Die Wiener Festwochen halten auch dieses Jahr Einiges für kinointeressierte Besucher bereit: Ein Visconti-Film im Theater samt Superstar, Ausstellungen, Lectures oder Aktionen.
Den größten Publikumsandrang wird es sicher bei Jude Laws Wiener Theaterdebüt in „Obsession“ geben, einer Adaption von Luchino Viscontis gleichnamigem Film aus dem Jahr 1943. Der belgische Regiestar Ivo van Hove, Direktor der Toneelgroep Amsterdam, hat mit Rocco und seine Brüder, die Verdammten und Ludwig II bereits drei Werke des italienischen Regisseurs auf die Bühne gebracht, sollte also keine Probleme haben, den speziellen Visconti-Touch zwischen Realismus und Stilisierung adäquat umzusetzen. Jude Law hat in seiner langen Filmkarriere (von Der talentierte Mr. Ripley über My Blueberry nights bis zu Sherlock Holmes) seine Vielseitigkeit und Leinwandpräsenz hinlänglich bewiesen, aber als Hamlet oder Henry V konnte er auch durch seine schauspieltechnischen Fähigkeiten überzeugen, die auf der Bühne eher gefragt sind als auf einem Filmset. Die Rolle des Gino, die bereits von John Garfield oder Jack Nicholson in den Verfilmungen des James Cain-Romanklassikers „The Postman Always Rings Twice“ gespielt wurde, scheint dem virilen britischen Darsteller sowieso auf den Leib geschrieben zu sein. Der zeitlose Kriminal-/Tragödienstoff über die Amour Fou eines Herumtreibers und einer aufstiegswilligen Frau aus dem Arbeitermilieu samt daraus resultierendem Mordplan an ihrem langweiligen älteren Gatten ist in seinen gesellschaftspolitischen und psychologischen Zusammenhängen noch immer aktuell.
Ein explizit politisches Thema hat die heurige große Festwochen Ausstellung mit dem aus einem James Baldwin Gedicht entlehnten Titel „The Conundrum of Imagination“, bei der 16 Künstler sich neben bildnerischen und filmischen Arbeiten auch in Performances und Lectures mit dem postkolonialen Blick auf das europäische Zeitalter der Entdeckungen beschäftigen. Im Zentrum der vielfältigen Positionen steht die Frage, ob das Entdeckte den Entdecker nicht mindestens genauso stark beeinflusst wie umgekehrt und wie der Umgang der Explorer mit Gold, Glory und God auch die gegenwärtigen Forscher-Ideale (z.B.in Bezug auf die Weltraumfahrt) geprägt hat. Der nigerianische Fotograf Abraham Oghobase fragt sich zum Beispiel, was passiert wäre, hätte Österreich einst sein Heimatland kolonisiert.
Wer sich mehr für die komplexe Wechselwirkung von Pop und Politik interessiert, hat bei den sicher sehr unterhaltsamen Gratis-Workshops mit dem schönen Titel „Politicizing Beyoncé“ die Gelegenheit, an Hand einer fundierten Analyse von Kevin Allred die bewusste oder unbewusste Sprengkraft im Werk der Sängerin in Bezug auf die Wahrnehmung des Einflusses von Rasse, Klasse und Sexualität auf unser tägliches Leben neu zu bewerten.
Weniger theoretisch als vielmehr handfest praktisch geht es bei einem Projekt der Künstlergruppe Tools for Action zu: Zusammen mit 150 Wiener Schülerinnen und Schülern werden sie aufblasbare Skulpturen bauen, die zum Beispiel als choreografische Elemente, die die Straße in einen Spielplatz verwandeln, oder als Barrikaden zur Verhinderung eines Neonazi Aufmarsches eingesetzt werden können. Der gesamte Prozess an der Schnittstelle von Kunst, Aktivismus und politischer Bildung wird gefilmt, das Ergebnis kann man anschließend im Gartenbaukino bewundern.
