Von unerforschten Weiten und verkauften Prinzipien
Der Name Jacques Cousteau ist den meisten ein Begriff. Manche haben den Namen schon einmal irgendwo gehört, andere wissen zumindest, dass er ein Meerespionier war, doch kaum einer weiß heute, welch ambivalente Figur Monsieur Cousteau gewesen ist. Als er seine große Leidenschaft, das Fliegen, nach einem Unfall nicht mehr ausüben kann, widmet sich der Vater zweier Söhne seiner zweiten Liebe: dem Meer. Er taucht, filmt, forscht und entwickelt neues, verbessertes Equipment. Auch seine Frau und seine Söhne zieht er in den Bann des Meeres, wobei die Beziehung zum jüngeren Sohn, der stets ein bisschen wagemutiger ist als der ältere, eine sehr enge ist. Immer an Jacques Cousteaus Seite ist seine loyale Ehefrau, die schon einmal die Familienjuwelen verkauft, um den Traum vom eigenen Forscherschiff zu ermöglichen. Ein erster Bruch zwischen Vater und Söhnen passiert, als diese ins Internat geschickt werden, damit die Eltern reisen und forschen können und es zeichnet ein erstes Bild der immer weiter steigenden Selbstsüchtigkeit Cousteaus, durch die nicht nur geliebte Menschen sondern auch Prinzipien auf der Strecke bleiben. Der Verkauf der eigenen Ideale, Affären, Gleichgültigkeit gegenüber jenen Dingen, die zählen sollten treiben Cousteau immer mehr von jener Person weg, die einst aufbrach um die Meere dieser Welt zu entdecken.
L’Odyssée wird von dem perfekt gecasteten Ensemble getragen, allen voran Lambert Wilson, der für die Rolle wochenlang hungerte um der ausgezehrten, drahtigen Gestalt Cousteaus nahe zu kommen. Unermüdlich verfolgte Jacques Cousteau seinen Traum, das Meer zu erobern, jeden Winkel des Ozeans zu sehen und ganze Städte unter Wasser zu errichten. Kooperationen mit großen Ölkonzernen und der verantwortungslose Umgang mit Fauna und Flora sind dabei Mittel zum Zweck. Cousteau erscheint als ein Besessener, der als Gegenleistung für Forschungsgeldern beinahe zu jeder Schandtat bereit ist und von seinem geliebten Sohn, der eine völlig neue Perspektive auf die Welt und die ökologischen Zusammenhänge hat, erst langsam wach gerüttelt wird. Jérôme Salle gelingt ein fundiertes Porträt über den Erforscher der Meere mit der roten Mütze als Markenzeichen. Neben geschichtlichen und biographischen Aspekten behandelt L’Odyssée grundlegende Themen wie den Generationenkonflikt oder die Frage, ob Pioniergeist Egozentrik rechtfertigt, auf sehr einfühlsame Weise. Pierre Niney überzeugt als jüngerer Sohn Cousteaus mit seinem Spiel und der Darstellung des Zwiespalts zwischen der Liebe zum Vater, der Bewunderung für seine Leidenschaft und der Verachtung für seine Methoden.
