Dunkirk

Der Film zum Ort

| Michael Pekler |
Anlässlich von Christopher Nolans Kriegsfilm „Dunkirk“: Anmerkungen zum Verhältnis von Schauplätzen und Schlachten im Weltkriegskino.

Bis zum Winter 1916 war Verdun eine kleine nordfranzösische Stadt. Pearl Harbor bis zum 7. Dezember 1941 ein Hafen auf Hawaii. Und Gallipoli bis zum Jänner 1916 eine osmanische Halbinsel. Doch die Schlachten an diesen Schauplätzen haben diese selbst für die Geschichte verändert. Wenn Kriegsfilme den Namen realer Orte im Titel führen, von Verdun bis Stalingrad, von Iwo Jima bis Pearl Harbor, sind es ausschließlich solche, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben – und dort ihr Eigenleben führen. Verdun wurde zum Sinnbild für das Grauen moderner Vernichtungskriege, Pearl Harbor zum patriotisch verklärten Erweckungsruf, mit dem die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Und Gallipoli zum australischen Mythos. Die dazugehörigen Filme heißen Verdun (Léon Poirier), Pearl Harbor (Michael Bay) und Gallipoli (Peter Weir).

Natürlich ist diese Form der Erinnerung keineswegs auf das Kino beschränkt, Literatur und Malerei haben seit Jahrhunderten großen Anteil daran, dass Kriegsschauplätze nicht in Vergessenheit geraten. Ob Carlo Bossoli „Die Schlacht von Solferino“ darstellt oder Stefan Zweig in Waterloo eine „Sternstunde der Menschheit“ beschreibt, jede Form der Darstellung bzw. Beschreibung ist nur ein weiterer Mosaikstein eines Bildes, das wir aus der Gegenwart auf dieses vergangene Ereignis rückprojizieren. Während wir uns zeitlich immer weiter vom Ereignis entfernen, werden die Texte und Bilder also immer zahlreicher und vielfältiger. Doch durch das Massenmedium Kino und dessen gewaltigste Spielart, dem Blockbuster-Kino, auch zunehmend eindimensionaler.

Doch diese Entwicklung ist dynamisch, wie die vergangenen Jahrzehnte zeigen: Fernsehen und Internet haben maßgeblich zur Anhäufung und Verfügbarkeit von Bildern beigetragen. Der  dokumentarische Anspruch der Fernsehbilder ist dabei nur scheinbar ein anderer als jener der Re-Inszenierung durch Kinobilder. So haben etwa die Archivbilder vom Dach der US-Botschaft in Saigon vom 29. April 1975 das Bild vom Vietnamkrieg erst im Nachhinein entscheidend mitgeprägt – durch Aufnahmen westlicher Kamerateams, welche die Einnahme der Stadt durch die nordvietnamesischen Truppen dokumentierten. Zu sehen in jedem History-Channel. Und die Bilder vom Einsturz der Zwillingstürme in New York haben die 9/11-Verschwörungs- und Propagandamaschinerie erst so richtig heißlaufen lassen. Die kollektive Erinnerung ist eine der Bilder.

Für den Kriegsfilm sind derartige Einträge ins kollektive Gedächtnis, zu dessen Aufrechterhaltung er selbst beiträgt, von elementarer Bedeutung – weil er als populäres Genrekino darauf zurückgreift und es damit immer wieder abruft. Das machte zuvor auch der Westernfilm, indem er sich am Mythos bediente und ihn zugleich befeuerte, etwa wenn am OK Corral, in Alamo oder in Tombstone die Legende gedruckt (und natürlich gefilmt) wurde. Doch der Kriegsfilm, der anderen Standards folgt – nämlich jenen der technisierten modernen Kriege des 20. Jahrhunderts – ruft seine Schauplätze auch anders in Erinnerung: Das historische Ereignis ist hier immer schon ein kollektives. Das zeigt sich paradoxerweise ausgerechnet in jenen Arbeiten, die heroische Taten Einzelner in den Mittelpunkt stellen. In Mel Gibsons Hacksaw Ridge ist es ein Felsplateau bei Okinawa, das dem Film seinen Namen gibt und wo ein einzelner Sanitäter seine Apotheose erlebt, indem er für uns Zuschauer so vielen Kameraden wie möglich das Leben rettet.

Wenn in Filmen wie Hacksaw Ridge und Dunkirk Ort und Ereignis zusammenfallen, zeigen sie gleichzeitig, wie Kriegsschauplätze im Kino an die beiden großen Kriege des Jahrhunderts gebunden sind. Filme über den Jugoslawien-Krieg tragen Titel wie Behind Enemy Lines, über die Irak-Kriege The Hurt Locker oder Jarhead, und Filme über asymetrische Kriege wie in Somalia stellen nicht mehr den Ort, sondern gleich das Ereignis in den Vordergrund: Black Hawk Down. Das hat nicht nur mit dem Paradigmenwechsel zu tun, dass die Schlachten aus den Kriegen verschwunden und „Interventionen“ oder „Operationen“ gewichen sind; sondern auch mit einer Verzahnung von Ort und kollektiver Erinnerung, die diese neuen Kriege nicht mehr hervorbringen können.

