Borg/McEnroe

Einsame Helden

| Jörg Schiffauer |
„Borg/McEnroe“ zeichnet anhand eines legendären Tennisspiels das Psychogramm zweier Kontrahenten, die sich ungeachtet aller äußeren Gegensätzlichkeiten ähnlicher waren, als man dies vermutet hätte.

Das Turnier in Wimbledon gilt seit jeher als Höhepunkt des Tennisjahrs. Unter den vier großen Grand-Slam-Bewerben, genießt Wimbledon unter Spielern und Fans noch einmal eine Ausnahmestellung. Die einzigartige Atmosphäre, die vom Veranstaltungsort, dem im Südwesten Londons beheimateten All England Lawn Tennis and Croquet Club – samt den typisch britischen, herrlich exzentrischen Eigenheiten – ausgeht, der spezielle Belag Rasen, der sonst kaum noch im Tennis zum Einsatz kommt und die Tradition des seit 1877 ausgetragenen Bewerbs, all das trägt zum legendären Status Wimbledons bei.

Doch als sich im Juni 1980 die Elite des Tennissports anschickte, den Kampf um die begehrte Trophäe aufzunehmen, wurde bald deutlich, dass sich diesmal mehr als nur ein hochkarätiges Turnier abspielen würde. Denn die Konstellation in diesem Jahr versprach ein Duell um den Sieg, das über einen sportlichen Wettkampf hinausging.

Geschuldet war das den beiden Spielern, die als Favoriten galten und deren Aufeinandertreffen ein Duell klassischen Zuschnitts versprach.

Die Rivalen

Da war zu einem Björn Borg, der Titelverteidiger und Nummer Eins der Weltrangliste. Obwohl gerade einmal 24 Jahre alt, hatte der Schwede in den Jahren davor die Tenniswelt dominiert, neben seinen – bis zu diesem Zeitpunkt – fünf Erfolgen beim Grand-Slam-Turnier in Paris, hatte er seit 1976 jedes Jahr in Wimbledon triumphiert und schickte sich nun an einen rekordträchtigen fünften Erfolg in Serie einzufahren. Neben seinen beeindruckenden sportlichen Erfolgen hatte Borg aber auch durch sein Auftreten auf dem Platz die Tennisszene zu prägen verstanden. Mit der Genauigkeit eines Metronoms pflegte er mit seinem präzisen, druckvollen Grundlinienspiel seine Gegner zu beherrschen, zudem blieb er auch in engen Spielsituationen stets kühl und stoisch ruhig, was ihm den anerkennenden Spitznahmen „Ice-Borg“ eintrug.

Sein großer Herausforderer schien der komplette Gegenentwurf zu Borg zu sein. John McEnroe war ein flamboyanter Spielertyp, der durch unglaubliches Ballgefühl zu begeistern verstand und mit seinem brillanten Aufschlag-Volley-Spiel auf Offensive setzte. Zudem war der US-Amerikaner auch von seinem Naturell das Gegenteil des bedächtigen Björn Borg. Der extrovertierte McEnroe war für seine Wutausbrüche auf dem Platz berüchtigt, heftige Diskussionen mit dem Schiedsrichter – im Gentleman-Sport Tennis zumindest zur damaligen Zeit ein absolutes No-Go – nach strittigen Entscheidungen standen bei seinen Spielen auf der Tagesordnung.

Die Positionen waren also bezogen und alles bereit für ein Wimbledon-Turnier, das den Erwartungen gerecht werden und (Sport-) Geschichte schreiben sollte.

