Was als gelungene Inszenierung eines interessendominierten politischen Feldes begann, droht immer mehr zum unterkomplexen Polit-Thriller zu werden: „House of Cards“, vierte Season.
Die Philosophin Hannah Arendt hat, wie meist, schon vor über 50 Jahren das Wesentliche gewusst. „Niemand hat je bezweifelt, daß es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist“, heißt es in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“. „Niemand hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet.“ Das wirkt sich natürlich auf die Voraussetzungen aus, die es braucht, um es als Aufsteiger im Feld wirklich zu etwas zu bringen: „Lügen scheint zum Handwerk nicht nur der Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören.“ Dieser Tatbestand ist sowohl bemerkenswert wie auch beunruhigend, diagnostiziert Arendt und fragt: „Was bedeutet er für das Wesen und die Würde des politischen Bereichs einerseits, was für das Wesen und die Würde von Wahrheit und Wahrhaftigkeit andererseits?“
Glaubt man der in die fünfte Season gehenden Netflix-Serie House of Cards, fährt alles, einerseits wie andererseits, mit großer Geschwindigkeit in den Orkus. Eine Welt, in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit nur Anzeichen von Schwäche und Ursache von Strategiedefiziten sind, ist der beste Nährboden zur Heranzüchtung von entseelten Gestalten, die Existenzen führen, in denen außer Machterhalt und -vermehrung kaum mehr etwas eine Rolle spielt. Dementsprechend war der stärkste Eindruck nach dem Ende der ersten HoC-Season 2013 eine alles umklammernde Leere, die ihren bedrückendsten Ausdruck in den düsteren Interieurs des Hauses von Frank Underwood (Kevin Spacey) findet, dem demokratischen Abgeordneten, der für den politischen Erfolg zuerst metaphorisch und dann auch bald buchstäblich über Leichen geht.
Frank wurde am Ende der ersten Season zum Vize-Präsidenten und am Ende der zweiten zum Präsidenten der USA. Der hervorstechendste Charakterzug ist seine Zielstrebigkeit, in manchen Momenten wirkte Spielbergs weißer Hai im Vergleich wie eine komplexe, von Widersprüchen bestimmte Persönlichkeit. Zu den eindrücklichsten Szenen der ersten beiden Seasons gehörten die Momente, in denen Frank und seine gleichfalls psychopathisch veranlagte Frau Claire (Robin Wright) am Fenster ihrer tristen Behausung sitzen und eine Entspannungszigarette rauchen.
Dass es im Falle dieser Figuren nicht nur nicht mehr um Wahrheit (und schon gar nicht um Wahrhaftigkeit), sondern eigentlich auch nicht mehr um Politik ging, war schnell klar: Frank Underwood hätte auch Firmenmagnat oder Broker werden können. Das Ziel: „I will win and I will leave a legacy.“ Wo genau man das bewerkstelligt, bleibt sich eigentlich gleich. Und mit welchen Mitteln ist auch egal, es sind alle gleichermaßen verroht: „We are all ruthless, we all destroy.“ Womit die zwei Maßgaben der der von House of Cards entfalteten politischen Philosophie umfassend beschrieben wären.
So eine Konstruktion droht natürlich schnell redundant zu werden. Und vielleicht wäre das Ende der zweiten Season, der Einzug Frank Underwoods ins Weiße Haus, auch ein schöner Schlussmoment gewesen. House of Cards traute sich – anders als die britische Vorlage, die gleichnamige BBC-Miniserie von 1990 – nicht, auf Differenzierung und Verfeinerung zu setzen. Stattdessen haute man bereits ab Beginn der zweiten Season immer kräftiger auf die Pauke, zum eigenen Nachteil. Das begann mit dem brachialen Mord an der Journalistin Zoe Barnes, die Frank Underwood im Laufe der ersten Season mehr und mehr auf die Nerven ging und steigerte sich bis, in zunehmendem Stakkato: Attentatsversuch, entführte Prostituierte, Terror-Anschlag, Pussy Riot – alles so geballt, dass die vierte Season streckenweise wie eine Parodie auf die drei vorangegangenen wirkte. Freundlicher formuliert: Die Serie begann, ihrer immer lauernden Camp-Ideale bewusst oder unbewusst, auszuspielen. Es wurde irgendwann schlicht zu doll.
