Das Filmfest Zürich feiert seinen zehnten Geburtstag
Vor fünf Jahren machte das Filmfest Zürich weltweit Schlagzeilen. Roman Polanski, Ehrengast des Festivals, wurde bei seiner Einreise am Flughafen verhaftet. Statt dem „Goldenen Auge“ für sein Lebenswerk gab es für die Kinolegende die „Geh in das Gefängnis“-Karte und anschließend acht Monate lang Hausarrest mit Fußfesseln. So lange dauerte es, bis die eidgenössischen Behörden darüber entschieden, dass Polanski nicht in die USA ausgeliefert würde, wo er seit 1977 wegen eines Vergewaltigungs-Vorwurfs auf der Fahnungsliste steht. Geschadet hat die spektakuläre Justizaktion dem Festival-Image nicht, ganz im Gegenteil. Hollywood hält im Herbst gerne Hof in der Luxus-Metropole. Zu den bisherigen Glamour-Kandidaten gehörten Hugh Jackman, Richard Gere, Sean Penn oder Michael Douglas. In diesem Jahr gaben sich unter anderem Antonio Banderas, Benicio del Toro, Diane Keaton, Liam Neeson, Peter Fonda oder Cate Blanchett die Ehre. In nur zehn Jahren haben die Festival-Gründer Nadja Schildknecht und Karl Spoerri ein Filmfest etabliert, auf dessen Erfolge so manch alteingesessen Konkurrenten im Wildwuchs internationaler Filmfestspiele neidisch sein dürften. Mit einem satten Budget von umgerechnet 5,7 Millionen Euro können die Schweizer freilich auch große Sprünge machen: Die Viennale muss sich mit knapp der Hälfte begnügen, München und Mannheim haben 1,5 beziehungsweise 1,3 Millionen Euro für ihre Filmfeste zur Verfügung und Hamburg lediglich 650.000 Euro.
Entsprechend üppig fällt nicht nur die Promi-Statistik in Zürich aus, auch die Zahl von 71.000 Besucher im Vorjahr kann sich sehen lassen. Mehr noch: Die gesamte Stadt scheint vom 25.September bis 5.Oktober im kollektiven Kinofieber. In den Einkaufsstraßen, auf den Plätzen und vielen Gebäuden wehen die Festival-Fahnen, die Haltestellen sind mit dem „Goldenen Auge“ verziert und zahlreiche Aufsteller informieren über das Programm – mit soviel unübersehbarer, öffentlicher Präsenz können selbst Berlin oder Cannes kaum mithalten, von einem 900 Quadratmeter großen Zelt als zentralem Filmfest-Treffpunkt mit nächtlichen After-Film-Partys für Jedermann ganz zu schweigen. Beim Programm bedient man sich ungeniert an den bewährten Erfolgen von Cannes, Toronto und Venedig. Das Spektrum der cineastischen Perlen reicht von der Fotografen-Doku Salz der Erde von Wim Wenders über den coolen Mafia-Thriller The Drop mit Tom Hardy bis zum skurrilen Sittenbild Im Keller von Ulrich Seidl oder dem deutschen Nachkriegsdrama Im Labyrinth des Schweigens über die ersten Auschwitz-Prozesse. Neben diesem risikolosen „Best of“-Programm der Konkurrenz gibt es unter den 145 Filmen durchaus Mut zu Sperrigem. Die Reihe „Border Lines“ etwa widmet sich explizit Werken, die sich mit Grenzsituationen und sozialen Konflikten auseinandersetzen. In Ai Weiwei The Fake Case begleitet der Däne Andreas Johnsen den chinesischen Künstler in seinem Alltagsleben. Return to Hamas schildert den täglichen Horror im syrischen Bürgerkrieg. Hope erzählt vom Schicksal eines afrikanischen Mädchens auf der Flucht. Bei aller Qualität schreckt Zürich freilich auch nicht vor schwachen Werken zurück, wenn es dafür Glamour als Beifang bekommt. Grotesk verunglückt kommt der spanische Science-Fiction Automata daher, der mit schauerlichen Spezialeffekten und einer denkbar schlecht erzählten Roboter-Geschichte direkt auf den DVD-Wühltisch gehört. Weil aber Antonio Banderas anreist, wird dem Filmchen prompt eine „Gala Premiere“ zwischen Gone Girl und Birdman gegönnt. Nicht minder peinlich die dortige Präsentation der zotigen Klamotte Männerhort. Als Gegenleistung für das tiefergelegte Niveau sorgte der Überflieger Elyas M’Barek mit Selfie-Überstunden auf dem Grünen Teppich für massiven Kreischalarm unter jungen Schweizerinnen. Gleichsam als cineastische Wiedergutmachung findet sich ein „Tribute to Claire Denis“ mit sechs Werken im Programm. Bei der Eröffnung war auch Polanski wieder Thema. Die Schweizer Vizepräsidentin Simonetta Sommaruga beglückwünschte launig die anwesenden Regisseure für ihren Mut, nach Zürich an ein Festival gekommen zu sein, das von einer Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements eröffnet werde. Doch sie könne Entwarnung geben, bei Filmfestivals habe sie eine saubere politische Bilanz: „drei Eröffnungen, null Festnahmen“.
