Der lange Abschied
Die Handschrift Albert Serras gehört sicherlich zu den markantesten im europäischen Gegenwartskino: In statischen Bildern lässt der Katalane fiktive und reale Figuren der abendländischen Literaturgeschichte – darunter Dracula, Casanova und Don Quijote – auftreten und deutet diese auf seine Art neu. Ein wesentlicher Faktor ist dabei die Zeit: Denn die oftmals einzelgängerischen Figuren werden in langen Einstellungen bei absurden Ritualen, immergleichen Tätigkeiten und beim Warten gezeigt. Serra hat dabei aber durchaus Sinn für Humor, was sich bei seinem aktuellen Film nicht nur auf der Leinwand zeigt: Als er diesen bei der Viennale im letzten Jahr vorstellte, gab er an, dass sich bei seinen vorhergehenden Filmen die Kinos meist zur Hälfte geleert hätten. Bei seinem neuen Werk allerdings seien die Leute sitzengeblieben. Tatsächlich ist La mort de Louis XIV. sein bisher zugänglichster Film, was nicht zuletzt am Hauptdarsteller liegt: Setzte Serra bislang auf Laien, steht hier mit Jean-Pierre Leaud in der Rolle des Sonnenkönigs ein absoluter Kultstar mit magnetischer Ausstrahlung im Mittelpunkt (Leaud habe er übrigens, auch wenn das politisch unkorrekt sei, engagiert, weil er „genetisch wie ein Franzose“ aussehe, so Serra).
Serra erzählt, basierend auf historischen Quellen, von den letzten zwei Wochen im Leben des Herrschers, der 1715 in Versailles an Wundbrand starb. Bis auf eine kurze Eröffnungssequenz, in der der König im Rollstuhl durch seinen Lustgarten gefahren wird, spielt der Film ausschließlich in Innenräumen, die Kameramann Jonathan Ricquebourg in Chiaroscuro-Licht á la Rembrandt taucht. Während der König darniederliegt (Leaud verbringe übrigens den Großteil des Tages ebenfalls im Bett, so Serra auf der Viennale) und sich sein Zustand immer weiter verschlechtert, sind die Ärzte ratlos, tun entweder nichts oder das Falsche. Gekränkte Eitelkeit, mangelndes Wissen und Inkompetenz gehen eine tödliche Mischung ein, der Serra – etwa durch lapidare Dialoge oder den Auftritt eines Quacksalbers, der den König mit einem Serum aus Stierblut- und Sperma heilen will – nicht selten schwarzhumorige Aspekte abgewinnt. Dass nahe und halbnahe Einstellungen die Figuren zu isolieren scheinen, passt gut zum Allgemeinplatz (oder zur Tatsache?), wonach der Tod eine einsame Angelegenheit ist. Das Warten auf das Unausweichliche geht mit einer Satire auf die Medizin Hand in Hand, dazu gesellt sich das Absurde, wenn der Herrscher bis zuletzt überlebensgroße Perücken als Statussymbol trägt. Ob die Besetzung Leauds – der hier, trotz körperlicher Immobilität, allein durch seine Mimik alles dominiert – als sterbender König auf der Metaebene ein Abgesang auf das europäische Kino ist, mag jeder für sich entscheiden. Eine Empfehlung jedenfalls für alle, die keine Scheu vor Filmen mit langem Atem und der Thematik an sich haben.
