ImpulsTanz

Manisch-expressiv

| Andreas Ungerböck |
Das sommerliche ImPulsTanz-Festival bringt wieder zahlreiche herausragende Performances nach Wien. Besonders spektakulär beschäftigen sich Michael Laub und seine Remote Control Productions mit Fassbinder, Goethe und dem Madison-Tanz.

Michael Laub, der 1953 in Belgien geborene Regisseur und Choreograf, gilt als einer der Pioniere des modernen Tanztheaters. Schon als ganz junger Mann gründete er Mitte der siebziger Jahre in Stockholm, wo er damals lebte, gemeinsam mit Edmundo Za die Maniac Productions – ein Name, der nicht besser hätte gewählt sein können, so intensiv und mit großem körperlichem Einsatze wurde hier gearbeitet. Laub beschäftigte sich schon früh mit künstlerischen Mischformen, die heute State of the Art sind, aber damals durchaus noch nicht selbstverständlich waren: Performance und Videoinstallationen, Film, Körpersprache und eine stark rhythmisierte Musik, all das verband man zu einem sehr eigenständigen Mix. Aus der Arbeit mit den Maniacs heraus formierte Laub 1981, ebenfalls in Stockholm, die Remote Control Productions, die bis heute bestehen und auch in Wien zu sehen sind. Für Laub bedeutete das eine stärkere Hinwendung zu theatralen Formen, wenngleich man mit solchen Zuweisungen vorsichtig sein muss. In Wahrheit gibt es praktisch keine Form der szenischen Darstellung, die Remote Control noch nicht probiert und für sich genutzt hat.

In der langen Reihe erfolgreicher Produktionen finden sich intime, mit minimalem technischen Aufwand realisierte Solo-Stücke (“Out of Sorts”, “Pigg in Hell”, “Alone/Gregoire”) ebenso wie groß angelegte biografische Studien (“The H.C. Andersen Project”), dekonstruierte Soap-Opera-Musicals (“Rough”, “Total Masala Slammer/Heartbreak No. 5”) und Stücke, die auf literarischen Vorlagen beruhen (besonders spektakulär: “Frankula: Shelley/Stoker/de Sade”). Einflüsse von und die Beschäftigung mit Video, visueller Kunst und – vor allem – Film sind in den Arbeiten von Remote Control stets allgegenwärtig. Zuletzt war Laub im Februar 2016 in Wien präsent: Im Rahmen des ImPulsTanz-Specials “[Trans] Asia Portraits” im 21er Haus zeigte er unter dem Titel „Dance Portraits Cambodia“ auf zehn großen Videowalls das Spannungsfeld zwischen folkloristischen Tänzen und urbanen Club-Moves im heutigen Kambodscha. Sein Interesse für Kambodscha manifestiert sich auch in der 2013 begonnenen Zusammenarbeit mit der aus Phnom Penh stammenden Rockband The Cambodian Space Project.

Die neue Arbeit Laubs und von Remote Control, die dem ImPulsTanz-Festival 2017 als österreichische Erstaufführung einen spektakulären Start beschert, ist nun ein sogenanntes „Cinematographic Play“ mit dem vielversprechenden Titel „Fassbinder, Faust and the Animists“. Was auf den ersten Blick vielleicht seltsam anmuten mag, wird Laub und seiner Kompanie gelingen: Der Crossover von Rainer Werner Fassbinders Film Warnung vor einer heiligen Nutte aus dem Jahr 1970 mit Goethes „Faust“. Mit seinem 17-köpfigen internationalen Ensemble seziert Laub den Film und kontrastiert ihn in scharfen Schnitten, Wiederholungen und Verdoppelungen mit Goethes “Faust“ und Elementen des Animismus. Vermeintlich Disparates umkreist dabei in großen Gruppenszenen und porträthaft aufblitzenden Soli zentrale Fragen des Films und des Goetheschen Klassikers: Das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe, Dynamiken der Gemeinschaftsbildung und die teils tragikomische Suche nach sinnhafter Erkenntnis in einer säkularisierten Gesellschaft. Vorangetrieben von schier endlosen Variationen des Madison Dance zieht das Zusammenspiel von Tanz, Film, Musik und Drama das Publikum zunehmend in den Bann einer Welt, die mit ihren Kämpfen um Liebe und Macht und mit ihrer Spannung von Zärtlichkeit und Gewalt seltsam fremd und gleichzeitig nur allzu vertraut anmutet.

