Ihr möchte man alles zutrauen: Gillian Anderson weiß, wie man schwierige Fälle oder knifflige Figuren meistert – ob in „The X Files, „The Fall“ oder demnächst in „Viceroy's House“.
Es war ein hoffnungsloses Unterfangen, das in der bis dato größten Flüchtlingstragödie überhaupt enden würde: 1947, genau 70 Jahre nachdem Königin Victoria zur Kaiserin von Indien proklamiert worden war, fiel ihrem Urenkel Lord „Dickie“ Mountbatten, die undankbare Aufgabe zu, als letzter Vizekönig nach Delhi zu gehen, um dort Englands Kolonialherrschaft abzuschließen und den indischen Subkontinent mit seinen 400 Millionen Menschen in die Selbstständigkeit zu entlassen. Doch was auf dem Papier so ehrenwürdig klang, entpuppte sich in der Realität bald als die schwerste Mission seines Lebens. Der Grund dafür war offensichtlich: Hindus, Muslims und Sikhs lagen zu dem Zeitpunkt bereits heftig und blutig im Streit darüber, wie ein unabhängiges Indien aussehen sollte. Nachdem erste Kämpfe zwischen den Religionsgruppen bereits Tausende Tode gefordert hatten, drohte der Bürgerkrieg bald auf ganz Nordindien überzugreifen. Da konnte selbst der stolze Brite nicht mehr viel verrichten. Eine glimpfliche Einigung schien aussichtslos – und sollte es bleiben.
Gurinder Chadhas romantisch angelegtes Historiendrama Viceroy’s House erzählt von den letzten sechs Monaten vor der indischen Unabhängigkeit sowie der unmittelbaren Teilung zu Pakistan, die damit einherging. Im Zentrum stehen Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine elegante und mindestens ebenso politisch engagierte Frau Edwina (Gillian Anderson), die ihrem sichtlich überforderten Gatten entschiedener zur Seite steht, als ihm lieb ist. Es ist eine Rolle, die der Schauspielerin, die sie spielt, hervorragend steht. Denn auch jenseits der Leinwand ist Anderson als kluge und selbstbewusste Frau bekannt, die gerne Hosenanzüge trägt und mit ihrem stählernen Blick schon so manchen Serienmörder in die Knie gezwungen hat. Sitzt man ihr jedoch entspannt im Hotelzimmer gegenüber, wirkt die zierliche Wahl-Londonerin alles andere als einschüchternd: Charmant und offen plaudert sie über ihre Karriere, von den Anfängen, als sie mit gerade einmal 24 Jahren in der Rolle der rothaarigen FBI-Agentin Dana Scully schlüpfte und damit als Heldin der US-Mystery-Serie The X-Files zum internationalen Star wurde, bis hin zu den jüngsten Fernseherfolgen mit der NBC-Produktion Hannibal und dem BBC-Drama The Fall. Während der andauernden Dreharbeiten für The X-Files blieb für Filmrollen wenig Zeit, doch auch im Kino konnte sich Anderson nach und nach als „Frau für alle Fälle“ behaupten: Für Terence Davies gab sie in House Of Mirth (2000) die so närrische wie eloquente Tochter aus guten Hause, in The Last King Of Scotland (2006) ließ sie sich als verheiratete Ärztin von dem jungen James McAvoy umwerben, und selbst in fragwürdigen Komödien wie Boogie Woogie (2009) oder Johnny English Reborn (2011) machte die heute 48-jährige kühle Blonde stets eine gute Figur.
So viel Talent und Wandlungsfähigkeit allein wären beeindruckend genug. Was Anderson jedoch in erster Linie von vielen ihrer Hollywood-Kolleginnen abhebt, sind der Ehrgeiz, mit dem sie sich neben ihrer erfolgreichen Film-, TV- und Theaterkarriere zudem als Aktivistin für Frauenrechte und gegen Menschenhandel einsetzt, sowie die schier entwaffnende Ehrlichkeit, mit der sie sich selbst gegenübertritt, Stellung bezieht und seit Neuestem auch noch Ratgeberliteratur schreibt. Warum sie ihrem exzellenten Ruf zum Trotz trotzdem weiterhin auf die ganz große Hauptrolle wartet, weiß sie selbst kaum zu sagen und begnügt sich stattdessen mit der tröstlichen Einsicht, dass ihre Kinder ihr sowieso wichtiger sind als der Beruf. Und doch: Die Zeit ist reif. Das weiß auch Anderson, die sonst, wie sie verlegen gesteht, beinahe alles vergisst. Aber vielleicht ist auch das eines der Geheimnisse ihres Erfolges: dass sie den Figuren, die sie verkörpert, nichts nachträgt. Denn nur so bleibt ihr Blick frei für das, was die Zukunft bringen mag.
