In „Good Time“ von Joshua und Ben Safdie absolviert Robert Pattinson eine Odyssee durchs nächtliche New York. Dabei ergeht es ihm nicht besser als den geprüften Helden von Martin Scorsese und Paul Schrader. Anmerkungen zu nächtlichen Parforceritten durch den Big Apple.
Je länger die Nacht, desto schneller die Schritte. Denn im ersten Morgengrauen beginnt einem die Zeit davonzulaufen, hat man das Grauen der Nacht noch nicht hinter sich gelassen. Man will endlich heim, vielleicht hat man Familie oder wohnt gar in einem eigenen Apartment in der Upper East Side. In jedem Fall hat die Nacht Spuren hinterlassen, nicht nur in der Erinnerung, die einen fortan verfolgen wird, sondern auch am Körper. Möglicherweise ist die Kleidung zerfetzt, mit Blutflecken verschmiert, die nicht von einem selbst stammen. Vielleicht weiß man gar nicht, von wem sie stammen. Ist man verführt worden oder beraubt, ist man selbst zum Räuber oder gar Mörder geworden? In jedem Fall hat die Nacht ihren Preis.
Im US-amerikanischen Spielfilm ist man fast immer noch ein Mann. Das gilt im Besonderen, wenn man auf eine nächtliche Odyssee durch New York geschickt wird. Als Mann ist man getrieben, erliegt der Verlockung, sieht sich zum Handeln gezwungen oder genötigt. Man muss die Dinge tun, die man tun muss, und koste es Kopf und Kragen. Manchmal fordert der Mann zugegeben sein Schicksal heraus, etwa, wenn er sich, wie der Büroangestellte Paul Hackett in After Hours (1985), mit Henry Millers „Im Wendekreis des Krebses“ in ein Bistro setzt. Er lese das Buch bereits zum zweiten Mal, erklärt Hackett der schönen Unbekannten, die sich ihm als Marcy vorstellt und ihm Miller erklärt. Griffin Dunne, New Yorker, und Rosanna Arquette, New Yorkerin, brechen dann auf nach Soho, wo die „Zeit nach Mitternacht“, so der deutsche Titel, für Paul und Marcy zur Ewigkeit werden wird. Er wird versuchen, am Leben zu bleiben, und sie es sich nehmen. Martin Scorsese, New Yorker, hat diese schmal budgetierte Kriminalkomödie, die wiederholt zur bitteren Farce abdriftet, während der sich über Jahre erstreckenden Arbeit an der Letzten Versuchung Christi gedreht. Die Versuchung, der Paul erliegt, ist jene, aus seinem behüteten Middle-Class-Dasein auszubrechen – was in Scorseses Kino als moralischer Anstalt natürlich bestraft gehört. Der böse Traum und der böse Witz sind nicht sehr weit voneinander entfernt. Dass Paul im Laufe der Nacht der bedrohlichen Sinnlichkeit von Marcys Mitbewohnerin, der Bildhauerin Kiki (Linda Fiorentino), ausgesetzt ist; für einen Einbrecher gehalten und vom Mob verfolgt wird; vergeblich versucht, Peter Patzak anzurufen; dem Ehemann der toten Marcy über den Weg läuft und in dessen Wohnung das Klo zum Überlaufen bringt; beinahe einen Irokesenhaarschnitt verpasst bekommt; und schließlich von der letzten seiner fünf Damenbekanntschaften dieser Nacht, der schweigenden June (Verna Bloom) gerettet wird, indem sie ihn in eine Pappmaché-Skuptur versiegelt – das alles entbehrt natürlich jedweder Logik, außer sie gehorcht dem totalen Irrsinn.
Dass Paul nicht mehr nach Hause kommt und stattdessen um acht Uhr morgens direkt vor seinem Büro aus dem Lieferwagen der echten Einbrecher purzelt, liegt daran, dass ihm das nötige Kleingeld fürs Taxi fehlt. Seit ihm ein Windstoß seinen 20-Dollar-Schein davongeweht hat, ist er zu Fuß unterwegs – und wer auf die eigenen Beine vertrauen muss, der ist beim Laufen und Hetzen tatsächlich auf sich selbst angewiesen. Unvorstellbar etwa für Jeff Goldblum als Angestellter einer kalifornischen Satellitenfirma, der in Into the Night (John Landis, 1985) unter Schlafmangel leidet und darob am Flughafen der schönen Diana (Michelle Pfeiffer) in die Arme läuft, die den iranischen Geheimdienst am Hals hat. Die einzige Waffe, die Ed Okin bleibt, sind diverse Autos, mit denen er und Diana „kopfüber in die Nacht“, so der deutsche Titel, flüchten. Undenkbar aber auch für Tom Cruise als Auftragskiller in Collateral (Michael Mann, 2004), der sich in Los Angeles für eine Nacht ein Taxi anmietet, um mit eiskalter Präzision seine Arbeit zu erledigen – nur um schließlich doch in einem Zug seinem Ende entgegenzufahren. Die Hintertreppen, die Feuerleitern, die Häuserblocks, um die man hastet, ehe man schließlich wieder an derselben Straßenecke landet, die Sackgassen voller Mülltonnen, der aus den Kanaldeckeln aufsteigende Dampf – das sind die Kinobilder des nächtlichen New York. Als Zuschauer ist man ihnen so ausgesetzt wie die Figuren ihren Geschichten.
