James Schamus hat über 25 Jahre lang die Filme von Ang Lee und anderen Regiegrößen produziert und manchmal auch geschrieben. Jetzt, mit Mitte fünfzig, hat er sich zum ersten Mal selbst hinter die Kamera gewagt – Empörung? Ganz im Gegenteil. Ein Vergnügen.
Wenn einer für sein Regiedebüt nach einem Roman von Philip Roth greift, dann muss er wissen, was er tut. Für James Schamus gab es da nicht viel zu überlegen. Als Produzent, Drehbuchautor und einer der engagiertesten Wegbereiter des Independent-Kinos der neunziger Jahre hat er im Laufe seiner Karriere so manchem Debütanten auf die Sprünge geholfen und dabei auch einiges für sich selbst dazugelernt. Vor allem seine lange, enge Zusammenarbeit mir Ang Lee, mit dem er Filme wie Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000), The Ice Storm (1997) oder den Oskar-Gewinner Brokeback Mountain (2005) in die Kinos brachte, hat über die Jahre immer wieder Früchte getragen. Zudem stand der sympathische Wahl-New-Yorker 13 Jahre lang an der Spitze des Arthouse-Studios Focus Features, war dort unter anderem für Welterfolge wie The Pianist (2002), Lost in Translation (2003) und zuletzt Dallas Buyers Club (2013) verantwortlich, bevor er kurz darauf nach einer überraschenden Umstrukturierung die Firma verlassen musste. Zur Ruhe kommt der heute 57-jährige deshalb jedoch noch lange nicht. Denn wenn er nicht gerade an einem neuen Skript bastelt, den nächsten Kinohit produziert oder neuerdings selbst Regie führt, unterrichtet der gelehrte Philosoph ganz nebenbei auch noch Filmgeschichte an der Columbia University.
Theorie und Praxis gehen bei Schamus immer eng zusammengehen. Beste Voraussetzung also für seinen ersten Film als Regisseur: Indignation (Empörung), dessen Handlung auf Roths gleichnamigem Bestseller von 2008 basiert, einem existentiellen Lehrstück, das im amerikanischen College-Milieu der frühen fünfziger Jahre vor dem Hintergrund von McCarthy-Ära und Koreakrieg spielt. Erzählt wird darin die Geschichte von Marcus Messner (Logan Lerman), den Sohn eines jüdischen Metzgers in Newark, New Jersey, der alles andere im Leben vorhat, als in die Fußstapfen seines geradezu zwanghaft überbesorgten Vaters zu treten. Während die meisten seiner Freunde in den Krieg ziehen, verschlägt es Markus zunächst an das beschauliche, protestantische College von Winesburg, wo er schließlich mehr fürs Leben lernen soll, als ihm lieb ist. Das Beste, was ihm jedoch dort passiert, ist die Begegnung mit der fragilen Olivia (Sarah Gadon), deren sexuelle Freizügigkeit den 19-jährigen Musterschüler zunächst einmal ordentlich aus der Fassung bringt. Doch lange dauert es nicht, bis ihre Romanze überschattet wird von der langsam aufkeimenden Katastrophe, auf die der Film mit gezielt verhaltener Wucht hinsteuert. Schamus dagegen behält die Zügel in jeder Einstellung fest in der Hand und belegt mit Indignation auf äußerst sehenswerte und nachhaltige Weise, dass es auch für einen Erfolgsproduzenten wie ihn nie zu spät ist, das Fach zu wechseln.
Interview mit James Schamus
Herr Schamus, nicht wenige Regisseure sind bisher daran gescheitert, einen Roman von Philip Roth erfolgreich fürs Kino zu adaptieren. Was hat Sie ausgerechnet an „Indignation“ so fasziniert, dass es Ihre erste Regiearbeit werden sollte?
James Schamus: Ich habe das Buch vor ein paar Jahren am Flughafen gekauft. Es gab dafür zunächst keinen besonderen Grund. Ich bin nur ein sehr langsamer Leser und der Roman ist kurz, das bot sich an. Aber es hat nicht lange gedauert, da hatte mich die Geschichte total gepackt. Ich war fasziniert von den Figuren und dachte sofort darüber nach, ob das nicht doch ein Philip Roth Roman ist, der sich verfilmen lässt. Allerdings wusste ich auch, dass ich nicht der erste war, der in diese Falle tappte. Es ist, wie Sie es sagen, seine Bücher sind extrem schwer zu adaptieren.
Woran liegt das?
James Schamus: Hauptsächlich daran, dass das Genie seines Schreibens in einer intensiven, geradezu perversen Ehrlichkeit liegt, die sich um die Handlung wickelt, ohne dass dies zwangsweise dem Erzähler beziehungsweise der Hauptfigur bewusst ist, was dazu führt, dass seine Figuren oftmals ziemlich grob oder schroff wirken und nur schwer zugänglich sind. Trotzdem steckt gleichzeitig auch viel Liebe darin und, wie gesagt, viel Ehrlichkeit. Aber sowas lässt sich im Kino bekanntermaßen extrem schwer umsetzen.