Frau Anderson, Historiendramen sind Ihnen nicht fremd, und doch scheint Edwina Mountbatten auf den ersten Blick zunächst eine etwas ungewöhnliche Wahl. Was hat Sie an der Rolle gereizt?
Ehrlich gesagt hat mich vor allem der historische Hintergrund interessiert, weil mir bis dahin nicht bekannt war, wie viel Gewalt bei der Teilung Indiens tatsächlich mit im Spiel war und wie verheerend sich die Folgen für die Menschen und ihre Familien über Generationen hinweg darstellten. Ich hatte absolut keine Ahnung und bin deshalb auch zunächst völlig naiv an die Sache herangegangen. Ich glaube nicht mal, dass wir das Thema jemals in der Schule behandelt haben. aber je mehr ich recherchierte und in dem Zusammenhang auch über Edwina Mountbatten las, umso faszinierender wurde sie für mich als Figur: ihr Einfluss, ihr klarer Fokus, ihre Entschlossenheit etwas Sinnvolles, etwas Nützliches zu tun, all das hat dazu beigetragen, dass ich mich sehr schnell in die Rolle verliebt habe.
Bereiten Sie sich grundsätzlich eher intellektuell oder intuitiv auf eine neue Rolle vor?
Intuitiv, würde ich sagen. Ich lese zwar viel und hoffe dann, dass das Wissen, das ich mir dabei aneigne, im Unterbewusstsein ein Bestandteil der Interpretation wird, aber im Großen und Ganzen lasse ich mich eher von meinem Gefühl leiten.
Suchen Sie in dem Zusammenhang auch nach Gemeinsamkeiten?
Natürlich ist es im ersten Moment immer spannender, eine Rolle zu spielen, die einem gegenübersteht, die anders ist. Trotzdem gibt es auch bei den noch so untypischen Charakteren stets Parallelen. Nehmen Sie etwa Blanche in A Streetcar Named Desire, das ist eine Figur, die in vielerlei Hinsicht das komplette Gegenteil von mir ist – und Gott sei Dank ist das so. Aber tief im Innern haben wir doch auch einiges gemeinsam.
Was zum Bespiel?
Eine Tendenz zur Selbstzerstörung. Das klingt jetzt dramatischer, als es ist, aber ich habe schon das Gefühl, dass ich mich mit dieser extrem dunklen Seite von ihr bis zu einem gewissen Grad sehr gut identifizieren kann. Und egal wie düster es in ihr wird, nach außen hin tut Blanche alles, um die Fassade aufrecht zu erhalten. Das ist nicht einfach und es sind komplexe Rollen wie diese, die mich am meisten faszinieren.
Würden Sie Edwina Mountbatten ebenfalls zu dieser Sorte von Rollen zählen? Sie mag weniger düster oder rätselhaft gewesen sein, aber sie war, was man nicht unbedingt vermutet hätte, im Herzen eine engagierte Frauenrechtlerin, die sich auch für die Frauen in Indien einsetzte…
Absolut. Und wie gesagt, das Spannende war, dass ich zunächst keinen Schimmer hatte, wie vielschichtig auch sie als Persönlichkeit war. Was ich zum Beispiel auch nicht wusste, ist, dass sie in jungen Jahren als führendes Mitglied der Londoner Gesellschaft vor allem mit diversen Affären von sich reden machte. Selbst nach der Heirat mit Dickie hatte sie hinter seinem Rücken etliche Liebhaber, und erst als der Zweite Weltkrieg ausbrach, änderte sich ihre Einstellung zum Leben.
Denken Sie, dass die Mountbattens im Grunde von Anfang an überfordert waren mit der Aufgabe, vor die sie in Indien gestellt wurden?
