Crossing Europe Filmfestival

Filme sollen Fragen stellen

| Günter Pscheider |
In der Reihe Spotlight des Crossing Europe Film Festival wird diesmal die rumänische Produzentin Ada Solomon gewürdigt. Ein Gespräch.

Ada Solomon, geboren 1968 in Bukarest, gilt als eine der Architektinnen des sogenannten rumänischen Filmwunders. Die auch international äußerst umtriebige Produzentin hat ein vom kleinen Dokumentarfilm bis zu internationalen Großproduktionen reichendes, enorm breites Spektrum, scheut dabei nicht vor schwierigen Stoffen zurück und gibt Newcomern gern eine Chance. Mit dieser speziellen Haltung ist sie natürlich der ideale Gast für Crossing Europe, wo sie sieben Langfilme und ein Kurzfilmprogramm präsentieren und im Rahmen eines Spotlight Talk Einblick in die Theorie und Praxis ihres umfangreichen Schaffens geben wird. Im Gespräch erzählt die in u.a. in Berlin, Venedig oder Cannes für ihre Filme ausgezeichnete Produzentin von der Ambivalenz der Quote, der Wichtigkeit einer Vision beim Filmemachen und die Herausforderungen beim Dreh von Toni Erdmann.

Wie sind Sie dazu gekommen, Filme zu produzieren? War das schon immer Ihr Karriereziel oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Das war reiner Zufall. Während der Revolution 89 studierte ich Ingenieurswesen, nach dem Ende des Kommunismus durfte man erstmals während des Studiums auch arbeiten und ich nahm das erste Jobangebot gleich an, um meinen Eltern nicht länger auf der Tasche zu liegen. Ich arbeitete zwei Jahre lang in einer Werbeagentur, entschloss mich dann aber zu kündigen, denn obwohl es vom kreativen und organisatorischen Aspekt her interessant war, waren mir der Druck, der Stress einfach zu viel, abgesehen davon, dass ich nicht den Rest meines Lebens damit verbringen wollte, Produkte zu verkaufen, an die ich nicht glaubte. Die Leute, die für unsere Audio/Video-Abteilung arbeiteten, gründeten gerade eine Produktionsfirma und boten mir einen Job an. Elf Jahre lang habe ich wirklich alles vom Catering bis Regieassistenz, von Location Scouting bis Executive producer gemacht, das Handwerk von der Pike auf gelernt und mich daneben noch mit Filmgeschichte beschäftigt. Ich hatte und habe Glück und hätte niemals auch nur davon geträumt, meinen jetzigen Beruf auszuüben, aber ich glaube es gibt nichts, was mir und meinen Talenten so sehr entspricht.

Sie scheinen ein besonderes Talent dafür zu haben, neue Regisseure zu entdecken, sehen Sie das als spezielle Aufgabe oder ergibt sich das von selbst?

Eine Mischung aus beiden, würde ich sagen. Ich bin schon auf der Suche nach jungen Talenten, werde aber auch durch meinen Ruf von vielen angesprochen. In Rumänien ist die Filmlandschaft eher klein, da ist es nur natürlich, dass man früher oder später allen interessanten Playern begegnet. Leider hat der Tag nur 24 Stunden, da ist einfach zu wenig Zeit, um mit allen Leuten zu arbeiten, mit denen ich eine Vision teile. Es gibt einfach zu viele Talente bei uns.

Wie suchen Sie generell Ihre Projekte aus? Gibt es da bestimmte Kriterien oder sind das eher instinktive Entscheidungen?

Ich wähle eher den Geschichtenerzähler aus als die Geschichte selbst. Ich glaube, die Story kann durchschnittlich oder außergewöhnlich sein, je nachdem, wie sie in Szene gesetzt wird. Ich arbeite eher mit Künstlern als mit Ideen, aber um gut zusammenzuarbeiten, schadet es nicht, wenn wir zumindest ähnliche Wertvorstellungen teilen oder uns darüber konstruktiv verständigen können, wie wir die Welt sehen. Ich suche visionäre Filmemacher mit Projekten, die auch Fragen aufwerfen, versuche die Filme zu machen, die ich auch als Zuschauerin im Kino gerne sehen würde.

Wie sind Sie zum Projekt Toni Erdmann gekommen, und was waren die größten Herausforderungen?

Mich verbindet mit dem Produzenten Jonas Dornbach eine langjährige professionelle Freundschaft, er hat mir das Projekt gezeigt, und ich war sofort sehr interessiert. Einerseits, weil ich Maren Ades Arbeit sehr schätze, aber auch weil mir das Thema der Entwurzelung von Ex-Pats ein wichtiges Anliegen war, das ich sogar einigen rumänischen Filmemachern erfolglos vorgeschlagen hatte.

