In der Großregion Südost- und Mitteleuropa gibt es schon seit längerer Zeit zwei sehr interessante Filmfestivals: Pula, das älteste, und Sarajevo, das populärste. Das 61. Pula Filmfestival fand heuer von 19. bis 26. Juli statt, in Sarajevo beging man das 20. Jubiläumsfestival von 15. bis 23. August. Im Zentrum beider Veranstaltungen standen dabei soziale Brennpunkte.
Das Pula Film Festival beherbergte früher die Kinematografien des ehemaligen Jugoslawien, etablierte sich jedoch nach der Unabhängigkeit Kroatiens als nationales Festival für den kroatischen Film. Die Filme werden in der imposanten Kulisse des unter Kaiser Vespasian erbauten Amphitheaters in Open Air-Vorstellungen präsentiert, die häufig von bis zu 8000 Besuchern frequentiert werden. In den letzten Jahren konkurrierten nicht nur heimische, sondern auch in Co-Produktion mit anderen Ländern entstandene Filme um den Grand Prix der „Goldenen Arena“ („Zlatna Arena“). Diese Entwicklung hat sowohl zur Qualität als auch zur Popularität des Festivals beigetragen. Besonders interessant war dieses Jahr der kroatische Film Broj 55 (Nummer 55) von Kristijan Milić, ein sehr lebensnahes Antikriegsdrama aus der Zeit des jugoslawischen Bürgerkriegs auf kroatischem Boden, mit den hervorragenden Schauspielern Alan Katić, Marko Cindrić, Dražen Mikulić, Marinko Prga, Darko Milas und Jan Kerekes in den Hauptrollen. Das Werk des jungen Regisseurs wurde von der Jury mit gutem Grund als bester Film des Festivals ausgezeichnet.
Es gab aber noch einige andere sehenswerte Filme, insbesondere Barsunasti terroristi (Velvet Terrorists) von Peter Kerekes, Pavol Pekarčik und Ivan Ostrovský (Slowakisch-tschechisch-kroatische Coproduktion), Kosac (The Reaper) von Zvonimir Jurić (Kroatien / Slowenien) und die schwarzhumorige Satire Spomenik majklu dzeksonu (Denkmal für Michael Jackson) von Darko Lungulov (Serbien /Kroatien / Mazedonien / Deutschland).
Das gut besuchte Sarajevo Film Festival stellte in seiner 20. Auflage vergangenen August seine führende Bedeutung in der Großregion Südost- und Mitteleuropa unter Beweis.
Gezeigt wurden über 200 Lang- und Kurzfilme, darunter Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, die mehr als tausend Gäste aus aller Welt anzogen. So konnten unter anderen die Regisseure Mike Leigh, Ken Loach, Béla Tarr, Jessica Hausner sowie die Schauspieler Gael Garcia Bernal und Mirjana Karanović in Sarajevo begrüßt werden. Garcia Bernal erhielt für seinen hervorragenden Beitrag zur Filmkunst den Spezialpreis „Herz von Sarajevo“ („Srce Sarajeva“). Ebenfalls mit diesem Spezialpreis ausgezeichnet wurden der Regisseur Danis Tanović, mit Ničija zemlja (Niemandsland) Gewinner des Oscars für den besten fremdsprachigen Film und die Modedesignerin und Dokumentaristin Agnes B.
Der Hauptpreis für den besten Film ging an den türkischen Film Song of my Mother von Erol Mintas. Der Film erzählt von der Beziehung einer alten dementen Mutter zu ihrem Sohn, einem einsamen Lehrer, der sich neben seinem schweren Beruf nun auch noch um die Mutter kümmern muss, die nicht in Istanbul bleiben will und davon träumt, in ihr kurdisches Dorf zurückzukehren. Diese Situation belastet auch die Beziehung zu dem Mädchen, das der Lehrer liebt. Song of my Mother ist eine kleine psychologische Studie über Einsamkeit und Entfremdung. Der besondere Wert des Films besteht darin, dass Mintas diese private Geschichte in einen gesellschaftlichen Kontext stellt, der das Leben in der Türkei im Strudel rasanter wirtschaftlicher Entwicklungen abbildet.
Ein Film, der auf dem Festival große Beachtung fand, war Macondo von Sudabeh Mortezai, Österreicherin mit iranischen Wurzeln. Die Regisseurin ist aus eigener Erfahrung mit den Schwierigkeiten von Flüchtlingen, die bei der Bevölkerung der westlichen Länder meist nicht sehr beliebt sind, vertraut. Macondo ist der erste Spielfilm Mortezais, die sich zuvor bereits am Dokumentarfilmsektor bewährt hat. In ihrem neuen Werk gilt ihr Interesse einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie: Der elfjährige Ramasan (überzeugend gespielt von Ramasan Mikail) hat mit seiner Mutter und zwei Schwestern in Österreich Zuflucht vor dem Krieg gefunden. Nun lebt die Familie in einem Flüchtlingszentrum am östlichen Stadtrand von Wien, im Volksmund Macondo genannt, das vor einem halben Jahrhundert Flüchtlinge aus Ungarn aufgenommen hat und in dem in den 1970er Jahren viele Chilenen wohnten. Inzwischen bevölkern jedoch vorwiegend Tschetschenen das Lager. Als bewährte Dokumentartistin gelingt es Mortezai, die Welt der Jugendlichen auch im Spielfilm lebensnah darzustellen. Der Sohn, der seinen im Krieg verschollenen Vater sehr vermisst, will nicht, dass sich seine Mutter ausgerechnet mit seinem älteren Freund Isa wieder verheiratet. Macondo erzählt eine kleine Geschichte ohne großen cineastischen Höhenflug, aber mit viel Verständnis für feinste Regungen der menschlichen Seele. Deshalb verdient dieser Film ein möglichst großes Publikum.
