Wüstes Familiendrama, das im Elend den Kitsch entdeckt.
Vater Rex zieht mit seiner Sippe übers Land. Er hat drei Töchter und einen Sohn, die statt einer staatlichen Zurichtungsanstalt die Schule des ungebundenen Lebens und der freien Natur besuchen. Dazu gesellt sich eine fantasiebegabte Mutter, die nicht von ihrer Leinwand ablassen kann und die daher ihren Kindern das Kochen überlässt, während sie sich künstlerisch verwirklicht. Man sitzt viel in klapprigen Autos, zieht von Bruchbude zu Bruchbude und lebt von der Hand in den Mund. Aber keiner redet einem drein, man ist niemandem zu nichts verpflichtet, handelt selbstbestimmt und existiert autark, abgegrenzt von all den Normalen, den Langweilern, den Konformisten. Die Walls sind freie Menschen unterm sternbestückten Firmament, und in ihnen, so der Vater, brennt ein Feuer.
Das Konzept erinnert an Matt Ross‘ Captain Fantastic, an die Geschichte vom idealistischen Hippie-Dad, der mit seiner vielköpfigen Kinderschar ein autonomes Leben in den Bergen führte, bis das Schicksal sie zu einer für alle Seiten lehrreichen Konfrontation mit der Zivilisation zwang. Allerdings stellt The Glass Castle, mit dem Destin Daniel Cretton den gleichnamigen, 2006 erschienenen, autobiografischen Roman von Jeannette Walls adaptiert, davon eher die Negativvariante dar. Im Unterschied zu Captain Fantastic nämlich, der seinen Kindern immerhin einen funktionierenden Lebensraum geschaffen hatte, ist Daddy Walls ein Windbeutel und Dampfplauderer, ein Luftikus und Schwadroneur, einer, der seinen Kindern buchstäblich das Blaue vom Himmel herunter verspricht und der das in der nächsten Minute schon wieder vergessen hat; Rex Walls ist ein Säufer mit Hang zu gewalttätigen Ausbrüchen, er ist ein grausamer Vater/Mann mit zweifelhaften Erziehungs- und Paarungsmethoden, er ist ein Tyrann. Eine Paraderolle für Woody Harrelson, der diesen schlimmen Film einigermaßen erträglich macht.
Harrelson zieht alle Register vom tobenden Berserker über die beleidigte Leberwurst bis zum säuselnden Verführer und lenkt mit seiner schauspielerischen Tour de force davon ab, dass es sich bei The Glass Castle um ein übel propagandistisches Rührstück handelt. Eine sentimentale American-Dream-Lüge, die die traditionellen US-amerikanischen Familienwerte sogar noch in die dysfunktionalste aller denkbaren dysfunktionalen Familien hineinschraubt, anstatt klar zu benennen, was deutlich zu sehen ist: unverantwortliche Monster-Eltern, deren Kinder einfach nur Glück hatten, sie zu überleben.
