Das Linzer Filmfestival Crossing Europe geht in die 15. Runde. Ein Überblick, garniert mit Statements der Direktorin.
Denkt man an das Linzer Filmfestival Crossing Europe, hat man möglicherweise immer noch eine junge, relativ neue Veranstaltung im Kopf (was im Vergleich mit der seit Jahrzehnten präsenten Viennale und der immerhin seit den frühen Neunzigern existierenden Diagonale auch stimmen mag). Doch begeht man in der Stahlstadt heuer auch schon das 15. Jubiläum. Mittlerweile lässt sich also durchaus von einer Institution sprechen, die sich über Oberösterreich hinaus einen Namen gemacht hat und von Cineastinnen und Cineasten quer durch Europa geschätzt wird – 245.000 Besucher waren bislang auf dem Festival zu Gast. Dass XE, wie man sich abkürzt, immer noch frisch wirkt, mag vielleicht zu einem gewissen Grad daran liegen, dass man hier ganz besonders auf aktuelle soziale und politische Brennpunkte fokussiert, die Europa und die Welt beschäftigen. Stärker als bei anderen österreichischen Festivals ist hier auch der Anteil unbekannter und im besten Sinne sperriger Filme. Nicht zuletzt mag es die gebündelte Vielfalt des europäischen Arthouse-Kinos selbst sein, die Vitalität vermittelt.
Veränderungen und Konstanten
Christine Dollhofer, die das von Moviemento-Chef Wolfgang Steininger gegründete Festival seit Anbeginn leitet, hat in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten allerhand Veränderungen in der Kinolandschaft gesehen, wobei ihr die technologische Transformation besonders im Gedächtnis geblieben ist: „Die radikalste Veränderung war wohl der Wandel vom analogen (Zelluloid) zum digitalen (DCP) Projektionsmodus. Hatten wir 2004 noch ausschließlich 35mm-Projektionen, sind es jetzt nur noch ,historische‘ Programme, die analog gezeigt werden. Wurde 2004 noch vorwiegend auf Festivals im Kinosaal vorgesichtet und Einreichungen auf VHS Bändern entgegengenommen, so sind wir jetzt mit hunderten von Links gesegnet.“ Eine Konstante sei in all den Jahren jedenfalls geblieben, so die Direktorin: „Formal gab und gibt es immer aufregende Arbeiten.“
Dies trifft auch auf jenen europäischen Filmkünstler mit marktaner Handschrift zu, dem 2018 der Tribute des Festivals gewidmet ist: Es handelt sich um den Italiener Edoardo Winspeare. Dollhofer, die das Werk Winspeares bereits seit Beginn des Jahrtausends verfolgt, schwärmt von den vielfältigen Qualitäten des Regisseurs: „Er ist ein Autorenfilmer im wahrsten Wortsinn und erzählt regionale Geschichten – und Geschichte – auf internationale Weise. Mit bescheidenem Budget und den Bewohnern seines Heimatortes arbeitend, setzt er seinem Lebensraum ein filmisches Denkmal. Beginnend mit Pizzicata (1996) erzählt er in seinen Spielfilmen chronologisch die Geschichte der wenig beachteten Region Salento im Südosten Italiens. Ausgehend vom nahenden Ende des Zweiten Weltkriegs schildert er den Strukturwandel und die Besonderheiten einer in der Provinz angesiedelten Gesellschaft.“ Dollhofer hofft, dass Winspeare, der heiße Themen wie Abwanderung, Mafia und Landspekulation nicht scheut, durch den Tribute hierzulande größere Bekanntheit erlangen wird. Der Filmemacher, der persönlich nach Linz kommen wird, verkörpert wohl geradezu idealtypisch jene Stärken des europäischen Kinos, die Dollhofer besonders schätzt: „Es gibt kaum einen so vielgestaltigen, künstlerischen Produktionsraum wie Europa, wo auch experimentelles und weniger kommerzielles Filmschaffen noch möglich ist. Zudem sind die Europäer Koproduktionsweltmeister geworden: Das hilft den Filmen und fördert grenzüberschreitendes Arbeiten.“
Subkulturen und Politik
Auch das regionale oberösterreichische Filmschaffen findet wieder Platz bei Crossing Europe: In der Schiene „Local Artists“ (heuer gab es allein für dieses Programm 150 Einreichungen) wird etwa Jakob Kubizeks Doku Jedem Dorf sein Underground gezeigt, die die Entstehung des alternativen Veranstaltungszentrums Röda in Steyr nachzeichnet. Das Festival hat damit wie schon oft einen sehenswerten, mit zahlreichen Interviews und Archivmaterial versehenen Film über regionale Subkulturen im Programm.
