Lido Blog 2

| Thomas Abeltshauser |

Wer hätte gedacht, dass man sich einmal darüber freut, vor einer verschlossenen Tür in einer Schlange zu stehen? Freitag Mittag ist es passiert, bei der Pressevorführung von Peter Bogdanovichs Wanna-be-Woody-Allen-Komödie She‘s Funny That Way und der Grund zur Freude hat vor allem mit den Sorgen zu tun, die man sich die Tage zuvor um das Festival machen musste. Keine Vorstellung war ausverkauft, oft war der Saal nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. Selbst zu den Galapremieren war der Zugang kein Problem, sogar ohne Ticket. In früheren Jahren gab es das allenfalls gegen Ende des Festivals, wenn die Meute schon weiter nach Toronto gezogen war. Und im Fall der beiden großen Konkurrenten Cannes und Berlin wäre derlei fast undenkbar.

Donnerstag Nachmittag war die Weltpremiere von Ulrich Seidls neuem Dokumentarfilm Im Keller. Und wieder geht Ulrich Seidl dahin, wo es wehtut, in die Abgründe der österreichischen Gesellschaft. In seinen brillant gefilmten und gewohnt tableau-artig inszenierten Anordnungen zeigt er allerlei Obsessionen und Perversionen, vom unterirdischen Nazi-Devotionalienstüberl über perfekt ausgestattete SM-Studios mit Buttplugs und Hodenstrecker für die kurz gehaltene Mann-Sau bis zu sorgfältig in Kartons gebettete und erschreckend echt wirkende Babypuppen, die von „der Mama“ liebevoll aufgeweckt werden. Ein Kuriositätenkabinett, ganz im Sinne von John Waters „Shock Value“, das immer wieder fasziniert, mitunter gruselt, auch großen Spaß macht, dessen Erkenntnisgewinn für ein Filmkunstpublikum freilich eher gering ist. Von „Unterschichtenfernsehen“ (wo sich zuweilen vergleichbare Charaktere tummeln) unterscheidet Seidl zweierlei: Dass er seine Protagonisten in all ihrer Selbstdarstellung ernst nimmt und dass er mit ihnen eben auch dahin geht, wo es dem Publikum weh tut.

Ein Dokumentarist, der ebenso wenig wie Seidl an die Objektivität der Repräsentation in nichtfiktionalen Formaten glaubt, ist Joshua Oppenheimer. In The Act of Killing ließ er die Massenmörder der Kommunistenhatz 1965 ihre eigenen Gräueltaten nachstellen, um so zu einer tieferen Wahrheit zu kommen. Nun läuft hier im Wettbewerb der Partnerfilm The Look of Silence, in dem ein guter Freund Oppenheimers den Mörder seines Bruders sucht und nicht auf Rache schwört, sondern eine Schuldanerkennung will. Statt der Täter- jetzt also die Opferperspektive. Konventioneller erzählt, aber nicht minder erschreckend, wie sehr das Schweigen über die Verbrechen eine Gesellschaft prägt, in der Mörder und Opferfamilien Tür an Tür leben.

Verbindung und rote Fäden tun sich auch anderswo auf – und der Eröffnungsfilm Birdman erweist sich bereits jetzt als Weg weisend auf dieser Mostra. Der eingangs erwähnte Film von Bogdanovich handelt ebenso vom Showbusiness, von den Höhen und Tiefen, vom Glanz und den Neurosen. Nur sehr viel boulevardesker und eben Woody-Allen-like. Sogar den Soundtrack hat sich Bogdanovich von Allen geklaut. Warum er sich das nach 14 Jahren Pause antut? Wer weiß, vielleicht ist es eine Hommage? Auch der Franzose Xavier Beauvois versucht sich in La rançon de la gloire (etwa: Der Preis des Ruhms) an einer Satire über den Starkult, aus Perspektive des kleinen Mannes allerdings. Oder besser: zweier Männer. Eddy und Osman sind zwei kleinkriminelle Immigranten, die sich in der französischen Schweiz eher schlecht als recht über Wasser halten. Bis Charlie Chaplin in der Nähe von Genf verstirbt und die beiden die Spitzenidee haben, die Leiche auszugraben und dafür Lösegeld zu verlangen. Es stimmt kaum was in dieser merkwürdig unrhythmischen und unlustigen Komödie. Ein schwacher, überlanger Nachfolger von Beauvois‘ Klosterfilm Von Männern und Göttern, dem man die Vorliebe des Regisseurs für Rituale ansieht: Hätte er die ganze Grab-Buddelei auf das Notwendige gekürzt, würde jeder Besucher seines Films eine halbe Stunde Lebenszeit gewinnen.

Nun hat das Wochenende begonnen und damit auch der erhoffte Besucheransturm. Steht das Festival doch besser da, als es in den ersten Tagen den Anschein hatte? Wir werden den Patienten unter Beobachtung halten …