Alles was kommt / L’avenir

Filmkritik

Alles was kommt / L’avenir

| Roman Scheiber |
Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss.

Nathalie unterrichtet Philosophie am Pariser Lycée. Wenn sie ihren Eleven aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag vorliest, ahnt sie noch nicht, dass ihr Mann vorhat, ihr nach 25 Jahren den Ehevertrag zu kündigen – natürlich wegen einer anderen Frau. Der Kleinverlag, bei dem sie eine Buchreihe veröffentlicht, erfindet eine marketing-orientierte Vertragsklausel zum Kopfschütteln.

Einen neuen Mobilfunkvertrag bräuchte sie auch, so selten hat sie ein Netz. Und wenn, dann ruft ihre Mutter an. Auch mit der hat es zu tun, dass Nathalie immer wieder ungeduldig ihr Handy traktiert. Denn Maman sucht verstärkt, zunehmend wirr und kindlich, Nathalies Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Immerhin, Nathalies Kinder sind erwachsen und gut geraten.

Von wegen das Leben ist ein langer ruhiger Fluss. In ihrem fünften Spielfilm L’Avenir zeigt Mia Hansen-Løve, dass Theorien von Geistesriesen von geringem Nutzen sind für eine Intellektuelle, deren bislang für ihre Bedürfnisse praktisch eingerichtetes Dasein von jetzt auf dann neu geordnet werden will. Hansen-Løve macht das prozessbetont, wie in allen ihren Filmen, mit Esprit und Witz und großem Verständnis vom Leben, in einer charmant beiläufigen Tonlage. Und sie hat mit Isabelle Huppert eine kongeniale Hauptdarstellerin.

Schon seit mehr als vier Jahrzehnten stöckelt die Huppert durch Filme von Chabrol bis Haneke, hat einige der eindrücklichsten und abgründigsten Figuren gespielt und dabei nichts von ihrer energetischen Ausstrahlung eingebüßt. Jüngst ist sie wieder enorm produktiv; in L’Avenir gelingt ihr ein wahres Kunststück: das Porträt einer hochgebildeten, gescheiten Frau, die plötzlich auf ihre verkümmerten intuitiven Fähigkeiten zurückgreifen muss.

Nüchtern versucht Nathalie mit der Situation umzugehen, in Bewegung zu bleiben. Lenkt sich auf einer Landpartie mit der politisch bewegten Gruppe eines ihrer früheren Studenten ab, obwohl Politik sie eigentlich nicht interessiert. Kein einziges Mal beklagt sie sich bei irgendwem, doch man spürt, wie ihr Gefühle von Enttäuschung und Alleinsein und drohender Einsamkeit im Alter dazwischenfunken. In einer schönen Szene von L’Avenir fährt Nathalie im Bus durch Paris, gedankenverloren schaut sie aus dem Fenster. Plötzlich sieht sie für eine Sekunde ihren Mann mit seiner Neuen auf der Straße. Wie da Erschrecken in Ärger und Trotz übergeht, das kann so nur die Huppert. Aber da ist Nathalie noch nicht angekommen in ihrem Leben als nicht bloß theoretisch freier Mensch. Was eine Katze namens Pandora damit zu tun haben wird: Sehen Sie es am besten selbst.