Mit Lust am sinnlichen Feuer und Freude an der geistreichen Erfindung erzählt die französische Serie „Versailles“ vom wilden König und seinem wüsten Bruder und sprengt ihre Figuren dabei ins durchaus Heutige frei.
„So gehts hier bey diesem hofe zu, wenn die courtisans sich einbilden, daß einer in faveur ist, so mag einer auch tun was er will, so kann man doch versichert sein, daß man approbiert werden wird, hergegen aber, wann sie sich das contrari einbilden, so werden sie einen vor ridicule halten, wenn er gleich von himmel käme. Wollte Gott, daß es sich schicken könnte, daß Euer Liebden ein monat etliche hier sein und dieses leben sehen könnten: ich weiß gewiß, Euer Liebden würden oft von herzen lachen…“
So schreibt Liselotte von der Pfalz am 14. Dezember 1676 an ihre Tante, die Herzogin Sophie von Hannover, und vermittelt prägnant ihr Befremden – das Zeit ihres Lebens anhalten sollte – ob des von Stimmungen und Moden, Gerüchten und Intrigen geprägten Lebens am Hof von Versailles. Liselotte nämlich, eigentlich Elisabeth Charlotte, genannt „Madame“, ist die zweite Frau des „Monsieur“ genannten Philippe I, Herzog von Orléans, seines Zeichens zwei Jahre jüngerer Bruder von Ludwig XIV von Frankreich, den wiederum die ganze Welt als den „Sonnenkönig“ kennt. Der Monsieur hingegen galt tout le monde – die zu jener Zeit freilich eine weitaus überschaubarere Angelegenheit war als heute – als notorischer Wüstling; Philippe feierte gern und vögelte gern, beides bevorzugt mit seinem Favoriten Philippe Chevalier de Lorraine-Armagnac, kurz und bündig und allgemein berüchtigt als: der Chevalier.
Man könnte diesen hochadligen Schmarotzern bereits in den Geschichtsbüchern begegnet sein, könnte gelesen haben von des Sonnenkönigs exquisiten Mätressen, Mademoiselle de La Vallière, Marquise de Montespan und Madame de Maintenon, und verwundert Notiz genommen haben von den seltsamen Sitten und Gebräuchen (Parfümieren statt Waschen, Verrichten der Notdurft in den Versorgungsgängen) an einem der protzigsten Prunkhöfe, die je in die Annalen eingingen. Zustände herrschten dort wie im alten Rom; ein Ort moralischer Verderbtheit war dieses Versailles, ein Sündenpfuhl – Sodom und Gomorrah!
Oder war vielleicht doch alles ganz anders?
Vom strahlenden Ludwig, dem bedeutendsten Vertreter des höfischen Absolutismus, und dem turbulenten Leben im von ihm errichteten Goldenen Käfig fabuliert uns auf das Allerschönste und in bislang zwei Staffeln die Serie Versailles vor, die vom französischen Fernsehsender Canal+ mit sichtlich viel Geld und dazu passendem Engagement produziert und seit November 2015 ausgestrahlt wird. Zwar führte die Entscheidung, Versailles an Originalschauplätzen, jedoch auf Englisch und mit Ausländern in den Hauptrollen zu drehen, zu heftigen Diskussionen unter den notorisch fremdsprachenfeindlichen Franzosen. Die hohen Produktionskosten (für die erste Staffel stand ein Budget von rund 30 Millionen Euro zur Verfügung) waren jedoch nur mit Blick auf den internationalen Markt zu verantworten. Dort schlägt sich die Serie offenbar mit Erfolg, eine dritte Staffel ist in Arbeit.
Überraschend heutig – und darin durchaus überzeugend – ist der Zugriff von Simon Mirren und David Wolstencroft, die den Stoff entwickelt haben und die Serie federführend verantworten. Beispielsweise erklingt zeitgenössische Musik allenfalls im Rahmen von Festen und Soireen, während der von Michel Corriveau verantwortete Score sich ansonsten gegenwärtiger elektronischer Klänge bedient. Auch die Schauspielführung zielt weniger auf historisch fundierte Porträts legendärer Adliger des 17. Jahrhunderts als vielmehr auf fantasievoll gestaltete Figuren, deren ungezügeltes Temperament selbst einem Menschen der postfaktischen Digitalmoderne vertraut erscheinen kann. Diese Gleichzeitigkeit – ein gewagt-geglückter Brückenschlag über die Jahrhunderte – führt zu faszinierenden Reibungen und kreiert ein Spannungsfeld zwischen Kostümfilm und Charakterdrama, innerhalb dessen die beiden ungebändigten Brüder Ludwig und Philippe mitunter wie Popstars anmuten – und von den beiden jungen und hübschen britischen Schauspielern George Blagden und Alexander Vlahos, denen die Langhaar-Perücken ganz ausgezeichnet stehen, mit Witz und Verve auch auf die Bühne gestellt werden, beziehungsweise mitunter eher geschleudert.
