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Filmkritik

Jeder stirbt für sich allein / Alone in Berlin

| Oliver Stangl |
Postcards from the Edge

Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“, der auf dem authentischen Fall eines Ehepaars beruht, das von 1940 bis 1942 Postkarten mit Anti-Hitler-Parolen in Berlin verteilt hatte und 1943 wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ hingerichtet wurde, hat bereits mehrere Verfilmungen hinter sich: Darunter 1970 als Dreiteiler für das DDR-Fernsehen oder 1976 als leicht rührseliges BRD-Kinostück mit einer immerhin starken Hildegard Knef (Regie: Alfred Vohrer). Falladas Text war die erste literarische Auseinandersetzung eines deutschen Autors mit dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime; die Veröffentlichung erlebte der Autor (1893–1947), der das Buch in nur vier Wochen zu Papier gebracht hatte, nicht mehr. Nachdem der Roman im Jahr 2002 neu übersetzt wurde, avancierte er zu einem überraschenden Bestseller in Ländern wie den USA, Israel oder Großbritannien – eine Neuverfilmung war also nur eine Frage der Zeit. Vincent Perez zielt mit seinem dritten Langfilm als Regisseur offensichtlich auf ein breites internationales Publikum ab und so irritiert es zunächst, dass ganz Nazi-Berlin perfektes Englisch spricht – wenngleich mit leicht deutschem Akzent (Tarantino hat mit seinem zweisprachigen Meisterwerk Inglourious Basterds hier nun mal einen nachhaltigen Standard gesetzt). Doch auch sonst hat der Film Probleme: Die Transformation des Arbeiterehepaars Otto (Brendan Gleeson) und Anna Quangel (Emma Thompson), das früher offenbar Sympathien für den Nationalsozialismus hegte und sich aufgrund des Kriegstods des einzigen Sohnes zum Widerstand entschließt, wird nicht ausreichend behandelt, um wirklich glaubhaft zu sein; Nebenplots wie das Schicksal einer jüdischen Nachbarin fallen zu schnell aus dem Film. Die exzellenten Schauspieler Gleeson und Thompson haben zu wenige Momente, in denen sie mit kleinen Gesten ihre Gefühle füreinander ausdrücken können – im Großen und Ganzen sind sie dazu verdammt, mit versteinerten Mienen durch den Film zu schreiten. Ähnliches gilt für Daniel Brühl als Kommissar, der hinter den Postkartenschreibern her ist und dabei zunehmend brutal von der SS unter Druck gesetzt wird. In der zweiten Hälfte gibt sich der Film, der das Ehepaar beim Hinterlassen der Postkarten an öffentlichen Orten zeigt, hauptsächlich als Thriller, doch nutzt er die Möglichkeiten des Genres zu selten aus – selbst Alexandre Desplats auf Spannung setzende Musik wirkt hier erstaunlich konventionell. Auch die Rolle der Stadt wird vernachlässigt: Berlin erscheint auch im Kriegszustand als herausgeputzte Kulisse. Schade, denn die Prämisse „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“ in Verbindung mit der Geschichte einer Liebe in Zeiten einer Diktatur hätte das Potenzial für großes Kino gehabt.