War es von Anfang an geplant, dass Sie selbst Regie führen würden?
James Schamus: Ich war gerade arbeitslos geworden, nachdem Focus mich gefeuert hatte, aber das kam mir ganz gelegen. Ich hatte sowie vor, irgendwann Abstand zu nehmen von der Studio-Branche, allerdings wollte ich erst abwarten, bis meine beiden Töchter mit der Schule fertig waren. Und plötzlich saß ich also da, ohne Job, die Kinder aus dem Haus und mit einem Drehbuch in der Hand, an dem zu arbeiten mir unheimlich Spaß gemacht hatte. Nur hatten alle Leute, die für mich als Regisseure in Frage gekommen wären, gerade irgendetwas anderes zu tun. Und dann meinte meine Frau irgendwann dann zu mir: „Warum versucht du es nicht einfach selbst?“ Und das war’s.
Mussten Sie viel dazulernen?
James Schamus: Ich wollte eine neue Herausforderung, ich wollte dazulernen, Dinge tun, die ich vorher noch nie gemacht habe, und es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Aber ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass es auch verdammt harte Arbeit war. Eine Sache, die mir nie jemand gezeigt hatte, war beispielsweise, wo man die Kamera platziert. Das klingt total simpel, ich weiß, aber wenn man es zum ersten Mal macht, kann einem dabei schon mulmig werden. Und ich gebe gern zu, dass ich wirklich schreckliche Angst hatte, einen Fehler zu machen, weil ich zunächst keine Ahnung hatte, was man tun muss, um genau die Einstellung zu bekommen, die man haben will. Und dann habe ich mich einfach in die Arbeit gestürzt und mich vorbereitet so gut es ging, wochen- und monatelang, bis ich die Angst irgendwann überwunden hatte.
Haben Sie sich Rat geholt?
James Schamus: Ich habe über die Jahre ganz gut aufgepasst und ein, zwei Dinge gelernt, vor allem, dass Ratschläge überbewertet sind. Denken Sie mal drüber nach. Was ist der beste Rat, den Sie je bekommen haben? Erinnern Sie sich daran? Wir denken immer, wir brauchen unbedingt einen guten Rat, aber am Ende stellen wir fest, dass egal, ob wir auf den Rat gehört haben oder nicht, das Gegenteil davon auch immer war ist. Zum Beispiel: Jemand rät Ihnen, das zu tun, was Sie lieben. Aber dann müssen Sie auf einmal etwas tun, das Sie nicht lieben und stellen fest, dass Sie diese Erfahrung extrem bereichert hat. Und so ist es mit allem im Leben. Die Regel, auf die man selber kommt, ist immer mehr wert als die Regel, die einem irgendein anderer vorgibt. Aber davon abgesehen, habe ich natürlich mit ein paar Leuten gesprochen, bevor ich mich auf den Regiestuhl gesetzt habe. Allerdings weniger, um nach Rat zu fragen, als um einfach darüber zu reden. Ang Lee war beispielsweise jemand, der sich explizit geweigert hat, mir irgendwelchen Rat zu geben, worüber ich sehr froh war. Aber er kam ans Set und wir haben geredet. Und wie gesagt, ich war gut vorbereitet. Denn was ich unbedingt vermeiden wollte, war, dass man mich als einen diesen Regie-Trottel abstempelt, über die ich mich selber früher immer aufgeregt habe. Wenn mich früher ein Produzent anrief, um nach Referenzen für einen Regisseur zu fragen, habe ich immer gesagt: „Es gibt eigentlich nur zwei Gründe, warum einer als Regisseur nichts taugt: Entweder derjenige ist einfach ein Vollidiot oder er ist nicht vorbereitet und kann keine Entscheidungen treffen.“
Sie selbst sind ein ziemlicher Sonderfall in der Filmindustrie, jemand, der als Drehbuchautor und Produzent in der Chefetage über viele Jahre sehr erfolgreich war und plötzlich hinter die Kamera wechselt. Das hört man nicht oft.
James Schamus: Das mag sein, weil es nämlich potentiell auch ziemlich demütigend sein kann, das heißt, ich kann gut verstehen, dass es nicht viele wie mich gibt. Aber Regie führen ist schon noch einmal was anderes. Am Ende ist es „mein“ Film, mehr oder weniger. Ich sage das jetzt so, obwohl es mir sehr wichtig war, dass im Vorspann nicht steht „Ein Film von“, sondern nur „Regie James Schamus“. Was nicht heißt, dass ich etwas gegen Autorenfilmer habe, die das anders machen, immerhin habe ich meine ganze Karriere zum Großteil dem Autorenkino zu verdanken. Aber gerade deshalb fand ich für mich persönlich den Regie-Credit in dem Fall angemessener.
Mit Logan Lerman und Sarah Gadon haben Sie eine hervorragende Besetzung für Ihren Film gefunden. Haben Sie lange suchen müssen?
