Mit einer gelungenen Mischung aus Eventspektakel und Nachwuchsfilmförderung etabliert sich das Filmfestival Kitzbühel auf der österreichischen Festivallandkarte.
Das zweite Album, der zweite Film gelten nicht zufällig als die schwierigsten einer Karriere: Der enorme Adrenalinschub der Premiere ist vorbei, man hat aber noch nicht genug Routine, um alle garantiert auftretenden Schwierigkeiten souverän zu meistern. Auch bei einem kleineren Festival wie Kitzbühel stiegen beim Publikum und bei den Sponsoren nach dem doch recht gelungenen ersten Mal die Erwartungen, nicht zuletzt auch bei den noch immer sehr enthusiastischen Machern selber. Die Bilanz fällt ein wenig zwiespältig aus, die geplanten großen Events waren sowohl bei den Zuschauern als auch in punkto Medienpräsenz ein voller Erfolg, während der ambitionierte Ansatz, die Kitzbühler in Scharen für oft doch recht sperrige Erst – und Zweitfilme von (noch) unbekannten Regisseuren zu interessieren, nicht hundertprozentig aufgegangen ist.
Der große Coup des Festivals war natürlich der charismatische Auftritt des 84-jährigen Mario Adorf in der Gamsstadt. Die Lesung aus den Werken des Altautors und Vielspielers samt Signierstunde wurde trotz 19 Euro Eintritt vom Publikum regelrecht gestürmt, Fernsehteams von RTL und dem ORF belagerten den charmanten Mimen, der dank seiner enormen Leinwandpräsenz auch in Hollywood Karriere hätte machen können, was für deutsche Schauspieler in den siebziger und achtziger Jahren aber nahezu ausgeschlossen war. Als weiterer Publikumsmagnet erwies sich die Weltpremiere der Extremsportlerdoku Attention – A Life in Extremes, die der Österreicher Sascha Köllnreitner trotz relativ geringer Mittel bildgewaltig realisierte. Für den Adrenalinkick eines Wingsuit-Flyers, die Lungenflügelakrobatik eines Apnoe-Tauchers und die unfassbare Zähigkeit eines Langstreckenradfahrers war die am Ende einer serpentinenreichen Bergstraße gelegene Gondelkammer beim Alpenhof auf jeden Fall der richtige Rahmen. Der Film brachte abseits der herrlichen Aufnahmen von zwischen Felsen und Wasserfällen fliegenden Menschen keine neuen Erkenntnisse über das Suchtpotenzial von Extremsportarten, vermochte aber durch klug eingebaute Szenen mit diversen Familienmitgliedern doch den für solche Grenzgänger immer belastenden Konflikt mit der Routine des Alltags auf den Punkt zu bringen. Die Bewohner der Sportstadt Kitzbühel freuten sich auch über andere Filme wie Stop at Nothing – The Lance Armstrong Story, Beyond the Edge und Desert Runners, in denen die hier allseits beliebten Freizeitbeschäftigungen Radfahren, Klettern und Laufen und deren Helden im Mittelpunkt stehen. In der kleinen Reihe “Heimat” zeigt sich die ganze Bandbreite des Festivals: Von der Fünfziger-Jahre-Schmonzette mit Toni Sailer als herzensbrechendem Gendarmen, einer Spieldoku über Peter Aufschnaiter, den Kitzbühler Weggefährten Heinrich Harrers, bis zur unkonventionellen Doku über den Tiroler Musikerrebellen Werner Pirchner und einem experimentellen Blick auf die Alpen von oben, öffnet sich die Schere zwischen Unterhaltung und Anspruch.