Nicht zuletzt deshalb greift der millionenschwere Kriegsfilm als US-Blockbuster auf eine gemeinsame historische Erfahrung zurück. Denn das Kino als Unterhaltungsmedium ist immer Ausdruck nationaler Gedächtnispolitik und des Spektakulären zugleich. Weshalb im modernen Kriegsfilm die Re-Inszenierung von Wirklichkeit so wenig mit Naturalismus zu tun hat wie Steven Spielbergs Saving Private Ryan mit der Landung der Alliierten in der Normandie – ein Film, der nicht zufällig die Rettung des Vermissten als Titel führt.

„Auf Befehl des Führers ist nordwestlich Arras die allgemeine Linie Lens – Bethune – Aire – St. Omer – Gravelines (Kanallinie) nicht zu überschreiten.“ (Anordnung der Heeresgruppe an deutsche Panzerverbände am 24. Mai 1940, 12.45 Uhr)

In ihrer Studie „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“ beschreiben die deutschen Kulturphilosophen Jan und Aleida Assmann das kulturelle Gedächtnis anhand jener Alltagsferne, die einen Zeithorizont kennzeichne. „Das kulturelle Gedächtnis hat seine Fixpunkte, sein Horizont wandert nicht mit dem fortschreitenden Gegenwartspunkt mit.“ Soll heißen: Was einerseits in die Vergangenheit rückt, wird andererseits wachgehalten. Doch diese Erinnerung verändert sich fortwährend und zeitigt nach zwei, drei Generationen eine deutliche Verschiebung. Oder sie wird umgeschrieben, etwa durch die Umbenennung von Straßennamen. Denkmäler und Begehungen  bilden dann nur noch die offizielle, sprich repräsentative Erinnerung. Doch auch das Kino, und hier vor allem der Kriegsfilm, kennt diese Fixpunkte, „Inseln vollkommen anderer Zeitlichkeit“, wie Assmanns sie nennen, weil sie dem Alltag und dessen „kommunikativem Gedächtnis“ fernbleiben. Das gilt auch für einen Film wie Dunkirk: Die kollektive Erinnerung an die Evakuierung von 338.000 alliierten Soldaten vor der anrückenden Wehrmacht und der auf dieses Ereignis verweisende Schauplatz sind im Laufe der Jahrzehnte untrennbar geworden.

Christopher Nolan ist der Regisseur von Filmen wie Batman Begins, Inception, The Dark Knight und Interstellar. Also von Superhelden- und Science-Fiction-Filmen. Manche nennen ihn Filmemacher statt Regisseur. In jedem Fall ist er auch Drehbuchautor und Produzent. Ähnlich Martin Scorsese ist er dafür bekannt, die Schattenseiten des digitalen Kinos ins Licht zu stellen. Dunkirk drehte er als einer der letzten Verteidiger des analogen Blockbusters im 70mm-Format, vorzugsweise im IMAX-Format zu sehen. Das wird als Kinoerlebnis nicht vielen Leuten vergönnt sein. Das Branchenmagazin „Indiewire“ reiht Dunkirk auf seiner Liste der „Most Anticipated Films 2017“ dennoch auf Platz 3. Nach Blade Runner 2049 und Star Wars VIII – zwei Science-Fiction-Filmen.

Das Dunkerque 1940 Museum, so der offizielle Name des an die Operation Dynamo erinnernden Museums, hat seinen Platz in den 1874 errichteten Befestigungsanlagen gefunden, die zum Schutz der französischen Küste errichtet wurden. Drei Jahre nach dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg. Zu sehen gibt es Karten, Uniformen und Bilder von Alliierten und Deutschen. Ein knapp 15-minütiger Film bietet einen Einblick in das Geschehen, das sich hier in den Monaten Mai und Juni 1940 ereignet hat. Zur Zeit kann das Museum nicht besichtigt werden. Es vergrößert seine Ausstellungsgröße um das Doppelte und bleibt deshalb bis Mitte Juli geschlossen. Hoffentlich hält die Erweiterung dem Besucheransturm nach Dunkirk stand.

Im ersten Bild des ersten Trailers zum Film sieht man kleine, weiße Schaumkronen. Man hört das Meer rauschen, dann sieht man einen Strand, über dem graue Rauchschwaden aufsteigen. Als kleine Schatten sind Soldaten erkennbar. Doch noch bevor man sich in diesem Schauplatz eingerichtet hat, weiß man, dass die Zeit davonläuft. Denn unaufhaltsam und immer schneller hört man eine Uhr ticken. Vielleicht gilt sie jemandem Bestimmten, ganz sicher aber gilt sie uns – der Countdown für diesen Film hat begonnen. Und noch sind wir die Einzigen, die dieses nervöse Ticken hören, alle anderen am Strand sind zu weit entfernt. „At the point of crisis survival ist victory“, verkünden zwischen die Bilder sich schiebende Titel, und dann sieht man zum ersten Mal Gesichter. Noch nicht jene der Stars, die kommen erst später, sondern von einem Haufen junger britischer Soldaten, die in einem Transportboot stecken. Das Sirenengeheul hingegen gehört zu deutschen Bombern und wird so lange lauter, bis es mit einem Mal verstummt. „Dunkirk“ kann man dann lesen. So heißen Ort und Film – der Film zum Ort und der Ort zum Film.