Heldentum in Zeiten des modernen Zynismus
An einem kalten Nachmittag im Jänner des Jahres 2009 standen Dutzende von bibbernden Passagieren auf den Flügeln eines Airbusses – auf dem Hudson River in New York City. Ein Vogelschwarm hatte kurz nach Abflug die Triebwerke zerstört, und der Pilot, Chesley „Sully“ Sullenberger, landete die Maschine im Wasser, um sich und die 154 Menschen an Bord zu retten. Statistisch gesehen hätten alle sterben müssen. Sully wurde über Nacht zum Helden – ein Titel, den er ablehnte. Soweit es ihn betraf, tat er lediglich seine Arbeit. Nun lag da aber ein teures Flugzeug im Hudson, was weder die Airline noch die Versicherung freute. Obwohl Sullenberger in den Augen der Öffentlichkeit ein Superstar war, musste er gemeinsam mit seinem Ko-Piloten Jeff Skiles seine Entscheidung vor der Flugverkehrsbehörde verteidigen. Warum so viele Leben riskieren? Hätte er nicht doch zurück zum Flughafen fliegen können? Die Computersimulationen zeigen zunächst, dass er es geschafft hätte, während Sully mit Trauma und Rampenlicht zu kämpfen hat.
Auf der Grundlage von Sullenbergers Buch „Highest Duty“ untersucht Clint Eastwood in seiner Filmadaption auf zutiefst kompetente Weise, was es bedeutet, in einer zynischen Zeit heroisch zu sein, und die anscheinende Unfähigkeit der modernen Gesellschaft, eine edle Tat zu schätzen. Der Vorfall dauerte nur 208 Sekunden, aber Filmzeit ist magisch, und so beugt Eastwood Zeit und Raum und wiederholt besagte atemberaubende Landung immer und immer wieder aus verschiedenen Perspektiven. Hier öffnen sich ein paar Minuten im Leben eines Mannes, die wiederum das moralische Zentrum der Welt bloßlegen. Aber Sully (Tom Hanks) bleibt ein unkomplizierter Held im Gegensatz zu, sagen wir, Chris Kyle in American Sniper. Beide Filme handeln im Kern von außergewöhnlichen Männern mit einer „just doing my job“-Mentalität. Es ist die Art von patriotischem Heldenstoff, die sowohl Eastwood (hier ausnahmsweise technisch versiert) als auch Hanks (in einer beliebigen Anzahl von Filmen wie Captain Phillips oder Bridge of Spies) entschieden beherrschen.
Sully ist ein schöner Film, wenn auch nicht perfekt. Er verwandelt eine behördliche Routinebefragung in einen Pseudo-Thriller und gibt Nebenfiguren eindimensionale Auftritte. Aber Eastwood legt das gleiche Understatement an den Tag, das der Film in seinem Protagonisten feiert. An einer Stelle macht sich Sully Sorgen, ob die Menschen ihn als „Held oder Schwindel“ sehen, der Film lässt mit Recht keinen solchen Zweifel zu.
