakten und fiktive Figuren zu einer fabelhaft konsistenten Geschichte.
Briefkasten 1663. Die Adresse eines Ortes, der offiziell nicht existieren darf. Ein klandestiner Mikrokosmos im Nirgendwo New Mexicos. Über dem Eingang eine Tafel: „Los Alamos Project“ – „Passes must be presented to guards“. Ein scharf bewachter Ort, an dem Geheimhaltung alles, aber Privatsphäre nichts ist. Los Alamos war im Frühsommer 1943 jener Ort, an dem unter der wissenschaftlichen Leitung des deutsch-jüdischen Physikers Robert Oppenheimer Militärkomplex, Ingenieurwesen und Wissenschaft aufeinandertreffen sollten, um unter dem Codenamen „Manhattan Project“ eine neue Weltordnung zu konstruieren.
Die schreckliche Klimax der in Manhattan erzählten Geschichte ist bekannt. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki haben den Zweiten Weltkrieg beendet, aber um welchen Preis? Natürlich wird es in der Serie später um diese große Frage gehen, doch am Anfang stellen sich andere. Wie ist das, an so einem isolierten Ort unter derart seltsamen Umständen zu leben? Wie mögen die Forscher und ihre Familien, die damals hier angesiedelt wurden, sich gefühlt haben? Ko-Showrunner und Regisseur Thomas Schlamme wusste das für Manhattan bei Cast und Crew ein Stück weit schon dadurch zu evozieren, dass er für die Dreharbeiten das Gelände eines ehemaligen Militärspitals in New Mexico sukzessive zu einem Vierzigerjahre-Set ausbauen und penibel ausstatten ließ.
Schlicht „The Hill“ wird der Ort von den Anwohnern genannt. Die allermeisten von ihnen, auch die Ehefrauen der Physiker, wissen nicht, wozu ständig neue Leute hier ankommen und wofür sie eigentlich da sind. Aus der Sicht von zwei Neuankömmlingen lernt man zu Anfang die Gemeinde kennen. Dem jungen Charlie Isaacs (Ashley Zukerman weist Starpotenzial auf) eilt der Ruf eines brillanten Forschers voraus. Als er mit seiner Frau Abby (wunderbar naiv angelegt von Rachel Brosnahan) in der Autoschlange vor dem Eingangstor steht, ahnt er noch nicht, in welchen Hahnenkampf er hineingeraten wird. Charlies Rolle wird die einer Art Heisenberg‘scher Unschärferelation im Wettstreit zweier konkurrierender, in getrennten Labors operierender Wissenschafterteams. Deren Nervosität wird später vor allem durch die Information befeuert, die Nazis unter Chefentwickler Werner Heisenberg seien mit dem Bau der Bombe Monate voraus. „We prefer to call it a gadget“ erklärt Reed Akley (undurchsichtig elegant: David Harbour), wenn Charlie nach einem Blick auf eine formelbekritzelte Tafel stante pede überreißt, was das Ganze hier soll und das Kind beim Namen nennt.
Akley, rhetorisch versiertes Alphatier, ist sicherlich der bestgekleidete Mann an diesem staubigen Platz der Weltgeschichte; sein Projekt „Thin Man“, für das Charlie geholt wurde, ist zu Beginn das aussichtsreichere. Akleys Gegenspieler heißt Frank Winter (fast wie ein Westernheld: John Benjamin Hickey). Der kämmt und rasiert sich selten, trägt grindige Anzüge und ist zumeist schlecht gelaunt. Stets eine Beleidigung für die örtlichen Bürokraten auf den Lippen, schert er sich einen Dreck um die in der Siedlung geltenden Vorschriften. Seiner im Vergleich zu Thin Man mickrigen „Implosionsgruppe“ – anfangs fünf Männer und eine Frau – kreidet Frank täglich die Opferzahlen von der Front an die Tafel, wo immer noch nicht die entscheidende Formel steht, die einen Praxistest legitimieren würde.