Knapp vor Beginn des Turniers beginnt Regisseur Janus Metz mit Borg/McEnroe dieses Duell und seine Kontrahenten unter die Lupe zu nehmen. Um von Anfang an deutlich zu machen, dass seine Version sich nicht damit begnügt, die Geschichte dieses Sportduells auf eine Helden-Saga modernen Zuschnitts zu reduzieren. Eine der ersten Sequenzen etwa zeigt Björn Borg (Sverrir Gudnason) beim Training in seiner Wahlheimat Monte Carlo. Als er die Anlage des exklusiven Tennisclub verlässt, um mit seinem Auto nach Hause zu fahren, bemerkt er, dass er seine Wagenschlüssel verloren hat. Also macht er sich zu Fuß auf dem Heimweg, doch schon nach wenigen Metern wird er natürlich erkannt und um ein Autogramm gebeten. Als die Zahl seiner Fans immer größer wird, beginnt sich Borg zusehends unwohl zu fühlen, bis er buchstäblich Reißaus nimmt und sich in ein kleines Bistro flüchtet, wo er der einzige Gast ist. Doch es wird deutlich, dass hier ein Sportstar nicht nur einfach einmal seine Ruhe haben möchte, sondern dass Problem tiefer sitzt und Borg mit der ihm zugedachten Rolle des unbezwingbaren Helden gehörig zu kämpfen hat. Als Borg bemerkt, dass er auch sein Portemonnaie vergessen hat und nicht einmal seinen Kaffee bezahlen kann, stellt er sich dem freundlichen Wirt – der ihn nicht erkannt hat – nicht als Björn Borg, der Tennis-Star, vor sondern gibt vor, ein schwedischer Handwerker zu sein. Als solcher schleppt er lieber ein paar Kisten um seine Rechnung abzuarbeiten – auch deshalb, um für eine kurze Zeit nicht Borg sein zu müssen.

Als Björn Borg schließlich in London eintrifft, um die letzten Vorbereitungen für Wimbledon zu absolvieren, wird bald klar, dass unerschütterliche Ruhe, die ihn auf dem Tennisplatz auszeichnet, eine Fassade ist, die er nur mit einer großen psychischen Kraftanstrengung aufrechterhalten kann. Doch das hinterlässt Spuren, die im Alltagsleben in Form von – vorsichtig formuliert – Manierismen sichtbar werden. Im Wagen, mit dem er während des Turniers chauffiert wird, prüft er plötzlich den Sitzpolster, weil sich der vermeintlich anders anfühlt als die Tage zuvor. Das Überprüfen seiner Rackets hat sich überhaupt zu einem beinahe zwanghaft anmutenden Ritual entwickelt. Es genügt nicht, dass die mehr als zwei Dutzend Schläger genau nach Borgs Vorgaben bespannt werden – die Endkontrolle nimmt er selbst vor, indem er seine Sportgeräte nach einem genauen Muster in seinem Hotelzimmer auf den Boden legt, barfuss auf die Schlägerflächen steigt, um so die perfekte Saitenspannung zu prüfen. Zwischenmenschliche Kontakte, die zum Alltag eines Profisportlers gehören, wie Pressekonferenzen oder Termine mit seinen Managern werden immer mehr zur Herausforderung, am liebsten zieht sich Borg zurück und bleibt – sofern er nicht auf dem Tennisplatz steht – für sich. Nur seine Frau Mariana (Tuva Novotny), selbst ehemals Tennisprofi und sein langjähriger Trainer seit Jugendjahren, Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård), finden noch einen emotionalen Zugang zu ihm.