Es ist überliefert, dass Ludwig XIV gerne Schuhe mit hohen Absätzen trug, um seinen etwa 1,65 Metern Körpergröße ein wenig auf die Sprünge zu helfen; schließlich war er der von Gott auserwählte Sonnenkönig, also der Nabel der Welt, äh, zumindest Frankreichs, beziehungsweise wenigstens von Schloss Versailles. Das allerdings – Rom wurde bekanntlich auch nicht an einem Tag erbaut – erst einmal geschaffen werden musste. Was gar nicht so einfach war. Denn so manch Adliger wäre lieber auf seinem Chateau geblieben, statt die von Ludwig zugewiesenen Kammern in jenem Palast zu beziehen, der fortan als Herz, Hirn und Sinnbild Frankreichs zu gelten hatte. Um von den beleidigten Parisern, die ihre herrliche Stadt ungläubig einem provinziellen Vorort nachgeordnet sahen, ganz zu schweigen.
Entschlossen also, weil beseelt von seinem Auftrag, eilt der etwas kurz geratene Monarch mit wallender Mähne durch die Fluchten der Salons des auszubauenden Jagdschlösschens, ruft die Bedenkenträger und die Zweifler zur Räson, betört und verführt und schmeichelt und charmiert und verbittet sich im übrigen jede Widerrede, weil sonst … Dabei bekommt man es mit der Angst zu tun, weniger um die Köpfe der Abgemahnten als vielmehr um den Herrscher, den das hohe Tempo mit den hohen Schuhen auf dem blitzeblank gewienerten Parkett (wir befinden uns schließlich wirklich und tatsächlich im echten Versailles) aus der Kurve zu tragen droht. Doch es ist der bedeutende Bonvivant Philippe, des Königs Bruder, der sich immer wieder einen Spaß daraus macht, geschwinde heranzuschlittern und kurz vor der Kollision – mit beispielsweise einem Spiegel, in dem er seinen schicken, neuen Hut betrachten will oder eine schneidige Rüstung – zu einem scharfen Stopp zu kommen.
Aus dergleichen Schabernack sollte man nun allerdings keinesfalls den Schluss ziehen, dass es sich bei Versailles um eine ins Komödiantisch-Ironische gewendete Variante von Die Medici oder Serien mit vergleichbarer dynastischer Thematik handelt. Denn so modern wie der Zugriff auf den Stoff sind letztlich auch die Konflikte, die dieser verhandelt: in Gestalt eines großen, allgemeinen Haderns, das sich eines Zeitalters wohl geziemt, dessen Perspektive die Französische Revolution ist. Mit Ludwigs Sonnenuntergang wird sich schließlich der Schatten der Guillotine erheben. Zunächst aber, wie gesagt, hebt das Hadern an: Ludwigs mit seinen Allmachtsfantasien und seinem Größenwahn, Philippes mit seiner Rolle als ewige zweite Geige, der Königin mit Ludwigs Mätressen, der Mätressen untereinander, der Adligen mit ihrer Stellung bei Hofe. Dabei treffen jeweils sowohl Subjekt und Rolle als auch Gefühl und Vernunft aufeinander; unterschiedliche, mitunter sogar einander ausschließende Konzepte liegen im Widerstreit, wenn die moralische Vorbildfunktion, die der König sich für seinen Hof erträumt, wenn das Bemühen um symbolhaft ausstrahlende Sittlichkeit von seinem eigenen, heißblütigen Begehren torpediert wird und Bruder Philippe, der nicht so heimliche Star von Hof und Serie, in Frauenkleidern auf dem Tisch tanzt.
Sie sind mächtig, sie haben Verantwortung, ihr Geist ist willig, ihr Fleisch ist schwach … und vergänglich. Und ihre Gräber werden geschändet werden.