ImPulsTanz und „ray“ zeigen dazu, quasi als „Arbeitsgrundlage“ für das Publikum, Fassbinders Film im Rahmen des Open-Air-Filmfestivals „Kino wie noch nie“ im Wiener Augarten. Für Fassbinder war dieser Film immer besonders bedeutsam, stellt er doch sozusagen den Abschluss seines Frühwerks dar, eine Art Zwischenbilanz. Der Film-im-Film, gespielt von der üblichen Fassbinder-Mannschaft plus ein paar zusätzlichen Stars (Lou Castel, Eddie Constantine), erzählt von einem Filmteam, das in Italien auf „frisches“ Geld aus Deutschland wartet, um seine Arbeit fortsetzen können – ein Szenario, das Fassbinder von seinem vorigen, im spanischen Almeria gedrehten Film Whity her kannte und das er auf seine unnachahmliche Art hier gleich reflektierte. Der besondere Insider-Joke (den man aber nicht unbedingt verstehen muss) ist, dass hier jede/r nicht sich selbst spielt, sondern eine/n Andere/n aus dem Team: Lou Castel etwa verkörpert, in die fast ikonische Fassbindersche Lederjacke gehüllt, unverkennbar ebendiesen: einen genialen bis genialischen, bisweilen knallharten, bisweilen übersensiblen Despoten, der versucht, eine Truppe von exaltierten Egomaninnen und Egomanen zusammenzuhalten und das Projekt zu Ende zu bringen. Dabei wird viel („Cuba Libre“, auch als Cola-Rum bekannt) getrunken, philosophiert und geschwätzt, und selbst eine sich anbahnende Liebesgeschichte brachte Fassbinder unter.

Wie Michael Laub und Remote Control Productions Fassbinders Hommage an die „heilige Nutte“ Film mit Goethes Klassiker und mit Madison unter einen Hut bringen, das muss man wahrhaftig gesehen haben – aber natürlich ist das ja längst nicht alles. In dem enorm aufwändigen und personalintensiven Spektakel, das wenige Tage zuvor im (ko-produzierenden) Berliner HAU Hebbel am Ufer seine Uraufführung feiert, setzt sich auch Laubs Faszination für die kambodschanische Kultur fort – so sind etwa auch The

Cambodian Space Project erneut in der Performance zu hören.

 

Michael Laub / Remote Control Productions: Fassbinder, Faust and the Animists

14., 16. Juli, 21 Uhr und 17. Juli, 21.30 Uhr

Akademietheater, Wien

Österreichische Erstaufführung

 

Rainer Werner Fassbinder: Warnung vor einer heiligen Nutte (BRD/IT 1970), präsentiert von „ray Filmmagazin“

Vorführung im Rahmen von „Kino wie noch nie“: 15. Juli, 21.30, Augarten, Wien bzw. 16. Juli, 13 Uhr, Metro Kinokulturhaus, Wien

ImPulsTanz 2017

Nicht weniger als 54 Compagnien bespielen von 13. Juli bis 13. August in 63 Produktionen, davon zwölf Uraufführungen, die großen Bühnen der Stadt, neue Orte wie die Außenhaut der Secession, ganze Museen, aber auch so prickelnde Schauplätze wie die Burgtheater Probebühne und weitere 30 Studios über ganz Wien verteilt. So eröffnet Jan Fabre, dem dieses Jahr ein besonderer Schwerpunkt im Festival gewidmet ist, mit seiner einmaligen Soloperformance I am A Mistake am 13. Juli im Leopold Museum das Festival..

Insgesamt 31 österreichische Erstaufführungen, u. a. von Michael Laub, Cecilia Bengolea & François Chaignaud, Raimund Hoghe, Marlene Monteiro Freitas mit Andreas Merk, Salva Sanchis & Anne Teresa De Keersmaeker, Christian Rizzo, Germaine Acogny und Wim Vandekeybus sind im Rahmen von ImPulsTanz 2017 zu sehen. Ebenfalls erstmals in Österreich zeigt der südafrikanische Ballett-ShootingstarDada Masilo ihre neueste Produktion Giselle im Volkstheater, wohin sie auch mit ihrem gefeierten Swan Lake als [ImPulsTanz Classic] zurückkehrt. Weitere Classics stehen von Mathilde Monnier & La Ribot, Simon Mayer oder etwa Amanda Piña & Daniel Zimmermann am Programm. Die Kooperationen mit den beiden Wiener Museen – dem Leopold Museum und dem mumok – finden dieses Jahr ihre Fortsetzung.

258 Workshops und Research-Projekte umfasst in diesem Jahr das ImPulsTanz-Programm, das von 17. Juli bis 11. August Neugierige aus allen Teilen der Welt einlädt, sich in Parkour, Ballett, Yoga, Bollywood Dance oder Afro Fusion zu probieren. Allein 105 Workshops sind offen für alle Tanzbegeisterten, ob mit oder ohne Vorkenntnisse, und laden damit auch Anfängerinnen und Anfänger ein, in die Welt des (zeitgenössischen) Tanzes einzutauchen. Highlights dieses Jahr sind die Workshops im Rahmen von Summer of Movement im Haupthof des MuseumsQuartiers – ohne Voranmeldung, ohne Vorkenntnisse und gratis! Darüber hinaus findet erstmals bei ImPulsTanz das Festival Urbaner Künste – urbanative – statt. Von 5. bis 12. August gibt es im Arsenal Kurse, Flohmärkte, Battles und alles, was „urban“ ist. Mit dabei sind u. a. Nina Kripas, Yasmo und die Waxolutionists sowie – eine besondere Empfehlung – die New Yorker Voguing-Legende Archie Burnett.