Erklärender wut-monolog
Einerseits schade, andererseits interessant. Man sah zum einen, was House of Cards in ihrer vergleichsweise subtilen Phase ausgemacht hat: die Lust am Taktieren, an der Übertrumpfung des Gegners, der man hier beiwohnen durfte. Identifikationsfigur ist eindeutig Frank Underwood, mit ihm geht man mit, und der Zusammenprall von moralischer Evaluation (nein, es ist nicht in Ordnung, unliebsame Journalisten vor die U-Bahn zu werfen) und die spürbare Faszination, die Kevin Spacey in der Rolle eines Menschen, der nichts als eine Hülle für den Willen zur Macht ist, erzeugte gemischte und deswegen interessante Gefühle. Eine große Qualität von House of Cards lag anfangs noch in der Rätselhaftigkeit seines Protagonisten. Was genau Underwood antreibt, blieb in der ersten Season opak, eine plausible Antwort auf die Frage, was dem radikalen Willen zur Macht zugrunde liegt, wurde nicht gegeben. Im Biopic-Genre wird das untergründig immer etwas panisch anmutende Abstrampeln für den Erfolg zumeist mit einem Vater-Sohn-Konflikt erklärt, der als stiller, unerkannter Motor den Helden der Erzählung antreibt. Anfangs waren diese und ähnlich gelagerte Motivationen in HoC nur in Spuren enthalten. Man wusste es einfach nicht, und das war gut so. In der dritten Season wurde dann eine angedeutete unglückliche Familienvergangenheit zum treibenden Moment erklärt. Frank wedelt mit einem Foto seines Vaters vor Claire herum und hält einen erklärenden Wut-Monolog: „You have no idea what it means to have nothing. You don‘t value what we have achieved. I have had to fight for everything my entire life. Do you know why I kept this? Do you know? Because it‘s the one time I was proud of my father. Because this man, in this moment, as despicable as it was, is fighting to survive. He is doing whatever it took. And so will I.“ So transparent, so banal.
Allerdings gab es auch nach dem furiosen Auftakt noch einprägsame Momente und Plot-Stränge: das Fernsehinterview, in dem Claire, um ein PR-Desaster zu vermeiden, ihr eigenes Vergewaltigungstrauma als Weg aus dem Dilemma wählt, lügt und so sich und die Karriere ihres Mannes rettet. Oder der durchgeplante, schön komplizierte Weg bis zum Fall des amtierenden Präsidenten. Das Vergnügen war zuerst ein kognitives. Man erschloss sich die Strategien eines Menschen, dessen Zugriff auf die Welt (das Privateste eingeschlossen) ausschließlich strategisch und damit instrumentell ist. Je weiter House of Cards fortschritt, desto gröber wurde das Ganze, bis zur letzten Szene der vierten Season: Frank und Claire sehen mit unbewegter Miene der Hinrichtung einer amerikanischen Geisel zu, die USA ziehen in den Krieg. Hauptmotiv ist der Versuch von Präsident Underwood, seine niedrigen Umfragewerte aus dem Keller zu holen. Der Schlusssatz zeigte die nächste Eskalationsstufe des Plots an: „We don‘t submit to terror. We make the terror.“
Nicht, dass diese Volte unplausibel wäre. Eine ähnliche Entwicklung nimmt die erste Amtszeit des jenseits des Fernsehbildschirms amtierenden Präsidenten zurzeit ganz real. Angeblich fehlende Plausibilität einzelner Plot-Versatzstücke ist aber auch nicht der Punkt, die Ballung macht‘s – die Häufung extremer Ereignisse, mit denen die Plots hier unnötigerweise trumpfen wollen. Warum eine Serie, die anfangs (dem zu Beginn noch maßgeblichen Regisseur David Fincher und dem inzwischen ausgestiegenen Autor und Showrunner Beau Willimon sei Dank) mit einem traumwandlerischen Gespür für Timing Komplexitäten und taktische Nuancen vorführte, nur noch auf den Knalleffekt setzt, ist etwas rätselhaft. Von der gelungenen Inszenierung eines politischen Feldes, das ausschließlich von den Interessen seiner Protagonisten bestimmt wird – natürlich von Anfang an satirisch übertrieben –, bleibt damit im schlimmsten Fall ein unterkomplexer Polit-Thriller, der die Zwischentöne scheut. Dabei wäre da so viel möglich gewesen.
