United Kingdom

Makellos gut

| Pamela Jahn |
Hauptrolle, nein danke: Rosamund Pike besinnt sich nach ihrem Erfolg mit „Gone Girl“ auf eine klassische, wahre Liebesgeschichte und erobert in Amma Assantes „A United Kingdom“ mehr als nur die Herzen einer Nation.

Am Anfang sieht man sie nur von hinten. Dann hebt Rosamund Pike langsam den Kopf, um ihren Blick in Richtung Kamera zu lenken. Mit großen Augen schaut sie sich um, geheimnisvoll und unschuldig zugleich. Mit dieser Einstellung beginnt Gone Girl, David Finchers famose Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Gillian Flynn, in dem Pike die wunderbar undurchsichtige Amy Dunne spielt, die an ihrem fünften Hochzeitstag von ihrem Ehemann (Ben Affleck) als vermisst gemeldet wird. Im Fokus der brillant inszenierten Geschichte steht die Frage, wer für das mysteriöse Verschwinden von „Amazing Amy“ die Verantwortung trägt, und Fincher widmet sich dem Rätsel wie in allen seinen Filmen mit nahezu klinischer Präzision. Wenn sich Pike allerdings stolze 149 Minuten später noch einmal umdreht, um uns mit ihren strahlend grün-blauen direkt ins Gewissen zu schauen, offenbart sich dem aufmerksamen Zuschauer noch eine ganz andere Wahrheit: Die Frau, deren Gesicht die Schönheit einer Eisblume verbreitet, ist längst nicht mehr nur das Abbild einer zutiefst verstörten Figur, sondern das eines klassischen Filmstars im Moment seiner Erleuchtung, wie man das im gegenwärtigen Kino nur noch selten beobachten kann.

Rollenwechsel

Mit Gone Girl gelang Rosamund Pike vor zweieinhalb Jahren der ganz große Durchbruch, und der Verweis auf ihre bemerkenswerte Verwandlung von der soliden Schauspielerin zu einer der gefragtesten Frauen in Hollywood scheint an dieser Stelle insofern angebracht, weil die heute 38-jährige bildhübsche Britin auch in ihrem neuen Film eine derart einnehmende Präsenz an den Tag legt, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Dabei könnte die Frau, die sie in Ama Assantes traditionsbewusstem Historiendrama A United Kingdom verkörpert, kaum weiter von der in Finchers düsterem Thriller entfernt liegen. Pike spielt darin die junge Sekretärin Ruth Williams, die sich 1947 in den Schwarzafrikaner Seretse Khama (David Oyelowo) verliebt, der in London ein Jurastudium absolviert. Als die Beziehung ernst wird, kommt Khama nicht umhin, seiner Verlobten reinen Wein einzuschenken: Der beflissene Student ist gleichzeitig ein nicht unwichtiger Stammesführer aus dem britischen Protektorats Betschuanaland (heute Botswana). Doch ihre Liebe zueinander lässt sich dadurch nicht einschüchtern. Gegen den Willen ihrer Familien entscheiden sich Ruth und Seretse zu heiraten, um anschließend gemeinsam in sein Heimatland zurückzukehren. Aber auch hier stößt das Paar zunächst auf Misstrauen von allen Seiten: Während die schwarze Bevölkerung der weißen Häuptlingsfrau argwöhnisch gegenübertritt, befürchtet die britische Regierung, dass die Ehe ihre ohnehin komplizierte Beziehung zu Südafrika unnötig gefährdet und im Endeffekt den bestehenden Handelsabkommen Schaden zufügen könnte. Und so wird Khama vorsätzlich zurück nach London gelockt und dort anschließend mit entsprechenden gesetzlichen Maßnahmen im Exil gehalten. Doch auch die jahrelange Trennung kann der innigen Zuneigung des Paares zueinander letztendlich nichts anhaben. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass sie auf sich allein gestellt in Betschuanaland um Anerkennung kämpft, während er sich in London mit Regierungsbeauftragten herumstreitet, ist Teil der Kraft und Eindringlichkeit der Geschichte, und Pike und Oyelowo tun ihr Übriges, um dem Ganzen die nötige Chemie zu verleihen. Tatsächlich funktioniert A United Kingdom am besten, solange das Paar getrennt voneinander um sein Recht auf Wiedervereinigung drängt, vielleicht gerade weil ihre Art und Weise, mit ihrem schweren Los umzugehen, so durch und durch britisch ist, dass man sie nur zwei so gekonnt verhaltenen und zugleich nachdrücklichen Schauspielern wie ihnen abnimmt.

Wenn man bedenkt, dass Pike nach ihrem enormen Erfolg mit Gone Girl alle Türen offen standen, mag es auf den ersten Blick verwundern, dass sie sich folglich ausgerechnet daran festbeißen sollte, die mutige weiße Häuptlingsfrau zu spielen. Doch Pike gesteht, dass ihr nach der intensiven Erfahrung zunächst danach war, eine Weile abschalten, zum einen, um sich um ihr zweites Kind kümmern, zum anderen um sich wieder „wie eine Mensch“ zu fühlen. Erst als ihr schließlich Guy Hibberts Drehbuch zu A United Kingdom in die Hände fiel, stand für sie fest, dass sie sich diese Rolle nicht entgehen lassen konnte: „Ich war mir sofort sicher,” erklärt sie mit einem Gewissheit im Blick, der ihre klaren Augen noch einmal heller aufstrahlen lässt. “Und dass, obwohl mir damals viele andere spannende Rollen angeboten wurden, mit größeren Budgets und tollen Besetzungen. Dennoch hätte mich nichts davon abhalten können, diesen Film zu drehen. Aus irgendeinem Grund war mir Ruth auf Anhieb unheimlich nah. Ich war zutiefst beeindruckt von ihrer Courage. Das klingt jetzt wahrscheinlich schrecklich altmodisch, aber ich glaube, dass sich die immense Kraft, die sie in sich trug, allein aus ihrer unerschütterlichen Liebe zu Seretse nährte. Mit anderen Worten: Ich denke, man kann eine starke Frau sein, ohne den Mut und die Stärke von vornherein in sich zu tragen. Und das ist etwas, dass ich gut nachvollziehen kann.“