Exakt zweiundzwanzig Stunden bleiben Kurt Russell als Ex-Elitesoldat „Snake“ Plissken, den US-Präsidenten aus der Gefängnisinsel Manhattan zu befreien. John Carpenters dystopischer Science-Fiction-Klassiker Escape from New York (1981) macht aus Plisskens Suche eine Odyssee durch die Ruinen der Stadt, in der all das wahr geworden ist, wovor sich Biedermänner wie Paul Hackett so sehr fürchten und was Kriegsheimkehrer wie Travis Bickle so sehr hassen. Wer immer durch ein solches New York der Zukunft durch die Nacht hetzen muss – er hat es sich nicht verdient.
Das New York der Siebziger- und Achtzigerjahre ist aber das von Scorsese und Paul Schrader. Am Set von Die Letzte Versuchung Christi lernte Schrader Willem Dafoe kennen und verpflichtete ihn für seinen eigenen nächsten Film, eine Art motivischer Weiterführung von Taxi Driver und American Gigolo: Wer im Big Apple nicht schlafen kann, ist ein Light Sleeper (1992). Auch Dafoe fährt zu Beginn des Films vorbei an das Neonlicht spiegelnden Pfützen und schwarzen Plastiksäcken, die sich im Laufe des Films zu immer höheren Müllbergen türmen. John LeTour ist Drogenkurier („White drugs for white people“), Rot und das Blau dominieren die von Ed Lachman gefilmten Straßen. Mit seiner von einem Chauffeur gelenkten schwarzen Limousine kreuzt John durch die reichen Viertel und den strömenden Regen. Seit zwei Jahren ist er clean. Ein hagerer, grüberlischer Mann, der sich Sorgen um seine Zukunft macht: Seine Chefin Ann (Susan Sarandon) möchte aus dem Geschäft aussteigen, was ihm bleibt, ist ein fehlender Plan. „Everything you need is around you. The only danger is inside you“, erklärt ihm die Wahrsagerin, die aussieht wie eine Psychotherapeutin. Und die Gefahr lauert tatsächlich nicht nur da draußen in dieser Stadt, sondern ebenso sehr in John selbst. Er ist ein Zweifler, und anders als Travis Blickle in Taxi Driver reagiert er nicht mit Hass, sondern mit zunehmender, apathischer Verstörung auf den schillernden Sumpf, der die Menschen nicht mehr loslässt und immer tiefer nach unten zieht. Wie alle Nachtwandler ist auch er ständig unterwegs – bis er plötzlich für einen Moment Ruhe bewahrt: Marianne (Dana Delany), mit der er eine lange, drogenintensive Beziehung hatte, hat sich vollgepumpt aus dem Fenster eines Kunden gestürzt. John sieht sich den auf der Straße liegenden Körper an, dann kehrt er zu seinem Wagen zurück. Wo es nun hingehen soll, will sein Fahrer wissen. „Nowhere. Just wait“, antwortet John.
Connie Nikas und sein geistig behinderter Bruder Nick überfallen eine Bank. Weil das aber nicht nach Plan verläuft, ist Nick bald im Gefängnis von Rikers Island und Connie erstens auf der Flucht und zweitens auf einer Rettungsmission: Er muss das Geld für die Kaution auftreiben. Good Time (2017) haben Joshua und Ben Safdie ihren jüngsten Film genannt. Das in Queens und Manhattan aufgewachsene Brüderpaar, das sich mit seinen bisherigen New-York-Filmen wie Daddy Longlegs (2009) oder Heaven Knows What (2004) einen Namen machte, hat mit Good Time das ihm vertraute Terrain nicht verlassen, sondern mit Robert Pattinson seinen ersten Hollywood-Star auf dieses gelockt. Pattinson ist nun mit hässlich blond gefärbtem Haar und struppigem Bart nicht mehr als solcher zu erkennen, was aber wiederum Sinn der Sache ist. Denn der Realismus, der die bisherigen Low-Budget-Filme der Safdies bestimmte und den auch Good Time seinem Helden aufbürdet, ist unmittelbar dem Lebensumfeld seiner Autoren geschuldet. Die Safdies kennen ihr New York so wie Scorsese (und ja, auch Woody Allen) das seine kennt und machen tatsächlich aus der Stadt eine Westentasche, aus der es kein Entkommen gibt. Ein Hetzfeld, in dem geflohen und verfolgt wird, und in dem die Kräfte so lange auf Connie einwirken, bis er dort landet, wohin er sich im Grunde im Laufe der Nacht selbst manövriert hat. In diesem New York des Nebels und des Neonlichts regieren, anders als bei Scorsese und Schrader, nicht die Gesetze des Genrekinos, sondern das Wissen um die Gesetze des Genrekinos. Und kratziger Elektrosound. Irgendwann am Ende, wenn er selbst am Ende ist, landet Connie in einem höllisch ausgeleuchteten Vergnügungspark.
An nächsten Morgen ist man vielleicht wieder zuhause, in der Arbeit, im Gefängnis oder nicht mehr am Leben. Sicher ist nur, dass am Ende jeder Nacht der Morgen wartet, und auch in der Stadt, die niemals schläft, wird es im Osten grau. Dort wo hinter Long Island das Meer den Himmel berührt.
