Filmkritik

Atelier de Conversation

| Angela Sirch |
Dokumentation über einen Raum, der Grenzen sprengt

In der Bibliothéque publique d’information im Centre Pompidou, einer der größten Bibliotheken von Paris, treffen sich jede Woche Menschen aus aller Welt um ihre Französisch-Kenntnisse und ihre Konversationsfähigkeiten zu verbessern. Zusammen sitzen sie auf orangefarbenen Plastikstühlen im Kreis inmitten der Bibliothek und erzählen, wie sie nach Frankreich gekommen sind, wie sie mit Heimweh umgehen, was sie über die Liebe, Politik und die Wirtschaftskrise denken. Begleitet von Moderatoren, die ein wenig aushelfen, wenn die Worte fehlen oder kalmieren, wenn zwischenzeitlich die Emotionen hochkochen. Vordergründig ist es ein Ort, um seine Sprachbarriere abzubauen, doch unter dem Offensichtlichen schlummert so viel mehr.

Das Atelier, umgeben von Glaswänden, inmitten einer großen, gut gefüllten und oftmals geschäftigen Bibliothek, ist sinnbildlich für einen geschützten Raum in dem es für einige Zeit keine gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen gibt. Hier sitzen Studenten privater Wirtschaftsuniversitäten neben Kriegsflüchtlingen, Konservative neben Liberalen, Menschen, die auf Zeit nach Paris kommen und solche, die hoffen, für immer hier bleiben zu können. Hier prallen gegensätzliche Meinungen aufeinander, aber auch Verbindendes, wie das Gefühl, auch nach langer Zeit immer noch ein wenig fremd oder mit seinen Unsicherheiten und Schwierigkeiten alleine zu sein. In der Konversationsrunde gibt es nicht, nur die Versicherung „Du bist nicht allein“. Dafür finden sich erhellende Einblicke in andere Kulturen und poetische Erkenntnisse, wie die Aussage einer chinesischen Studentin, die auf die Frage, wie sich die Wirtschaftskrise in China zeigt, die Conclusio zieht: „Vielleicht ist es keine Wirtschaftskrise, sondern eine Krise des Glücks.“ Man könnte meinen, dass die puristische Kameraführung, die schlicht die Protagonisten oder das Treiben in der Bibliothek zeigt, auf Dauer langweilig sein könnte, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die technische, ästhetische Komponente des Films nimmt sich bewusst zurück, um den spannenden Geschichten die uneingeschränkte Bühne zu überlassen. Man gewinnt aufs Neue sehr eindringlich die Erkenntnis, dass alle Menschen trotz kultureller Unterschiede unabhängig ihrer Herkunft im Grunde dieselben großen Fragen, Ängste und Vorurteile beschäftigen und begleiten. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen wieder allerorts die Angst vor dem Unbekannten geschürt und durch populistische Marktschreierei verbreitet wird, sind hoffnungsvolle Orte der Gemeinschaft und Grenzüberschreitung wie das Atelier de conversation wichtiger denn je.