Schritt nach vorne

Auch Pikes ureigener Anspruch, Schauspielerin zu werden, kam nicht von ungefähr. Als einzige Tochter von zwei Opernsängern, unterlag sie bereits früh der Faszination der Bühne und des Spiels: „Ein Teil der Begeisterung für die Schauspielerei liegt für mich in der fast schon magischen Energie, die man direkt nach der Vorstellung ausstrahlt. Wenn sie wie ich hinter den Kulissen aufgewachsen sind, wissen sie, was ich meine.” Und auch auf der Leinwand lässt sich die leise Wucht erkennen, mit der die am Theater geschulte geborene Londonerin regelmäßig ihren männlichen (und weiblichen) Kollegen die Show stiehlt. Jedoch hat sich Pike, deren makelloses Erscheinungsbild oftmals an kühle Blonde wie Hitchcocks Grace Kelly oder Tippi Hedren erinnert, ihren Ruhm bisher meist in signifikanten Nebenrollen erworben, sei es an der Seite von Anthony Hopkins und Ryan Gosling in dem Verbrecher-Drama Fracture (2007), als kühne Anwältin von Tom Cruise in Jack Reacher (2012) oder immer wieder in skurrilen bis bittersüßen Komödien wie etwa in Barney’s Version (2010) mit dem hervorragenden Paul Giamatti oder in Hector and the Search for Happiness (2014), in dem sie neben ihrem langjährigen Kumpanen Simon Pegg die verspannte Ehefrau eines Psychiaters spielt, der auf der Suche nach dem großen Glück eine Weltreise antritt.

Bezeichnend, aber trotzdem überraschend ist, dass die ganz große Hauptrolle, die Pike längst verdient hätte, bis heute auf sich warten lässt. Stattdessen spielt sie stets die zweite Geige, die ewige Frau an der Seite des Mannes, egal wie mutig, exzentrisch oder verstört sie auch sein mag. Die Rolle der Amy Dunne in Gone Girl war ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber man könnte fast meinen, Pike entziehe sich vorsätzlich der Verantwortung, die eine derartige Herausforderung mit sich bringt. „Ich weiß gar nicht, ob ich dafür bereit bin,“ seufzt sie, „aber wahrscheinlich sollte ich es sein. Es wäre sicher ganz gut für meine Karriere.“

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Immerhin ist ihre berufliche Laufbahn nie so gerade verlaufen, wie man das von anderen Ausnahmeschauspielerinnen gewohnt ist. Pike war gerade einmal 23 Jahre alt, als ihr die Rolle des Bond-Girls Miranda Frost in Die Another Day (2002) angeboten wurde, ein Engagement, auf das viele ihrer Kolleginnen ein Leben lang vergeblich warten. Dass Pike ihr Glück nie herausforderte, sondern stets auf Stoffe setzt, die ihren persönlichen Maßstäben gerecht werden, macht sie umso sympathischer, und mit derzeit  fünf Filmprojekten im Ärmel scheint sie selbst alles andere als unzufrieden in ihrer Haut zu sein. Und man muss sich nur anschauen mit welcher Hingabe, Eleganz und Ehrlichkeit sie Ruth Williams ins Bild, um zu begreifen, wie ernst ihr der Beruf ist, dem sie sich verschrieben hat, und dass ihre größte Stärke vermutlich darin besteht, die tatsächliche Bandbreite ihres schauspielerischen Talents erst nach und nach mit jeder neuen Arbeit zu Tage zu fördern. Wie beispielsweise damals in An Education (2009), als sie die Welt mit ihrem grandiosen Gespür für die schier aberwitzige Dummheit ihrer Figur im Film überraschte. Einen derart knochentrockenen Humor hatten ihr bis dahin weder ihre Fans noch ihre Kritiker  zugetraut, die sie angesichts ihrer unerwarteten Direktheit alsbald in ihren Bann zog.

Dennoch sind Pikes enormer Wandlungsfähigkeit angesichts ihrer optischen Makellosigkeit gewissermaßen zwangsläufig Grenzen gesetzt. Und auch sie selbst ist sich darüber bewusst, dass sie wohl kaum jemals dazu kommen wird, einen abgewrackten Junkie oder eine Figur im nächsten Marvel-Blockbuster zu spielen. Aber vielleicht stehen ihr Rollen wie die der Ruth Williams in A United Kingdom gerade deshalb so gut, weil sich hinter der emotionsbeladenen Fassade stets mehr verbirgt, als man auf dem ersten Blick vermutet. Und auch wenn nicht jeder dem Film seine ungenierte Dramatisierung der Liebesgeschichte mit stimmungsvollen Farben und entsprechend laut tönender Musik verzeihen mag, steht eines fest: Wenn Ruth am Ende an der Seite ihres Mannes auf die ihnen zujubelnden Menschenmassen schaut, weiß man, dass auch Pike den Triumph einmal mehr verdient hat.