Regisseur Janus Metz bedient sich einer bruchstückhaft anmutenden narrativen Strategie, in dem er sich mittels unterschiedliche Episoden und zahlreicher Rückblenden seinen Protagonisten annähert. In den Rückgriffen auf Björn Borgs Kindheit und Jugend offenbart sich die Wurzeln seiner psychischer Verfasstheit, die wesentlich fragiler ist, als das sein souveränes Auftreten am Tennisplatz vermuten ließe. Der talentierte Bub, der übrigens im Eishockey ähnlich talentiert wie im Tennis, war, erhält zumindest in moralischer Hinsicht wenig Unterstützung, selbst sein Vater zweifelt immer wieder ziemlich harsch an seinen sportlichen Ambitionen. Ein ziemlicher Schlag für den kleinen Björn (gespielt von Borgs Sohn Leo, der mittlerweile selbst in der Nachwuchs-Tennisranglisten recht weit vorne gereiht ist), der in seinem unbändigen Ehrgeiz auf Fehler mit Wutausbrüchen reagiert, die jene von John McEnroe beinahe harmlos erscheinen lassen. Als er von seinen Verein deswegen suspendiert wird, scheint die angestrebte Tenniskarriere schon früh am Ende zu sein. Nur Lennart Bergelin, selbst ehemaliger Spitzenspieler und mittlerweile ein hochkarätiger Trainer, glaubt an Borgs Fähigkeiten und vor allem seinen unbedingten Siegeswillen. Doch der erfahrene Coach trichtert seinem Schützling auch ein, dass er seine Emotionen auf dem Platz unbedingt unter Kontrolle bekommen muss, um erfolgreich zu sein. Seine Wut solle er doch kanalisieren und immer in den nächsten Schlag legen. Unter Bergelins Führung stellen sich bald schon die Erfolge ein, Björn Borgs Aufstieg zur Nummer eins nimmt seinen Lauf. Doch die Angst vor der Niederlage bleibt, verfestigt sich ungeachtet aller Erfolge. Nur mit Siegen glaubt sich Björn Borg akzeptiert, jede Niederlage scheint geeignet, ihn in einen tiefen Abgrund zu stürzen, was allein den Gedanken ans Verlieren unerträglich macht.

Darin ergeben sich Parallelen zu seinem großen Kontrahenten John McEnroe (Shia LaBeouf). Der wird, wie eine der Rückblenden zeigt, von klein auf gedrängt, immer das Maximum zu erreichen. Erfahrungen, die ihn offensichtlich nachhaltig geprägt haben und vielleicht erklärt, warum McEnroe in seinem Spiel stets die Perfektion sucht. Eine Suche, die auch psychologisch nachvollziehbar macht, warum McEnroe auf Fehler – sowohl auf eigene als auch auf vermeintliche oder tatsächliche von Schiedsrichtern – mit extremen Wutausbrüchen reagierte, Fehlleistungen sind für jemanden wie ihn schlicht inakzeptabel. Borg/McEnroe dürfte da nicht weit neben dem realen Charakter liegen, denn der Titel einer Biographie, an der John McEnroe selbst mitgearbeitet hat, trägt einen Titel, der seinen Zugang zum Spiel ziemlich genau umschreibt: „A Rage for Perfection“. Für zwei Spieler mit einer derartigen psychischen Verfasstheit musste sich der Druck vor einem Turnier mit besagten Vorzeichen von Wimbledon 1980 ins Unermessliche steigern.

Die Getriebenen

Janus Metz’ Inszenierung verdeutlicht mit ihrer episodenhaften, oftmals zwischen den Zeitebenen herum springenden Erzählweise, die sich erst nach und nach zu einem größeren Bild zusammenfügt, die innere Zerrissenheit der beiden großen Antagonisten deutlich. Borg/McEnroe ist über weite Strecken weniger Sportfilm – in der ersten Hälfte des Films gibt es kaum Tennisszenen – als vielmehr psychologisches Drama. Dabei erscheinen sowohl Borg als auch McEnroe nicht als die großen Sporthelden, die modernen Gladiatoren, sondern als ziemlich einsame Individuen, die abseits des Tenniscourts beinahe verloren wirken. Der smarte New Yorker John McEnroe kann das zwar besser überspielen als der ohnehin introvertierte Schwede, doch das bleibt ein ewiger Drahtseilakt. Denn dem tennis-besessenen McEnroe geht das Spiel über alles, er will nicht nur bloß gewinnen sondern sein Spiel zudem so kunstvoll und spektakulär als möglich gestalten. Ein Purismus, der in inmitten der zunehmenden Popularisierung des Spitzensports anecken muss. Als McEnroe in einer US-Talkshow über sein Spiel als solches reden möchte, vom Moderator aber immer nur auf sein Bad-Boy-Image und seinen Rivalen Borg angesprochen wird, kommt es fast zum Eklat.

