Filmkritik

Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka / Au nome de ma fille

| Jörg Schiffauer |
Die Suche nach Gerechtigkeit gerät zur Obsession

Im Oktober 2009 nahm ein Kriminalfall, der seit mehr als einem viertel Jahrhundert die Justiz beschäftigt und die Öffentlichkeit aufgewühlt hatte, einen dramatischen Höhepunkt. André Bamberski veranlasste die Entführung des Mannes, den er für den Mörder seiner Tochter hielt, um ihn der französischen Justiz auszuliefern. Das Drama hatte bereits 1974 seinen Ausgang, genommen, als sich der Franzose Bamberski aus beruflichen Gründen mit seiner Familie in Marokko aufhielt, wo sie den Arzt Dieter Krombach kennen lernten. Seine Frau begann eine Affäre mit Krombach, den sie nach der Trennung von Bamberski auch heiratete und mit ihm nach Deutschland zog. Trotzdem blieb das Verhältnis unter allen Beteiligten zunächst amikal, auch die beiden Kinder kamen gut mit ihrem neuen Stiefvater aus. Doch während eines Ferienaufenthalts starb die 14-jährige Kalinka völlig unerwartet im Haus Krombachs. Obwohl die deutschen Behörden die Angelegenheit rasch abschließen, erhärtet sich für André Bamberski immer mehr der Verdacht, dass Krombach seine Tochter ermordet hat, um den zuvor begangenen sexuellen Missbrauch zu verdecken. Zunächst will niemand, nicht einmal seine Ex-Frau; Bamberski Glauben schenken, doch mit unglaublicher Hartnäckigkeit verbeißt er sich geradezu in die Sache. Er erreicht nach Jahren ein Verfahren in Frankreich, bei dem Dieter Krombach in Abwesenheit schuldig gesprochen wird. Doch weil dieser aus seiner deutschen Heimat nicht ausgeliefert wird, entschließt sich Bamberski zu jenem eingangs geschilderten, drastischen Schritts.

Die Geschichte um den Tod von Kalinka Bamberski wirft neben der zutiefst tragischen Komponente vor allem Fragen grundsätzlicher Natur – rechtlich und philosophisch – auf, die hinreichend Stoff für ein Drama von epischer Dimension bieten. Vincent Garenq entscheidet sich jedoch bei seiner Inszenierung für einen eher nüchternen True-Crime-Ansatz. Das ist bei spektakulären Kriminalfällen grundsätzlich nicht der schlechteste Zugang, doch hier bleibt ein für den gegenständlichen Fall zentrales Element ein wenig auf der Strecke. Denn bei seiner Suche nach Gerechtigkeit entwickelt André Bamberski einen geradezu besessenen Eifer, über den er Beruf sowie emotionalen Bindungen verliert und nur noch darauf fixiert ist, Krombachs habhaft zu werden. Garenq nützt jedoch das schauspieerische Potenzial von Kalibern wie Daniel Auteuil und Sebastian Koch nicht genügend, um anhand zweier Antagonisten exemplarisch Motive wie Schuld und Sühne oder Gerechtigkeit und Rache aufzuzeigen. Stattdessen arbeitet sich Garenq an den entscheidenden Stationen des Falls zu einfach ab. Als sich André Bamberski am Schluss trotz seines juristischen Erfolgs weitgehend selbst verloren hat, bleibt so nur noch das Gefühl, das König Pyrrhos grüßen lässt.