Die Tragödie eines verschollenen Kindes und seiner verlorenen Eltern: Andrey Zvyagintsevs „Loveless“
Es gibt eine Szene zu Beginn dieses Films, von der die Rede ist als von einer besonders schrecklichen: Es ist Abend, das Kind vermutlich im Bett, und die Eltern, Boris und Zhenya, streiten sich darüber, wer von beiden sich nach der unmittelbar bevorstehenden Scheidung um den zwölfjährigen Alyosha kümmern wird. Weder Vater noch Mutter wollen den Sohn mitnehmen in ihre jeweiligen neuen Leben, die sie mit neuen Partnern bereits geplant haben. Eigentlich geht es nur noch um den Verkauf der ehemals gemeinsamen Wohnung und darum, den Jungen loszuwerden, der an die ehemalige Gemeinsamkeit erinnert. Nicht zuletzt wohl wollen beide einander zum Schluss noch einmal möglichst richtig wehtun. Also redet man nicht, man keift.
Langsam bewegt sich nun die Kamera und gibt den Blick frei auf den hinter einer Tür das Gespräch mitanhörenden Buben, aus dem der namenlose Schmerz des Verlassenwerdens in einem stummen, doch schreiend verzweifelten Geheul hervorbricht. Der Anblick ist schwer auszuhalten, die Einstellung dauert zum Glück nicht allzu lange. Am darauf folgenden Tag packt Alyosha seine Sachen, verlässt die elterliche Wohnung und verschwindet.
Doch die noch um einiges schrecklichere Szene kommt um einige Zeit später. Die Kamera hat sich schräg hinter einem Bushäuschen aufgebaut, an dessen Glasscheibe ein Zettel klebt, auf dem das Foto des Jungen zu sehen ist. Es ist eine Vermisstenanzeige von der Art, mit der auch nach entlaufenen Haustieren gesucht wird. Ein Mann wartet auf den Bus und weil es kalt ist und langweilig geht er hin und wirft einen Blick auf den Zettel. Dann dreht er um und geht die paar Schritte wieder zurück zum anderen Ende des Bushäuschens, bleibt stehen, wartet weiter. Der Beiläufigkeit seiner Bewegung sieht man an, dass er den Zettel und damit den Jungen beim Umdrehen schon wieder vergessen hat. Ein vermisstes Kind mehr, eines von vielen, dessen Schicksal ungeklärt ist. Ein junges Leben, irgendwo verschollen. Die Welt dreht sich weiter. Noch etwas später setzt der genervte Vater in seiner neuen Familie die kleine Tochter ungeduldig und ruppig im Laufstall ab und wendet sich dem Fernseher zu. Andernorts steigt die Mutter auf dem Balkon der schicken Wohnung ihres neuen Liebhabers, der gleichfalls fernsieht, aufs Laufband und beginnt zu trainieren. Sie trägt ein Trikot mit der Aufschrift „Russia“.
Andrey Zvyagintsevs Loveless (Originaltitel: Nelyubov), der bei den Filmfestspielen in Cannes im vergangenen Jahr den Preis der Jury erhielt, löst die Drohung seines Titels ohne viel Federlesens ein. Alyoshas Verschwinden setzt eine Suche in Gang, die Gegenstand der Handlungsebene des Films ist und wiederum den Anlass bietet für eine nüchterne Bestandsaufnahme der zwischenmenschlichen Beziehungen respektive des Sozialen und im Weiteren natürlich auch des Gesellschaftlichen im Russland der Gegenwart. Ein Rundumschlag sozusagen, eine Generalkritik, wenn man so will.
Zugleich aber auch eine genaue Rekapitulation eines Verfahrens und das präzise Porträt der an dieser einen spezifischen Suche beteiligten Personen und Institutionen. Denn auf die Arbeit der Polizei können Boris und Zhenya, Angehörige der gehobenen Mittelschicht, nicht zählen, also beauftragen sie eine private Agentur, eine Freiwilligenorganisation von paramilitärischer Anmutung, die die Versager-Eltern herumscheucht. Zwischen Vorwürfen, Gewissensbissen und hilflosem Aktionismus werden nun auch Boris‘ und Zhenyas Motive klarer, treten Charakterzüge zutage, bringt ein Besuch bei Zhenyas Mutter die strukturelle Gewalt des tradierten Geschlechterverhältnisses zum Vorschein: Der im Grunde schwache Macho-Mann und die von ihm abhängige, passiv-agressive Frau, aneinandergekettet von lediglich materialistischen Interessen. Es ist ein Muster, das sich auch in anderen Filmen des unabhängigen russischen Filmemachers findet.
Andrey Petrovich Zvyagintsev (deutsche Transliteration: Andrei Petrowitsch Swjaginzew) wurde am 6. Februar 1964 in Nowosibirsk geboren. Dort absolviert er auch eine Schauspielausbildung, die er nach seiner Übersiedlung nach Moskau 1986 an der Russischen Akademie für Theaterkunst fortsetzt. 2000 beginnt er für den Fernsehsender Ren TV erste Regiearbeiten zu realisieren; 2003 legt er mit The Return sein fulminantes Kinodebüt vor, das bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wird. Es folgen mit The Banishment (2007), Jelena (2011) und Leviathan (2014) drei vielfach preisgekrönte, von meisterlicher Beherrschung der filmischen Mittel zeugende Arbeiten, die Zvyagintsev nachdrücklich als bedeutende Stimme der russischen Gegenwartskinematografie etablieren.
Vor allem der hochgelobte Leviathan, oscarnominiert als Bester Fremdsprachiger Film, brachte dem Regisseur den Ruf eines scharfen Kritikers des System Putin ein. Tatsächlich lässt sich die Geschichte eines Mannes, der in die Fänge von Bürokratie, Willkür und Machtmissbrauch gerät und im Zuge eines Enteignungsverfahrens nicht nur sein Haus, sondern auch Familie und Freiheit an Staat und Kirche verliert, leicht als Allegorie auf die politischen Strukturen in Zvyagintsevs Heimatland lesen. Zvyagintsev hingegen – der sich nicht als politischer Filmemacher, sondern als ein Filmkünstler, durchaus auch in der Tradition Andrej Tarkowskijs begreift – möchte seine Werke weniger als Mittel der konkreten Anklage eines Totalitarismus Putin’scher Prägung sowie des russischen Oligarchenunwesens verstanden wissen, denn als Beschreibung sozialer, gesellschaftlicher und damit selbstverständlich auch systemisch übergeordneter Verhältnisse. Insofern sind Zvyagintsevs Dramen, die letztlich immer auch die Tragödien von Familien sind, vielfältig interpretierbar und betrifft die zwischenmenschliche Kälte, die Sprach- und Fühllosigkeit, die in ihnen Gestalt annimmt, eben nicht nur Russland, sondern ganz allgemein kapitalistische Gesellschaften. Und während den hedonistischen Erwachsenen über Statussorgen und Geldgier Werte, Moral und Gemeinsinn abhanden kommen, sind es die Kinder, die, allein und sich selbst überlassen, in der herrschenden Orientierungslosigkeit verloren gehen.