Die Hotelzimmer, in die sich Borg und McEnroe während des Turniers bevorzugt zurückziehen, werden zum Sinnbild für die Isolation außerhalb des Tennisplatzes. Wobei die Vereinsamung Verhaltensweisen nach sich zieht, die in ihrer Exzentrik schon an die Verschrobenheit von Schachgroßmeister herankommt. Der ewige Perfektionist John McEnroe malt mit Filzstift den kompletten Turnierraster and die Wand seines Hotelzimmers, um nicht nur das programmierte Finale Borg – McEnroe sondern auch so ziemlich jedes andere Match korrekt vorauszusagen. Borgs Verhalten hat ohnehin schon fast pathologische Züge angenommen. Als er mit einem Fernsehteam an Orte seiner Jugend in Schweden fährt, soll er noch einmal einen Tennisball gegen eine Garagentür schlagen, wie er es als Bub stundenlang als Übungseinheit gemacht hat. Doch weil sich dort mehr als ein Dutzend völlig identisch aussehender Garagentore befindet, ist sich Borg nach so vielen Jahren nicht sicher, gegen welches er gespielt hat. Den Beteuerungen, das sei für die Reportage völlig egal, ignoriert Borg, es müsse schon das genau richtige Tor sein – gedankenverloren bricht er den Dreh einfach ab.

Borg/McEnroe versteht es als psychologisches Drama zu überzeugen, was zu einem guten Teil der Leistung der Hauptdarsteller geschuldet. Dass Shia La Beouf die Rolle des von der Wut zur Perfektion angetriebenen John McEnroe meistert überrascht weniger als die Performance des bislang wenig bekannten Isländers Sverrir Gudnason, der den von seinen Dämonen gequälten Björn Borg glaubhaft zu

spielen versteht. Stimmig ist Metz’ Inszenierung aber auch als „period piece“, das die hedonistische Unbeschwertheit der aufziehende achtziger Jahre kongenial widerspiegelt. Markiert wird aber auch die zunehmende Transformation des Spitzensports, der nicht nur zu einem bedeutenden ökonomischen Faktor mutierte, den besten Spielern Popstar-Status verschaffte, sondern auch immer mehr zu einer Metapher für gesellschaftliche Verhältnisse wurde. Der Satz, mit dem der legendäre Trainer des FC Liverpool, Bill Shankly, ein wenig ironisch-kritisch die Fußballleidenschaft charakterisierte – „Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that.“ – begann in der gnadenlosen Welt des Profisports zum Lebensprinzip zu werden.

Da passte das Wimbledon- Finale 1980, der dramaturgische, stilsicher in Szene gesetzte Höhepunkt von Borg/McEnroe, perfekt ins Bild. Das von allen herbei gesehnte Duell zwischen Björn Borg und John McEnroe sollte entweder die Herrschaft des Schweden prolongieren und ihn mit seinem fünften Sieg in Serie endgültig in den Tennis-Olymp aufsteigen lassen oder aber sein Ende und damit die Ära des ebenso bewunderten wie umstrittenen Amerikaners werden.  Es sollte ein wenig anders kommen.

Das Finale übertraf in punkto Klasse und Spannung die ohnehin hohen Erwartungen. Bekanntermaßen konnte Björn Borg in einem dramatischen Fünf-Satz-Match seinen Herausforderer noch einmal um Haaresbreite auf Distanz halten. Doch der erwähnte Druck forderte seinen Tribut, nachdem Borg ein Jahr später seinen Wimbledon Titel an verlor, beendete er 1983 im Alter von nur 26 Jahren seine Karriere.

John McEnroe wiederum, der zu einem der ganz Großen des Tennis aufsteigen sollte, gewann durch sein brillantes Spiel und sein Auftreten im Finale 1980 allseitige Anerkennung. Es war vielleicht eines der letzten Male, wo eine sportliche Niederlage keine Frage von Leben und Tod sein sollte.