Jersey Boys

Jersey Boys

| Oliver Stangl |

Clint Eastwood fügt seinem Alterswerk eine solide Musicaladaption hinzu

Dass sich das Jukebox-Musical „Jersey Boys“, das den Karriereverlauf der Band The Four Seasons nachzeichnet, zu einem enormen Broadway-Hit entwickelte, mag neben Evergreens wie „Big Girls Don’t Cry“, „Sherry“ oder „Can’t Take My Eyes Off You“ auch an der klassischen amerikanischen Geschichte von Aufstieg, Fall und Comeback gelegen haben: Vier junge Männer aus bescheidenen Verhältnissen bringen es in den frühen sechziger Jahren zu Starruhm, zerstreiten sich und erleiden einen Karriereknick. Mit neuer Formation kehrt der Erfolg in den siebziger Jahren zurück, und mit der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame erfolgt 1990 schließlich der Ritterschlag. Für die Filmversion behält der musikaffine Clint Eastwood Elemente der Bühnenversion bei – so durchbrechen etwa die Bandmitglieder von Zeit zu Zeit die 4. Wand und addressieren das Publikum –, versieht das Ganze aber mit seinem typisch schnörkellosen Stil. Das Ergebnis ist ein Hybrid, der mal besser, mal schlechter funktioniert, aber insgesamt recht unterhaltsam ist.

Das Ganze beginnt ein wenig wie eine Musicalversion von GoodFellas und zeigt, wie Frankie Valli (Gesang), Tommy DeVito (Gitarre) und Nick Massi (Bass) sich Anfang der fünfziger Jahre in Belleville, New Jersey, mit eher unbeholfenen Gaunereien im Umfeld der lokalen Mafia über Wasser halten und nebenbei versuchen, als Musiker den Durchbruch zu schaffen. Besonders der gütige Gangsterboss Gyp DeCarlo (Christopher Walken gestaltet die Rolle mit Sinn für Komik) hält seine schützende Hand über Frankie, da dessen einzigartige Falsettstimme ein „Geschenk Gottes“ sei. Doch der Durchbruch gelingt erst, als Tommys Freund Joe Pesci (jawohl, der spätere Oscar-Preisträger und Scorsese-Schauspieler, hier verkörpert von Joseph Russo) der Gruppe den Songwriter Bob Gaudio (Erich Bergen) vorstellt. Von da an stürmt das Quartett die Hitparaden, doch ist der Erfolg nicht von Dauer – was vor allem an Tommy liegt, der nicht nur enorme Schulden bei Kredithaien anhäuft, sondern die anderen durch anhaltende Ego-Trips zu nerven beginnt. Um Tommy aus der Band zu bekommen, erklärt sich Frankie zur Abbezahlung von dessen Schulden bereit, was ein jahrelanges Tingeln durch zweitklassige Clubs zur und die Entfremdung von seiner Familie zur Folge hat.

Eine richtige Musical-Szene hebt sich Eastwood (das Drehbuch stammt von Marshall Brickman und Rick Elice, die auch für das Buch der Bühnenversion verantwortlich zeichnen) bis zum Abspann auf, so als wolle er betonen, dass es nicht die Inszenierung eines klassischen Musicals war, die ihn an dem Projekt gereizt hat. In der Tat sind es neben dem makellosen Production Design und den Gesangsnummern jene Momente, die die unglamourösen Aspekte des Showbusiness zeigen und in denen Fragen nach Freundschaft und Solidarität gestellt werden, die am meisten zu fesseln vermögen. Doch klaffen Form und Inhalt manchmal auseinander: Zu sehr wird man auf Distanz zum Geschehen gehalten, als dass der innere Antrieb der Figuren sichtbar würde. Die tragische Entfremdung des stoisch leidenden Valli von Frau und Tochter bleibt fragmentarisch, und auch auf die üblichen Genre-Klischees – beim ersten Treffen mit der Band setzt sich Songwriter Gaudio ans Klavier, spielt einen Song, und die anderen stimmen auf der Stelle ein – wurde nicht verzichtet.

Die eingängigen Songs, die solide Besetzung und ein Hauch von Nostalgie (ein Bandmitglied sieht sich die TV-Serie Rawhide mit dem damals blutjungen Eastwood an) sind aber ein guter Ausgleich für diese Schwächen.