Die Erzählstrategie von Manhattan ist simpel und komplex zugleich. Detailversessenes Produktions- und Kostümdesign, zeitbezogene Akuratesse vom Bleistift bis zum Blusenknopf, für Laien weitgehend plausibles Wissenschaftergeplänkel, Anspielungen von Einsteins Definition des Wahnsinn bis Schrödingers Katze, von der jüdischen Golem-Legende zu Camus‘ 1942 veröffentlichtem, berühmten Roman „Der Fremde“, sprechende Kamerawinkel und Beleuchtung: Alles in Manhattan arbeitet daran, die Griffigkeit dieser Welt immersiv zu unterstützen. Entscheidend ist dabei nicht zuletzt der Score der isländischen Ambient-Musiker Jónsi & Alex, indem er Geräuschversatzstücke allerlei technischer Gerätschaften wie Schreibmaschinengetippe oder Geigerzählerknacken elektronisiert. Die meisten Figuren freilich sind frei erfunden – bis auf ein paar historisch nachempfundene wie Oppenheimer selbst, dem der physiognomisch wie darstellerisch treffende Daniel London Gestalt und Lakonie verleiht. Wo heute das Los Alamos National Laboratory 9000 Menschen Arbeit bietet, gab es damals tatsächlich in Konkurrenz stehende Divisionen von Wissenschaftern. Ob persönliche Ranküne und dringender Spionageverdacht, welche in der ersten Season weidlich die Handlung verkomplizieren, historisch belegbar sind, interessiert Serienschöpfer Sam Shaw hingegen nicht. Muss es auch nicht.
Faktizität und Fiktionalität sind in Manhattan kernfusioniert, um dem zentralen Erzählzweck der Serie zu dienen: eine leicht existenzialistisch angehauchte Atmosphäre zu erzeugen, deren geistige und physische Enge die Seelen der Figuren ankränkelt. Dazu kommt ein fast beiläufig verhandeltes Thema, das der Welt unter den Begriffen Guantánamo und Abu-Ghraib noch bestens in Erinnerung sein sollte. Welche Methoden zwischen Verhör und Folter die Behörden eines sich als frei verstehenden Staates für zulässig erachten, um mögliche Feinde dieser Freiheit dingfest zu machen, ist eine Frage, die sich hier in der Figur eines veritablen Inquisitors namens Occam personifiziert. Mit der Schärfe von „Ockhams Rasiermesser“, einer scholastischen Metapher, entfernt der von Richard Schiff gespielte Occam alle Argumente, die sein jeweiliges Opfer im Verhörraum von „The Hill“, einem stickigen Holzverschlag, entlasten könnten. Schiff ist nur einer von mindestens zwanzig Akteuren, die eine rar konsistente Ensemble-Leistung erbringen. Neben Daniel Stern, Bill Camp und Peter Stormare seien zwei Frauen lobend hervorgehoben: Olivia Williams spielt Frank Winters Gattin Liza und legt ihre Rolle als zur Passivität verdammte Biologin in der Nähe von Katharine Hepburn an. Die Niederländerin Katja Herbers wiederum strahlt als Implosionsforscherin Helen Prins eine smarte, kecke und herzerfrischende weibliche Energie in einer Männerdomäne aus.
Am Schluss ein kleiner Rezeptionshinweis zur ersten Season: Manche Szenen der finalen Folge sind subtil als Echo der ersten angelegt. Ihre volle Wirkung können sie nur entfalten, wenn die Sichtung des Piloten nicht zu weit zurückliegt. Das federt dann auch die doch recht abenteuerliche Schlusswendung ab, welche die Integrität der Erzählhaltung durch übertriebene Überraschungslust anzukratzen droht. Eine Figur in Manhattan wird sich schlechterdings als Allegorie eines Forschers erweisen, der an der Aufgabe, eine Massenvernichtungswaffe von ungekannter Zerstörungskraft bauen zu müssen, zerbricht. Andere Figuren werden sich weiterhin einer bohrenden Frage stellen müssen: Wenn man die Formel „we sacrifice the few to save the many“ im Fall des Falles nicht auch auf sich selbst und seine Lieben anwenden würde, welchen Wert hat sie dann?