Der österreichische Beitrag unter den traditionell fünf Eröffnungsfilmen stammt von Regisseurin Alenka Maly: The European Grandma Project ist ein Oral-History-Projekt, in dem Maly und acht anderen Filmemacherinnen von Island bis Israel von der besonderen Beziehung zu ihren Großmüttern erzählen. Private Momente des Glücks werden dabei ebenso thematisiert wie Erlebnisse in Kriegszeiten. Unter den politischen Dokumentarfilmen sind heuer ganz besonders jene Beiträge aus Deutschland zu empfehlen, die die Wahlerfolge rechter Parteien reflektieren: Marc Eberhard porträtiert in Meuthen’s Party den polarisierenden AfD-Politiker Jörg Meuthen, Sabine Michel rückt mit ihrem Wettbewerbsbeitrag Montags in Dresden Pegida-Anhänger ins Bild, und Lion Bischof blickt in Germania hinter die Kulissen der 1863 gegründeten Münchner Burschenschaft. Alle drei Filme finden dabei einen direkten, aber nicht platt moralisierenden Zugang. Besonders Michels Beitrag, gleichwohl preisgekrönt, wurde der Verzicht auf den erhobenen Zeigefinger von manchen Kritikern angekreidet. Wer weiß, vielleicht löst der Film auch bei Crossing Europe Diskussionen aus. Ebenfalls politische Themen streift Sandra Trostels All Creatures Welcome, ein sehenswertes Porträt des Chaos Communication Congress. Das Thema Hacking erscheint in diesem Dokumentarfilm, der seinen Direct-Cinema-Ansatz mit einem verspielten Kommentar kombiniert, als progressive Geisteshaltung, die sich für eine bessere Welt einsetzt.
Während die Reihe „Nachtsicht“ Highlights des europäischen Horror- und Fantasyfilms versammelt, geht es in den bewährten, von Dokumentarfilmen dominierten Programmschienen „Arbeitswelten“ und „Architektur & Gesellschaft“ – die Titel verraten es – um sozialpolitische Themen.
Im Spielfilmbereich gehört sicherlich das intensive Biopic Nico, 1988 der Italienerin Susanna Nicchiarelli zu den Must-Sees: Die Dänin Tryne Dyrholm spielt die legendäre deutsche Sängerin mit enormer Intensität. Eine andere große Schauspielerin, nämlich Isabelle Huppert, kann man in Serge Bozons Madame Hyde bewundern, einer satirischen Adaption des Stevenson-Romans „Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“: Hier gibt die französische Kinolegende eine sozial ungeschickte Lehrerin, die übermenschliche Kräfte erlangt, nachdem sie vom Blitz getroffen wurde.
Filme über homosexuelle Liebe fanden in den letzen Jahren verstärkt den Weg auf die Leinwand, und auch Crossing Europe hat diesmal ein sehenswertes Werk zum Thema im Programm: Der rumänische Eröffnungsfilm Soldiers. A Story from Ferentari (Regie: Ivana Mladenovic) zeigt auf angenehm unglamouröse Weise – und nach einem lose autobiografischen Drehbuch eines der Hauptdarsteller –, die Affäre eines Anthropologen mit einem Roma. Eine sehenswerte und stellenweise humorvolle Produktion, die allerdings nie den Blick von den widrigen gesellschaftlichen Umständen abwendet, denen das Paar ausgesetzt ist.
Eines der großen Themen unserer Zeit, die Flüchtlingskrise, ist sowohl als Eröffnungsfilm – Jupiter’s Moon des Ungarn Kornel Mundruczo – als auch als Abschlussfilm – der deutsche Filmemacher Christian Petzolds adaptierte den Anna-Seghers-Roman Transit für die Leinwand – präsent. Beide Werke setzen dabei klugerweise auf Verfremdungseffekte, die über eine rein tagesaktuelle Betrachtungsweise hinausgehen.
Einer der härtesten Filme dieses Jahrgangs ist sicherlich der ebenfalls im Spielfilm-Wettbwerb laufende Morir (Dying) des spanischen Regisseurs Fernando Franco: In dieser Adaption der Schnitzler-Novelle „Sterben“ eröffnet ein Mann seiner Lebensgefährtin, dass er nicht mehr lange zu leben hat und die ihm noch verbleibende Zeit nicht im Krankenhaus verbringen möchte. Die Frau versucht der zunehmenden Agonie und den Stimmungsschwankungen des Mannes mit Geduld zu begegnen. Ein schonungsloses, präzise inszeniertes Werk über die letzten Dinge, in dem der Raum zur Seelenlandschaft wird.
Nach einem solchen Film darf man sich schon mal einen Drink gönnen. Praktisch, dass das beliebte Partydeck im Offenen Kulturhaus nicht weit ist. Partystimmung herrscht bei Dollhofer und ihrem Team trotz der Erfolgsgeschichte des Festivals allerdings nicht immer: „Crossing Europe geht es als bestens eingeführtes Festival vom Selbstverständnis her gut, nichtsdestotrotz ist es jedes Jahr mühsam, die Tour de Force der Finanzierung zu durchlaufen. Ein Großteil unserer Energie fließt in die sich ständig wandelnde strukturelle Geldbeschaffung, da wir nur einjährige Verträge haben. Das Festival und die Ansprüche wachsen, die Finanzquellen sind enden wollend, das heißt, wir haben sehr viele Kooperationen, die finanziell abfedern, aber natürlich auch mit Mehraufwand verbunden sind.“ Dennoch freuen sich Dollhofer und ihr Team über immer neue Besucherrekorde. Europas Cineastinnen und Cineasten dürfen sich hoffentlich noch auf viele weitere Festivaljahre freuen.
