Filmmuseum

Den Grantigen gehört die Welt

| Michael Pekler |
Das Filmmuseum versammelt in einer Werkschau mit dem Titel „Der große Grant“ Filme von W.C. Fields, Hans Moser, Totò und Louis de Funès.

Die Komposition überrascht: Vier Komiker, die alle erst im Laufe ihrer Karriere beim Kino landeten oder dieses für sich entdeckten, deren Werdegang und Hinterlassenschaft jedoch höchst unterschiedlich sind. Und doch findet sich bei diesem seltsamen Quartett etwas untypisch Gemeinsames: der komische Grant. Das ist natürlich eine vereinfachende Zuschreibung, doch bei genauerer Betrachtung – und auf eine solche ist diese Retrospektive des Filmmuseums angelegt – als Typologie einer komischen Figur durchaus brauchbar. Denn wer kennt sie nicht, die grumpy old men, die ständigen Nörgler und ewig Unzufriedenen, die mit der Welt, und das heißt hier immer mit der Gegenwart, nichts mehr anfangen können, obwohl sie doch insgeheim versuchen, mit ihr Schritt zu halten. Darin sind sich der Amerikaner, der Österreicher, der Italiener und der Franzose recht ähnlich, wenngleich ihre Art, diesem Grant Ausdruck zu verleihen, durchaus verschieden ist.

Wie seine europäischen Kollegen kam auch W.C. Fields (1880–1946), den die Retrospektive als Vorläufer präsentiert, über die Bühne zum Kino, in diesem Fall über das Vaudeville und den Broadway. Fields verkörperte in seinen Filmen gerne den Misanthropen vor dem Herrn, besser gesagt vor seinen Mitmenschen im Allgemeinen und seinen engeren Verwandten im Besonderen. Legendär seine Vorliebe hingegen für Hochprozentiges. Der gleichaltrige, aus der Wiener Volkstheatertradition stammende Hans Moser (1880–1964) kam hingegen erst später zum Film, nachdem ihn Max Reinhardt für das Theater in der Josefstadt entdeckt hatte. Das Rollenbild des alten Raunzers, dessen harte Schale sein goldenes Herz nicht bis zum Ende verbergen kann, sollte gar zu einem festen Bestandteil des österreichischen Nachkriegskinos werden.

Ein mit charmanten Zwischentönen unterlegter Grant, der dem gebürtigen Neapolitaner Totò (eigentlich Antonio de Curtis Gagliardi Ducas Comneno di Bisanzio, 1898–1967) fremd war: Seine Kunst hatte ihre Wurzeln in der Commedia dell’arte, seine Bühnenauftritte waren geprägt von der clownesken Tradition. Obwohl er in mehr als hundert Filmen auftrat, blieb Totòs Leistung lange Zeit wenig geschätzt. Aber gibt es einen tragikomischeren Auftritt als jenen in Pier Paolo Pasolini Große Vögel, kleine Vögel auf der Straße des Lebens? Und Louis de Funès (1914–1983), dieser Choleriker als Durchlauferhitzer? Er ist das ewige Stehaufmännchen, ein hyperventilierender Sprachartist, der sich als Jazzpianist und mit unzähligen Klein- und Nebenrollen durchschlagen musste, ehe ihm der Durchbruch gelang. Während die Nouvelle Vague die Filmgeschichte revolutionierte, stieg er (unter anderem) als Gendarm von Saint-Tropez zum beliebtesten Komiker Frankreichs, wenn nicht Europas auf.

Viele der Filme, die diese Viererbande hinterlassen hat, sind misslungen, manche sogar richtig schlecht und eines Revisionismus nicht würdig. Was diese Filmschau also leistet, ist kein notwendig zweiter, sondern ein anderer Blick. Ein Blick darauf, wie sehr die gesellschaftspolitischen Umbrüche sich in der Komik des sogenannten kleinen Mannes oder Modernisierungsverlierers spiegeln: als spießiger Kleinbürger, als Trunkenbold, als Nörgler. Es geht nicht darum, die Wahrheit zu sagen. Das darf der grantige Komiker nämlich gar nicht. Sondern es geht darum, als unser aller Fürsprecher im Kino recht zu haben. Wie meinte der leidenschaftliche Rosenliebhaber de Funés, der auch großartiger Erzähler war: „Schreiben sie sich das hinter die Ohren. Kleines Ohr ist schnell beschrieben.“