Lav Diaz triumphierte beim 67. Filmfestival von Locarno.
Wie kaum in einem anderen Jahr erwies es sich beim eben zu Ende gegangenen 67. Filmfestival von Locarno als kluge Konstruktion, Glamour und Kunst zu trennen. Das publikumsträchtige Mainstreamkino mit den Stars läuft auf der Piazza Grande, um so dem Hauptprogramm eine schärfere Kontur zu geben. Kein anderes A-Festival wagt einen derart kompromisslos avantgardistischen Wettbewerb. 15 Spiel- und zwei Dokumentarfilme konkurrierten um die Leoparden. Der Goldene Leopard für den besten Film ging an Mula sa kung ano ang noon (Von dem, was war) des philippinischen Regisseurs Lav Diaz. Die Jury unter Vorsitz des italienischen Filmemachers Gianfranco Rosi, der auch Thomas Arslan angehörte, zeichnete damit das radikalste Werk aus. 338 Minuten nimmt sich das in Schwarzweiß gedrehte Historiendrama Zeit, vom politischen Umbruch Anfang der siebziger Jahre in einem abgelegenen und ganz offensichtlich dauerverregneten Dorf zu erzählen. Diaz greift dabei auf eigene Kindheitserinnerungen zur Zeit von Ferdinand Marcos’ Diktatur zurück, wie er in Locarno sagte. Wirklich überraschend kam die Auszeichnung allerdings nicht. Der 55-jährige ist seit seinen früheren Auftritten in Cannes und Venedig mit Filmen selten unter neun Stunden schon lange Cineastenliebling, und auch die internationale Presse in Locarno war sich in ihrer Begeisterung für das verhältnismäßig kurze Mammutwerk erstaunlich einig.
Der Spezialpreis der Jury ging an die brillant geschriebene Independentkomödie Listen Up Philip des jungen New Yorker Regisseurs Alex Ross Perry, eine gallige Anti-Liebeserklärung an Perrys Heimatstadt, in der scheinbar Neid und Missgunst regieren. Jason Schwartzman spielt einen misanthrop-arroganten Schriftsteller, der es sich so ziemlich mit jedem verscherzt, der seine Wege kreuzt, von der Freundin bis zum Verleger. Selten war ein Protagonist so unsympathisch und zugleich so unterhaltsam. Ebenfalls als einer der Favoriten galt der düster-beklemmende Cavalo dinheiro (Horse Money) des Portugiesen Pedro Costa, in dem er zur Hauptfigur seines letzten Films Juventude em marcha zurückkehrt, jenem Ventura von den Kapverden, der von Soldaten aus seiner Heimat vertrieben, nun in einem verlassenen Hospital wegen seines Traumas behandelt wird. Costa wurde am Ende mit dem Leopard für die beste Regie ausgezeichnet. Die Darstellerpreise gingen an die Französin Ariane Labed als junge Schiffsmechanikerin in Fidelio, l’odyssée d’Alice von Lucie Borleteau und den Russen Artem Bystrov als gegen das korrupte System aufbegehrender Ingenieur in Durak (Der Idiot) von Yury Bykov. Beide absolut verdient, wobei vor allem bei den Frauen die Konkurrenz in diesem Jahr groß war.
Auf der Piazza Grande lief viel gefühlvolles Taschentuchkino, wie das französische Drama Marie Heurtin über ein blind und taubes Mädchen, das von einer Nonne lernt, Anteil an ihrer Umwelt zu nehmen, oder die deutsche Tragikomödie Hin und weg über einen todkranken jungen Mann, der seine Freunde auf eine letzte Radtour mintnimmt – zur Sterbehilfe nach Belgien. Den Nerv der Zeit traf die Bestsellerverfilmung Tanzende Araber des Israelis Eran Riklis . Die Geschichte um einen palästinensischen Jungen, der Anfang der Neunziger als einziger Araber auf eine jüdische Eliteschule geht und dort mit seiner Identität und der des Landes konfrontiert wird, erhält durch den aktuellen Gaza-Konflikt zusätzliche Brisanz. Die Fernsehbilder im Film sehen den derzeitigen beunruhigend ähnlich. „Die Situation ist so verfahren“, sagt Riklis, dem die zusätzliche Relevanz seines Films durchaus bewusst ist. „Die einzige Lösung, die ich derzeit sehe, ist ein Politiker von Außen, Ägypten oder den USA, der schlichtend eingreift. Nur gibt es eine solche Figur derzeit nicht.“ Er hoffe, mit seinem Film im Kleinen zu wirken und das Verständnis auf beiden Seiten zu fördern.
Den Glamour, den auch ein Festival wie Locarno braucht, um Begehrlichkeiten von Publikum und Sponsoren zu befriedigen, holt man sich hier durch eine ganze Parade an Ehrenpreisen, um so bekannte Stars in das Tessiner Städtchen zu locken. In diesem Jahr kamen der deutsche Weltstar Armin Mueller-Stahl und die Schauspielerinnen Juliette Binoche und Mia Farrow. Melanie Griffith kam gar eigens für einen Kurzfilm, in dem sie, ganz selbsttherapeutisch, wie sie im Interview zugibt, eine Alkoholikerin spielt. Anfang der Woche musste das Festival allerdings einen herben Rückschlag erleiden, als Regisseur Roman Polanski sein Erscheinen kurzfristig absagte. Vorangegangen war teils massiver Protest Schweizer Lokalpolitiker und Medien wegen des Vorwurfs, der heute 80-jährige habe 1977 eine Minderjährige missbraucht. Polanskis erster öffentlicher Auftritt nach seiner Festnahme in Zürich 2009 wäre tatsächlich ein Coup gewesen. Festivalleiter Carlo Chatrian betonte in seiner Stellungnahme, das Festival sei auch weiterhin der künstlerischen Freiheit verpflichtet. Dafür spricht auch sein Wettbewerb.
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