Für den cineastisch avancierten Teil des Programms sind auch die Berater von Michael Reisch und seinem Team ein wichtiger Faktor. Der persönlich anwesende deutsche Produzent Eberhard Junkersdorf (Die verlorenen Ehre der Katharina Blum, Die Blechtrommel) sorgte mit der Österreich-Premiere der restaurierten Fassung von Baal (siehe “ray” 09/14) für ein Highlight des Festivals. Leider störten im letzten Drittel auftretende Tonprobleme den Kunstgenuss für die Fassbinder-Fans, die in Volker Schlöndorffs Brecht-Adaption ihr Idol in einer seiner besten Rollen bewundern konnten. Technische Mängel resultieren meist direkt aus einem Personalmangel, dem man dem unterbudgetierten Festival nicht vorwerfen sollte. Auch so war die rohe Kraft, die die Welt und am Ende sich selbst verschlingende Energie des ehemaligen Enfant terrible, der posthum zu einem Superstar des deutschen Autorenfilms aufstieg, deutlich auf der Leinwand sicht- und spürbar. Der Film wurde kurz nach seiner ersten Fernsehausstrahlung Anfang der siebziger Jahre von Brechts Witwe Helene Weigel verboten und erlebte erst bei der heurigen Berlinale seine Wiederaufführung. Sehr nahe am Ursprungstext gibt Fassbinder den kompromisslosen Dichter, Weltenerschaffer und Zerstörer Baal, manche Parallelen zu seinem eigenen Leben verleiteten einige Kritiker zur gewagten These, dass er sich hier selber darstelle. Viele Mitglieder seiner Entourage (u.a. Hanna Schygulla) sind meist in Kurzautritten zu sehen, auch Peter Handke schwirrt einmal kurz durchs Bild. Schlöndorffs rotziger Regiestil und vor allem die nahe, oft unbarmherzige Kamera von Dietrich Lohmann haben Fassbinder sicher bis zu einem gewissen Grad beeinflusst. Baal ist auf jeden Fall eine gute Ergänzung des Fassbinder-Kanons.
Der deutsche Film war in Kitzbühel stark vertreten, auch den Hauptpreis konnte ein Debütfilm aus dem Nachbarland gewinnen. Meeres Stille von Juliane Fezer spielt gekonnt mit mehreren Realitätsebenen in einem dichten Familiendrama um Schuld und Identität. Der Mut zu handlungsarmen, atmosphärischen Filmen wie dem anfangs mitreißenden, später doch eher lähmenden Lamento wurde von den Einheimischen nur sehr bedingt honoriert, umso bemerkenswerter, dass das Festival auch im zweiten Jahr mit einem Dokumentarfilm eröffnet wurde. Homme less, vom Regisseur Thomas Wirthensohn persönlich vorgestellt, schaffte es auch dank seines ebenfalls anwesenden Protagonisten Mark Reay mühelos, nicht nur die Kitzbühler Prominenz wie Signe Reisch oder Karlheinzfiona in seinen Bann zu ziehen. Die Kamera folgt dem immer bestens gekleideten Mark durch ein wunderbar gefilmtes New York, wie er Models auf der Straße fotografiert, weil er hofft, die Bilder verkaufen zu können, bei seinen Minirollen in Filmen wie Men in Black 3, aber auch zu seinem Unterschlupf auf dem Dach eines Wohnhauses. Mark ist Anfang 50, sieht blendend aus (der Regisseur hat ihn bei einem gemeinsamen Model Job kennen gelernt), ist intelligent und organisiert, aber er kann sich nicht unterordnen und zieht ein selbstgewähltes Leben auf der Straße einem geregelten Job vor. Mark gewährt dem Publikum einen schonungslosen Einblick in ein mehr als prekäres, ungebundenes Leben, das manche als gescheitert betrachten, das für ihn aber das einzig mögliche zu sein scheint. Seine ganz spezielle Mischung aus Schüchternheit, Wortgewandtheit, Tatendrang und Einsamkeit bezauberte auf jeden Fall auch das Premierenpublikum. Dieser kleine Film wird sicher noch seinen Weg im europäischen Festivalzirkus und hoffentlich auch in den Kinos machen.
Weil den Festivalmachern die Förderung des österreichischen und internationalen jungen Films ein wichtiges Anliegen ist, wurde heuer erstmals ein dreiwöchiger Drehbuchworkshop vom neu gegründeten FFKB-Institut unter der Leitung von Andrea Christa veranstaltet, dessen Teilnehmer im Rahmen des Festivals präsentiert wurden. Tutoren wie Markus Schleinzer und Marieanne Bergmann kümmerten sich eingehend um die Stoffe aus den unterschiedlichsten Genres. Vielleicht sieht man ja die daraus entstehenden Filme auf einem der nächsten Filmfestivals in Kitzbühel, die dann mit dieser Mischung aus Stars, Sport und Anspruch hoffentlich noch mehr Zuschauer aus Nah und Fern anlocken werden.
