Rosa Barba

Film und Skulptur, Medium und Material

| Daniela Gregori |
Arbeiten der italienischen Künstlerin Rosa Barba in der Wiener Secession

Dann und wann trottet ein Pony eine weiße Wand entlang durch den Schnee und durch das Bild. Was es da soll, ist nicht ganz klar, denn die eher trostlose Industrielandschaft am Meer sieht weniger nach Ponyhof aus. Und überhaupt beschleichen einen im Verlauf von Rosa Barbas Film Somnium (2011) gewisse Zweifel, ob es sich bei der vermeintlichen Doku nicht doch um etwas Fiktionales handeln könnte. Denn in der Tat haftet den einzelnen Bildern in Kombination mit den interviewhaften Ausführungen aus dem Off  und den begleitenden Klängen etwas Traumwandlerisches an. Die weite, karge Landschaft ist mit einer dünnen Schneedecke überzogen, so als hätte man ein Leintuch darüber geworfen. Das Meer im Gegenlicht diffus glitzernd, am Ufer riesige Steinwürfel, deren Kubatur mit den Containerstapeln der darauffolgenden Bilder im Wettstreit zu stehen scheint. Es ist, so scheint gewiss, eine Landschaft im Umbruch, da mag die Kamera noch so langsam über diese hinweggleiten. Das Terrain verändert sich, und folgt man den Bildern, die einen Imker bei der Überprüfung seiner Bienenvölker zeigen, könnte diese Veränderung besorgniserregende Folgen mit sich bringen.

„Bei meiner Arbeit beobachte ich die Wirklichkeit nicht, sondern interpretiere sie in eine bestimmte Richtung, indem ich ganz persönliche Entscheidungen treffe“, formuliert die 1972 in Agrigent geborene und seit einiger Zeit in Berlin lebende Rosa Barba in Bezug auf ihre Arbeit. „Ich stelle keine kritischen Fragen; ich versuche eine Utopie zu erfinden, indem ich politischen und gesellschaftlichen Mechanismen technische Mechanismen gegenüber stelle, die selbst fragil sind. Die aus einer derartigen Spannung resultierende Widersprüchlichkeit setzte ich ein, um eine utopische Lösung des Problems zu postulieren, eine Art Zauber, der die Zeit anhält und eine verlangsamte Sicht auf ansonsten versteckte Aspekte der Realität eröffnet. Dies ermöglicht eine alternative Leseart der Vergangenheit und ebenso der Zukunft.“ Im Falle von Somnium treffen Bild gewordene Überlegungen zu Johannes Keplers gleichnamiger Erzählung aus dem Jahr 1608 (erschienen posthum 1634) auf das gigantische Projekt „Maasvlakte 2“, bei dem durch Aufschüttung zusätzliches Land für den Hafen von Rotterdam, als Naherholungs- und Naturschutzgebiet, geschaffen wird. Während sich bei Keplers gleichsam erster Science Fiction-Erzählung über das Leben auf dem Mond die Tiere an die veränderten Lebensbedingungen anpassen, wurde Maasvlakte mit Preisen für Innovation und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Was in Somnum nicht verraten wird, mag als Beispiel für die subtile Herangehensweise dienen, die Rosa Barbas Arbeiten eigen ist. In ihrer gleichsam angedeuteten Narration können ihre Filme eine politische Dimension erhalten, wenngleich sie im Zusammenspiel von Bild, Ton und Schnitt eine oftmals poetische, wenn nicht skulpturale Anmutung erlangen. Ihr Werk im Sinne eines erweiterten Skulpturbegriffs zu verstehen, ist von der Künstlerin durchaus intendiert. Auch die Tatsache, dass Barba stets auf analoge Technik zurückgreift, mag hier eine Rolle spielen. Film ist der Künstlerin Medium wie Material, Ton und Schnitte geben gleichsam den Rhythmus vor. „Jedes der Werke hat seinen eigenen Zeitplan, seinen eigenen Herzschlag, wie der choreografierte Versuch von Asynchronizität. Es sind mechanische Rhythmen und sichtbare Abfolgen“, erklärt Barba.

Fünf Filme und drei skulpturale Arbeiten, bei denen Projektoren, Filmschleifen und andere Mittel der analogen Technik zum Einsatz kommen,  zeigt die Künstlerin in der von Jeanette Pacher kuratorisch betreuten Ausstellung in der Secession. Inszeniert werden diese als Parcours. Möchte man im bisherigen Œuvre Rosa Barbas, so ausdifferenziert es sein mag, ein gemeinsames Motiv finden, so wäre es jenes der „Instabilität“, wie sie selbst meint. „Die Skulpturen etstehen aus einem Spannungsfeld zwischen ihren eigenen Elementen – das Ergebnis ist dann irgendwo zwischen Balanceakt und magischem Theater zu finden“. Und womöglich ist es die jüngste Arbeit, die eben erst zu Beginn der Ausstellung in der Wiener Secession fertiggestellt wurde, die jene Fragilität der Gefüge auf den Punkt bringt. Die Künstlerin hat hierfür in Alexander Calders Atelier im französischen Saché gefilmt, in dem der Meister der kinetischen Kunst bis zu seinem Tod 1976 gearbeitet hat. Nichts in dem Atelierraum inmitten der Natur scheint seit damals verändert. Die Kamera nähert sich vorerst von außen durch das Fenster, um später über die verlassenen Arbeitstische zu streifen, Werkzeuge, Pinsel, Drähte, geschnittenes Metallblech finden sich im dicht gefüllten Raum, umso mehr Bewegungsfreiheit genießen die Mobiles des Künstlers, die von der Decke hängen. Es ist ein steter Wechsel der Perspektive zwischen Innen- und Außenraum, der leicht verstaubten, über Jahrzehnte unveränderten Arbeitswelt und den fragilen, durch jeden Luftzug bewegten Objekten.

Gemeinsam mit der Tonspur wird aus dem Atelierbesuch eine ebenso beeindruckende wie heitere Jam Session. Die Free-Jazz-Klänge geben das perfekte Gegenpart zu dem Interieur ab. Jeder Taktwechsel bedeutet einen Schnitt und damit verbunden auch eine Veränderung der Perspektive. Sie würde Schnitte einsetzten, um den Film ebenso wie die Installation aufzubrechen, um mit dem Raum zu arbeiten, hat Barba vor einigen Jahren in einem Interview erklärt. Im Falle der neuen Arbeit gibt die Künstlerin mit jedem abrupten Schnitt ein Stück mehr von dem Raum preis, Schnitt für Schnitt beginnt man ihn als Ganzes zu erfassen, um sich gegen Ende wieder auf der Wiese vor dem Atelierhaus zu finden. Alexander Calder, selbst dem Free Jazz zugetan, hätte mit dieser akustisch unterstützten Raumvermessung, die gleich den Kunstwerken im Raum ständig um Balance ringt, seine helle Freude gehabt.