Die Dreharbeiten waren eine großartige, wenn auch nicht immer einfache Erfahrung. Maren weiß sehr sehr genau, was sie will, und setzt perfektionistisch auch alles daran, das zu kriegen. Es waren viele Leute am Set, die teilweise sehr lange arbeiteten, aber die Crew war eine verschworene Einheit. Eine weitere Herausforderung war, meine Heimatstadt Bukarest so darzustellen, wie ich und auch Maren sie sehen. Dabei zeigen wir hoffentlich realistische Facetten der Stadt, die wir selten auf der Leinwand sehen, auch nicht in rumänischen Produktionen.

Sie haben auch zwei Film mit österreichischen Filmschaffenden gemacht. Wie war hier die Zusammenarbeit?

Auch wenn beides Dokumentarfilme sind, war die Erfahrung doch sehr unterschiedlich. Bei Oceanul Mare von Katharina Copony war es eine kleine Produktion, fast schon intim, in deren Verlauf sie mir die chinesische Community meiner Stadt näher brachte, die ich selber kaum kannte. Bei Johannes Holzhausens The Royal Court filmten wir über einen längeren Zeitraum mit viel mehr Aufwand die Reise eines Zuges durch die Vergangenheit und die Gegenwart Rumäniens, in dem sich Mitglieder der königlichen Familie befinden. Die Dreharbeiten – bei denen ich nicht sehr oft präsent war – haben das rumänische und das österreichische Team sehr zusammengeschweißt, und diese Verbindung wird auch weiter bestehen, lange nachdem der Film seine Reise in die Welt angetreten hat.

Was sind ihre liebsten Erinnerungen an Dreharbeiten und warum?

Ganz wichtig war für mich schon mein erster Film The Section von Peter Gothar, wo die ungarisch-rumänische Crew mitten im karpatischen Winter gemeinsam die Herausforderung der Elemente meisterte. Da habe ich mich so richtig in meinen zukünftigen Beruf verliebt. Auch die Erfahrung mit unserer ersten unabhängigen Produktion Marilena from P7, wo die Welten der Gebildeten und der Outcasts aufeinanderprallten und man entdecken konnte, dass gegenseitiger Respekt die einzige Möglichkeit ist, Mauern zu durchbrechen und die Welt zu verändern. Aber es ist eigentlich unmöglich, hier eine Art von Hierarchie zu entwickeln, so unbeantwortbar wie die Frage, welches seiner Kinder man am meisten liebt. Es gibt in jedem der über 50 Filme unvergessliche und berührende Momente für mich.

In Rumänien gibt es ähnlich wie in Österreich ein staatliches Filmförderungssystem. Haben Sie hier Verbesserungsvorschläge?

Das System funktioniert, aber es ist ausgerichtet auf eine Zeit vor der digitalen Revolution, ich könnte Stunden über dieses Thema reden, deshalb nur einige kurze Anmerkungen: Die Distribution und Verwertung müssten stärker gefördert werden, es gibt außerhalb der Großstädte kaum Möglichkeiten, überhaupt künstlerisch wertvolle Filme zu sehen. Die Fernsehstationen sind zu wenig an rumänischen Filmen interessiert, sowohl was die Förderung als auch die Ausstrahlung betrifft. Ein Steuererleichterungsmodell wie z.B. in Belgien existiert ebenfalls noch nicht. Ich bin keine Idealistin, mein Beruf verlangt eher, dass ich mit beiden Füßen auf der Erde bleibe, aber sobald Filme nicht mehr nur als Ware gesehen werden, sondern als kulturelle Werte, wird sich einiges zum Besseren wenden. Wir brauchen ein noch besseres Verständnis für die Benefits von Kinokunst, dafür, dass Filme durch Emotionen ein starkes Mittel zur Bildung sind, dafür, dass sie dazu beitragen, einem die Augen zu öffnen. Aber offensichtlich wollen die Machthaber nicht nur in Rumänien genau das nicht.

Wie könnte man das Ziel der gleichen Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen im Filmbussiness erreichen? Würde eine Quote helfen?

Das ist eine schwierige Frage. Einerseits mag ich die Idee einer Quote nicht. Ich denke, die Qualität, die Kreativität sollte belohnt werden, nicht das Geschlecht. Auf der anderen Seite kann ein Quote auch den gewünschten Effekt bringen: Als in Rumänien eine Quote für nationale Filme eingeführt wurde, gab es noch zu wenige, darunter auch einige nicht so tolle. Aber nach einiger Zeit stieg eben deshalb die Anzahl der Filme und auch die Qualität, und das wiederum weckte den Appetit der Zuschauer auf heimische Filme. Nach einer gewissen Zeit war die Quote gar nicht mehr notwendig, weil die Anzahl, die Qualität  und das Publikumsinteresse konstant blieben. Etwas ähnliches könnte eine Frauenquote im Filmbereich bewirken.

Mit welcher Regisseurin oder welchem Regisseur würden Sie gern einmal arbeiten?

Mit Agnàs Varda, einfach um ihre unglaublichen Energie, Kreativität und ihre immense Lebensfreude aus nächster Nähe mitzuerleben.