Period Serials

Bonusmaterial

| Roman Scheiber |
Zeitstücke und kein Ende: ein brandneues britisches, ein italienisches und ein weiteres US-amerikanisches Beispiel.

John Lithgow als Winston Churchill! Womöglich lohnt diese Besetzung allein, mit The Crown anzufangen. Wir erinnern uns: In Stephen Frears‘ The Queen (2006) gab Helen Mirren die Königin von England (im Jahr, als Tony Blair Premier wurde und Diana starb) und wurde dafür mit dem Oscar gekrönt. Nun soll unter der Ägide des damaligen Drehbuchautors Peter Morgan eine dramatisierte Gesamtretrospektive auf das Leben der Queen entstehen, aus Respekt vor der mittlerweile 90-jährigen Monarchin vermutlich annähernd faktentreu. Gespielt wird die junge Elisabeth II zunächst von der über Großbritannien hinaus bislang wenig bekannten Claire Foy. Die Serie über jene Frau, deren Krönungszeremonie 1953 als erste via TV zu sehen war, setzt mit der Hochzeit 1947 ein und soll in mehreren Schüben bis in die jüngere Vergangenheit expandieren. Bei kolportierten 80 Millionen Dollar Rekordbudget für die erste Tranche rechnet Netflix als Fortführungsbedingung wohl mit ähnlich beeindruckend steigenden Abozahlen. Der Trailer vermag der anachronistisch riesigen Royal-Fangemeinde viel zu versprechen (Erstausstrahlung ab 4. November).

Dass House of Cards gegen 1992 ein müder Kartentrick sei, ist ein leicht zu durchschauender Bluff; wer 1992 als Italiens Mad Men bezeichnet, schreibt einen Stiefel. Doch die Sky-Italia-Produktion hat beachtlichen Unterhaltungswert und beträchtliche historische Qualität. Die Idee zu der durchaus soziologisch interessierten Politikserie hatte der italienische Schauspielstar Stefano Accorsi, sein Werbeprofi Leonardo Notte ist ein Alpha-Männchen mit Omega-Seele (daher der Vergleich mit Don Draper). Mit Aplomb, äh, „con enfasi“, also jedenfalls dreist und trittsicher bewegt sich Notte als prototypischer Konzern-Spindoctor in einer 1992 politisch völlig verfilzten und moralisch verkommenen Republik. Die realitätsnahe Rahmenhandlung, nämlich der Aufstieg der prolligen Lega Nord auf der einen Seite und erste Erfolge der Antikorruptionsbehörde Mani Pulite auf der anderen, führt auf mitunter packende Weise nicht zu mehr Demokratie, sondern bekanntermaßen zu mehr Berlusconi. Eine von Miriam Leone, Miss Italia 2008, gespielte Möchtegern-Bildschirmberühmtheit evolviert im Lauf der zehn Folgen von einer selbstwertarmen, aufmerksamkeitsdefizitären Zicke zur stark berührenden Figur. (Inklusive reichhaltigem Bonusmaterial auf Disc bei Polyband, wo auch die erste Season der Netflix-Serie Narcos über den Drogenbaron Pablo Escobar, den in den achtziger Jahren vielleicht meistgefürchteten Kriminellen der Welt, erhältlich ist – „There‘s no business like blow business“, so die hübsche Tagline.)

Die etwas andere Krankenhausserie The Knick von Jack Amiel, Michael Begler und Steven Soderbergh verhandelt kluge Fragen von Rasse, Klasse, Geschlecht, Wissenschaft und medizinischem Fortschritt (siehe ausführlich „ray“ 11/14), auch in der zweiten Saison. New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Dr. John Thackery kehrt nach einer Drogen-Entziehungskur zurück ins Knickerbocker Hospital, das gerade einen Umzug plant. Statt durch seinen berühmten Namen als Chirurg Spender für den Neubau zu gewinnen, möchte Thackery lieber nach den Ursachen für Drogensucht forschen und ein Heilmittel finden. Neben Clive Owen verarzten u.a. Eve Hewson, die ätherische Tochter von U2-Frontmann Bono, die wunderbare Juliet Rylance und der charismatische André Holland als afroamerikanischer Chirurg, dem anfangs das Augenlicht abhanden zu kommen droht. Soderbergh wünscht sich insgesamt sechs Seasons, indes leider noch fraglich ist, ob The Knick es überhaupt in Operationssaal drei schaffen wird. Die US-Kritik wies zurecht auf die herausragende „Craftsmanship“ hin, mit der The Knick von der HBO-Schwester Cinemax produziert wird, und verliebte sich in die zweite Season noch mehr als in die erste (S2 auf Disc bei Warner).

Apropos Cinemax: Ein neuer Titel des Senders ist die Post-Vietnam-Thrillerserie Quarry, offenbar ein besonders heißer Feger auf dem herbstlichen Serienparkett (derzeit in OV auf diversen Sky-Kanälen, ab Dezember wahlweise in deutsch auf Sky Atlantic HD). Und für alle, die ein schön bürgerliches, was heißt: schön adeliges Weihnachtsgeschenk suchen – Downton Abbey gibt es ab 17. November in einer luxuriösen Gesamtedition (bei Universal), „ray“ hat mehrfach ausführlich berichtet.