Fernsehserien: Based on Serials. Ein Dossier

Bonustrack

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Spin-offs, Prequels, ein Seifenabenteuer-Remake und andere Lustigkeiten.

Als Spin-off geht Better Call Saul auf die zurecht mit Emmys überhäufte „Mutterserie“ Breaking Bad zurück, doch die AMC-Folgeproduktion um den verlorenen Anwaltssohn ist kein klassischer Ableger, sondern ein Prequel. Im Kern steht die Entwicklung des Trickbetrügers Slippin‘ Jimmy (Bob Odenkirk) zum ambitionierten, vertrauenswürdigen Pensionistenanwalt Jimmy McGill, und – entscheidend vorangetrieben durch einen Bruderzwist – die Synthese dieser zwei Persönlichkeitsbilder in der Kultfigur des öligen Winkeladvokaten Saul Goodman, wie wir ihn aus BB kennen. Viel mehr an Drama, Humor, Cleverness und Wendungsreichtum ist vom zeitgenössischen US-Serienfernsehen trotz dessen anhaltender Hochblüte nicht zu haben. Alles verdichtet z.B. in der furiosen Finalepisode der ersten Season, wo Spielleiter Jimmy sich als Moderator einer Bingo-Seniorenrunde in einen kugelzahlenumschwirrten Monologexzess steigert, der einen buchstäblich zum Tränenlachen und Weinen zugleich bringt (S3 derzeit auf Netflix, S2 auf Disc bei Sony).

Nicht auf einer Serie, sondern auf Hitchcocks Klassiker Psycho (1960) basiert Bates Motel, welche auf verstörend gegenwärtige Weise die Vorgeschichte von Norman und Norma Bates fantasiert (siehe „ray“ 05/15). In der finalen fünften Runde der von Carlton Cuse (Lost), Kerry Ehrin und Anthony Cipriano kreierten „small town dysfunction show“ wird quasi ausgelotet, wie aus dem Muttersöhnchen Freddie Highmore unter dem Einfluss der formidabel verrückten (und wie immer umwerfenden) Vera Farmiga endgültig der Psychokiller Anthony Perkins erwächst. Mit dabei: R&B-Star Rihanna als regennass im Motel eincheckende Marion Crane (S1-4 auf Disc bei Universal, S5 voraussichtlich ab Herbst).

Für den Sender BBC One zu Rekordquoten und in weiterer Folge zum Angebot einschlägiger Location-Touren durch deren Schauplatz Cornwall führte die Neuauflage der britischen Abenteuerserie Poldark (1975–1977). Der vom Iren Aidan Turner nicht selten oberkörperfrei porträtierte Titelheld der gleichnamigen Romanreihe von Winston Graham steht selbstverständlich zwischen zwei bildschönen jungen Frauen (Eleanor Tomlinson, Heida Reed) und schneidet durch ein opulent ausgestattetes, spätes 18. Jahrhundert wie ein wahrer Seifenopern-Kapitän. Zu empfehlen nur für schmerzfreie Fernseh- und Fernweh-Nostalgikerinnen (dezidiert ohne Binnen-I). Bleibt die Frage: Soll Aidan Turner wirklich der neue James Bond werden oder doch lieber der ungleich begabtere Tom Hardy? (Auf Disc bei Edel:motion, wo auch das bei den Briten kaum minder beliebte Historiendrama Victoria – mit der anmutigen Jenna Coleman in der königlichen Titelrolle – erschienen ist, welches royalseriensüchtigen Netflix-Abstinenten die Wartezeit auf The Crown – mit der bereits Golden-Globe-glänzenden Claire Foy als Queen Elizabeth – verkürzt, von der noch kein Disc-Release zu sehen ist.)

Von der zweiten Season der charmanten Familien-Dramedy Togetherness (HBO/Sky/Warner) zeigt sich z.B. „Indiewire“ ähnlich begeistert wie von der ersten (über die vor knapp zwei Jahren bei uns online zu lesen war: www.ray-magazin.at/news/champions-of-the-ordinary). Weitere HBO-Serien bzw. deren Updates, die bei Warner Home Video auf Disc erscheinen, sind komödiantisch-satirischer Natur: Danny McBride (einst mit Co-Creator Jody Hill für Eastbound & Down mitverantwortlich) und Walton Goggins (Justified) blödeln und verbünden sich als Vice Principals einer Highschool im amerikanischen Süden gegen die neue Direktorin. Ebenfalls in Differenzen mit dem neuen Boss treiben Mike Judge und Alec Berg ihre Hitech-Nerds in S3 von Silicon Valley. Julia Louis-Dreyfus wiederum führt in S5 von Veep als nunmehrige US-Präsidentin Selina Meyer Krieg gegen ihren Vize und den Beweis für fünf (!) hintereinander abgeräumte Comedy-Emmys.

Disney setzt weiterhin auf seine tollen Agenten und superen Helden aus dem Hause Marvel: Sowohl Marvel‘s Agents of S.H.I.E.L.D. als auch Marvel‘s DAREDEVIL (ab 18. Mai) sehen sich in der jeweils zweiten Season wieder mit Horden von Superschurken konfrontiert, die in die Hölle geschickt werden wollen. Ebenfalls in S2 befindet sich die grandiose Viola Davis als Strafverteidigerin Annalise Keating und lehrt ihre jugendliche Bande von Rechtsanwaltsanwärtern How to Get Away with Murder. Bereits in S4 an der Schnittstelle von Alltagsfrust und Märchenmagie zaubert ABC-Disney‘s Once Upon a Time (mehr in „ray“ 05/13).

Gérard Depardieu als Bürgermeister der „Hauptstadt des Mittelmeers“ und Benoît Magimel als dessen vormaliger Ziehsohn sind das Kontrahentenpaar in der ersten französischen Netflix-Serie Marseille nach einer Idee des Autors Dan Franck: Der eine kokst sich irgendwie durch und zehrt von 20 Jahren Hausmacht, der andere geht mit der Mafia und reiferen Politikerinnen ins Bett. Ehefrau und Tochter des Altvorderen spielen scheinbar verkomplizierende Rollen in diesem Duell, doch letztlich ist die Serie simpel wie ihre glatte Ästhetik der Stadt: geteilt in Herrschafts- und Armenviertel, in Macht und Ohnmacht, in ein paar gute und ein paar mehr böse am Klischee kratzende Figuren. Die (besonders auf Deutsch) eher dürftigen Dialoge mögen dazu beigetragen haben, dass die geplante Prestigeproduktion von Publikum und Kritik in Frankreich als eine Art House of Cards für Anfänger abgetan wurde. Faszinierend dagegen Jude Law als The Young Pope in der ersten Serie des Oscar-Preisträgers Paolo Sorrentino (beide Serien auf Disc bei Polyband). Eine Fortsetzung der „Pope goes Popstar“-Produktion, der mit kolportierten 45 Millionen Dollar teuersten der italienischen Seriengeschichte, ist bereits fixiert; mehr über The Young Pope in der kommenden November-Ausgabe von „ray“, die einen genaueren Blick auf die europäische Serienlandschaft werfen wird.