Ja, total. Man muss sich nur vorstellen, wie schrecklich aussichtslos sich die Situation von vornherein darstellte, der Versuch, etwas zu retten, was längst verloren war. Das sieht man ja auch im Film sehr schön, wie sie ihren Mann geradezu anfleht, bestimmte Entscheidungen zu treffen, die ihn politisch vor große Herausforderungen stellen würden, und er lediglich gute Miene zum bösen Spiel macht, vermutlich weil er einerseits mit seinen Kräften am Ende war, aber auch, weil er biegsam war und schwach, und sich den Befehlen seiner Vorgesetzten nicht entgegensetzen wollte.
Sehen Sie in der Geschichte, die der Film erzählt, auch Parallelen zu heute?
Sicherlich, allein schon in der Hinsicht, dass wir eine Verantwortung anderen Menschen gegenüber haben, insbesondere wenn es um Flüchtlinge und Einwanderer geht, um Menschen, die vor der Gewalt in ihrer Heimat fliehen, und wie man ihnen helfen kann. Dazu kommt eine Politik der Angst und Spaltung, die derzeit auch bei uns wieder an Aufschwung gewinnt. In dem Zusammenhang mutet das alles sehr zeitgemäß an.
Für die Regisseurin Gurinder Chadha ist es ein sehr persönlicher Film, mit dem sie obendrein versucht, ein Stück Familiengeschichte aufzuarbeiten. Setzt Sie das als Schauspielerin unter besonderen Druck, wenn Sie wissen, wie sehr einem Regisseur das Projekt ans Herz geht?
Ja, zum Teil schon. Wobei ich mich auch selbst genügend unter Druck setze, aber das hat damit nichts zu tun. Ihre Perspektive ist ganz speziell die einer britisch-indischen Regisseurin, und Gurinder war von vornherein sehr offen und ehrlich darüber, dass dem so ist. Außerdem war es ihr wichtig, dass der Film so vielen Menschen wie möglich zugänglich wird, weshalb sie sich beispielsweise gegen eine Dokumentation entschieden hat, weil sie der Meinung war, dass eine zu politische Herangehensweise ihrem Vorhaben im Weg stehen würde. Stattdessen hat der Film angesichts der Liebesgeschichte zwischen den zwei Hausangestellten einen eher romantischen Kern, aber trotzdem ist es interessant zu sehen, inwiefern sich die politische Dimension der Handlung auf das Publikum überträgt. Wie gesagt, ich denke schon, dass es ein Film ist, der durchaus auch Diskussionen über aktuelle Themen wie Migration, Brexit und Trump anregen kann.
In Ihrem Privatleben engagieren Sie sich selbst aktiv in der Wohltätigkeitsarbeit. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Flüchtling in Ihr eigenes Haus aufzunehmen?
Eine Freundin von mir hat das getan, mehrmals sogar. Es gibt eine großartige Organisation, die Flüchtlingen Unterkünfte vermittelt, bis eine Sozialwohnung gefunden ist oder man die Familie zusammenführen kann. Und ich bin derzeit mit meiner Tochter darüber im Gespräch, ob und wie wir das machen könnten. Sie ist zweiundzwanzig und lebt noch bei uns, zusammen mit meinen zwei Jungs, und in der Hinsicht gibt es natürlich einiges zu berücksichtigen. Aber es ist definitiv etwas, das ich in Erwägung ziehe.
Denken Sie, dass Ihnen die Schauspielerei einen besonderen Blick auf die Welt ermöglicht? Dass Sie daraus etwas für sich lernen?
Ich denke schon. Mein Problem ist allerdings, dass ich mir langfristig nichts merken kann. Es ist schlimm, aber ich habe ein Gedächtnis wie ein Sieb. Das heißt, ich versuche zu lernen, so viel es geht, aber was davon tatsächlich hängen bleibt, ist eine andere Frage.
Sie haben vor kurzem gemeinsam mit der britischen Autorin und Journalistin Jennifer Nadel ein Buch geschrieben mit dem Titel „We: A Manifesto for Women Everywhere“ – eine Art Manifest für Frauen, die mehr vom Leben wollen. Was hat es damit auf sich?