James Schamus: Nein, und es freut mich wirklich riesig für die beiden, dass sie mit dem Film, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, denn die haben sie unbedingt verdient. Selbst wenn der Film am Ende nicht genügend Geld einspielt, um die Produktionskosten zu denken, hat es sich allein dafür gelohnt. Was das Casting angeht, das ging alles sehr schnell. Sobald ich das Drehbuch fertig hatte, schickte ich es zu meinem Produzenten, Antony Bregman, dem ich übrigens vor zig Jahren seinen allerersten Job verschafft habe, als mein Assistent – das heißt, hier haben Sie mal eine gute Regel: Seien Sie immer nett und freundlich zu Ihren Assistenten, dann können die später Ihre Filme produzieren! Aber zurück zu Ihrer Frage: Zunächst sind wir mit dem Skript zu Logan gegangen, oder besser, bin ich nach L.A. geflogen, um mich mit ihm zu treffen. Nach vier Stunden, in denen wir zusammensaßen und über das Buch redeten, war alles geklärt. Auf dem Rückweg dachte ich nur: Das ist es! Jetzt schaffen wir‘s bestimmt! Denn zu dem Zeitpunkt waren wir noch dabei, die Finanzierung zu klären.
Und Sarah?
James Schamus: Ich bin seit Ewigkeiten ein großer Fan von ihr. Sie ist jemand, bei der ich stets das Gefühl habe, dass sie jeden Moment ein ganz großer Star werden könnte. Andererseits ist sie fast zu gut dafür und damit meine ich, dass sie, weil sie so gut ist, ganz oft hinter ihren Rollen verschwindet. Deshalb finde ich es so wunderbar, dass sie jetzt durch den Film als Schauspielerin wieder ein Stück mehr in den Vordergrund rückt.
Religion ist ein großes Thema in Roths Roman und auch in Ihrem Film. Sie selbst stammen aus einem jüdischen Elternhaus. War das auch ein Grund, warum Sie die Geschichte interessiert hat?
James Schamus: Wahrscheinlich schon. Ich habe die letzten anderthalb Jahre an einem Drehbuch für David Heyman von Lionsgate gearbeitet, das auf Reza Aslans wunderbarem Roman Zealot: The Life And Times Of Jesus Of Nazareth basiert. Das heißt, ich habe massenweise recherchiert über Palästinensisches Judentum im ersten Jahrhundert und die Geburtsstunde des Christentums, und ich fand es unheimlich spannend. Aber das ist Stoff für unser nächstes Gespräch, das schaffen wir heute nicht alles. Nur so viel: Es ist immer wieder erstaunlich, dass Hollywood nicht mehr jüdische Filme macht.
Was denken Sie, ist der Grund dafür?
James Schamus: Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. In der akademischen Forschung gibt es seit langem schon ein starkes Interesse an der Geschichte der jüdisch-amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Nur Hollywood sträubt sich meiner Ansicht nach noch immer vehement dagegen, das Thema offen anzusprechen. Dabei ist es ja nicht so, als gäbe es keine Juden in Hollywood. Logan ist jüdisch, ich bin jüdisch, aber selbst mir schien es ehrlich gesagt etwas bizarr, einen Film zu machen, der den Fokus darauf richtet, eben weil es längst keine Selbstverständlichkeit ist.
Sie haben im Laufe Ihrer Karriere mit vielen großen Filmemachern gearbeitet. Haben Sie Vorbilder, was Ihren eigenen Stil als Regisseur angeht?
James Schamus: Die gibt es sicher, aber die Sache ist, dass ich nicht darüber nachdenken will. Ich möchte nicht wissen, wer oder was genau dahinter steckt. Außerdem habe ich zu oft erlebt, was passiert, wenn junge Regisseure, die ihren ersten Film drehen, der Crew zum Auftakt erst einmal ihren Lieblingsfilm vorspielen, Das siebente Siegel von Bergman oder was weiß ich. Danach sitzen alle nur verdutzt da und denken sich: Und jetzt? Für mich war es wichtiger, dass ich die Dinge einfach auf mich zukommen lasse. Nichtsdestotrotz glaube ich schon, dass der Film einen bestimmten Stil hat, eine gewisse Handschrift trägt, gerade weil ich meine eigenen Entscheidungen getroffen habe, anstatt mich von irgendwelchen Idealen leiten zu lassen. Und das Interessante daran ist, dass ich im Nachhinein festgestellt habe, dass einige dieser Einflüsse auf Filme zurückgehen, die ich bestimmt schon zehn, fünfzehn Jahre nicht mehr gesehen habe. Und wenn sie mich vorab gefragt hätten ob die Filmemacher zu meinen Vorbildern gehören, dann hätte ich nein gesagt. Louis Malle zum Bespiel, wer hätte das gedacht. Aber wenn ich mir den Film jetzt anschaue, dann sehe ich da schon Parallelen. Das ist schon verrückt.