Die Idee dazu kam, als mir plötzlich auffiel, wie viele Statistiken es gibt, die belegen, wie sehr Frauen jeden Alters heute noch immer unter dem Druck der Gesellschaft leiden. Und ich dachte mir, wenn wir alle immer mit dem gleichen Problem kämpfen, warum können wir dann nicht wenigstens versuchen, mit vereinten Kräften dagegen anzugehen. Das Buch ist gewissermaßen ein Einstieg in die Diskussion, um zu sehen, ob wir nicht doch etwas verändern können, wenn wir untereinander besser zusammenhalten.
Wenn man sich Ihre Filmografie anschaut, fällt auf, dass Sie immer wieder Frauen spielen, die geheimnisvoll sind und unnahbar, und die obendrein meist in Autoritätspositionen stecken.
Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich so interessiert bin an mysteriösen Figuren, wie immer alle behaupten. Ich persönlich lese gar nicht so viele Krimis und ich bin auch kein ausgesprochener Sci-Fi-Fan. Mir geht es immer in erster Linie um die Figur, die ich spiele, und ob sie etwas Besonderes hat, dass sie für mich spannend macht, egal in welchem Genre.
Nach „The X-Files“ haben Sie mit der BBC-Serie „The Fall“ in Großbritannien eine weitere Erfolgsserie angeführt. Hat Sie die Begeisterung für Ihre Ermittlerin Stella Gibson nach dem Hype, den Sie zuvor mit Ihrer FBI-Agentin Scully auslösten, noch überrascht?
Nicht unbedingt. Als ich das Drehbuch in die Hand bekam, war ich sofort begeistert, eben weil sie eine Frau ist, die ich so noch nicht im Fernsehen gesehen hatte, und ich habe schon damals insgeheim das Potential erkannt, das in ihr steckt. Ich denke, sie ist eine wichtige Figur für Frauen heute. Andererseits hat Stella Gibson natürlich schon auch etwas Mysteriöses an sich im Hinblick auf ihren Charakter, und ich kann nicht leugnen, dass mich das in dem Fall nicht auch an ihr gereizt hätte. Selbst nach mittlerweile vier Staffeln ist sie auch mir manchmal immer noch ein Rätsel.
Als Sie neulich in einem Interview zu „The X-Files“ befragt wurden, meinten Sie, Sie würden Scully auch nicht anders spielen, würde man Ihnen die Rolle heute zum ersten Mal anbieten. Gilt das für alle Ihre Figuren?
Wahrscheinlich schon. Es gibt nicht vieles, was ich in meinem Leben bereue. Ich finde es wichtig, zu den Entscheidungen zu stehen, die man getroffen hat, selbst wenn man die Sache zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht ganz zu Ende gedacht hat. Dann hat man zumindest seine Lektion für die Zukunft gelernt. Und das ist doch auch was.
Neben Ihren zahlreiche Film- und Fernsehengagements bleiben Sie auch dem Theater weiterhin treu. Haben Sie das Gefühl, Sie brauchen die Abwechslung?
Ja, unbedingt. Ich stand zuletzt vor einem Jahr auf der Bühne, als wir mit der Londoner Produktion von „A Streetcar Named Desire“ nach New York gingen. Und normalerweise spiele ich alle zwei, drei Jahre in einem Theaterstück, aber diesmal ist das anders. Ich merke jetzt schon wieder, wie es mir unter den Nägeln brennt, und ich versuche gerade ein Engagement für 2018 zu finden. Aber auch mit Kino und Fernsehen ist das nicht anders. Es gibt immer einen Moment, wenn mein Körper mir sagt, es ist Zeit.
Sie haben sich bei einer Aufführung von „A Streetcar Named Desire“ ziemich übel verletzt. Hat Sie das gar nicht abgeschreckt?
Nein, nein , nein… natürlich nicht. Ich konnte am Tag danach nicht auf die Bühne und musste zwei Vorstellungen ausfallen lassen, aber wie heißt es so schön: the show must go on!
Was ist denn eigentlich passiert?
Ich habe mir das Knie aufgeschlitzt. Es hat ziemlich heftig geblutet, aber das Bein ist noch dran, und ich habe eine tolle Narbe, die ich bei Gelegenheit herzeigen kann – ist übrigens auch ein toller Partytrick, aber empfehlen würde ich es trotzdem nicht.
