Von der Uni auf das Filmset

| Pamela Jahn |

Drehbuchautor Bob Gale über 1941, der auf der soeben erschienenen Blu-ray-Box „Steven Spielberg Director’s Collection“ in einer restaurierten Fassung zu sehen ist.

Dass es im Werk von Steven Spielberg immer wieder Neues und Altes neu zu entdecken gibt, ist so verblüffend wie famos. Das beweist einam mehr die soeben bei Universal erschienene „Director’s Collection“, in der unter anderem vier frühe Filme des Meisterregisseurs enthalten sind, die es bislang noch nicht auf Blu-ray Disc zu sehen gab. Ein besonderes Highlight ist die in der Form bisher unveröffentlichte Fassung von 1941 (1979), eine vergleichsweise derbe, aber nicht weniger spektakuläre Action-Komödie im Spielbergschen Oeuvre, die bislang gerne als eine der schwächsten Regiearbeiten in seiner Karriere angesehen wurde. Warum es sich durchaus lohnt, den mittlerweile zum Kultklassiker avancierten Film 34 Jahre nach der Erstveröffentlichung nun in seiner Neufassung zu erleben, erklärt Drehbuchautor Bob Gale, der später in den Achtzigern gemeinsam mit Ko-Autor Robert Zemeckis die erfolgreiche Back to the Future-Franchise ins Leben rief. Ein Gespräch über Starthilfen, das Glück von Neufassungen und warum man auch das erste Drehbuch nie wegwerfen sollte.

Die Steven Spielberg Director’s Collection enthält nicht nur unveröffentlichte Szenen aus dem Film 1941, sondern gleich eine ganze neue Fassung, die es bisher so nicht zu sehen gab. Was ist jetzt anders im Vergleich zur Kinofassung von 1979?
Es gab neben der Kinofassung bereits eine zweite, längere Version des Films. Aber, die Fassung, die jetzt im Box-Set enthalten ist, ist in der Hinsicht „neu“, dass man bestimmte Musikaufnahmen von John Williams wiedergefunden hat, die ursprünglich für einige der Szenen vorgesehen waren, die dann geschnitten wurden beziehungsweise die in der Kinofassung teilweise mit anderer Musik unterlegt wurden. Das heißt, diese Szenen wurden jetzt mit der Originalmusik versehen, so wie es von Williams gedacht war. Darüber hinaus hat die neue Fassung ein feineres Tempo, was auch der Figurenentwicklung zu Gute kommt. Alles in allem glaube ich, dass auch Spielberg-Fans, die den Film kennen, überrascht sein werden, um wie viel besser die Version ist. Der Film macht jetzt nicht nur einen kompakteren, stimmigeren Eindruck, sondern ist auch näher an dem dran, was Bob (Zemeckis) und ich mit dem Drehbuch im Sinn hatten.

Wie intensiv waren Sie damals an der Produktion des Films und jetzt an der Neufassung beteiligt?
Als der Film gedreht wurde, waren Bob und ich die ganze Zeit am Set dabei. Aber wir waren damals zwei junge Burschen, gerade mal Ende zwanzig, und ziemlich überwältigt von der Tatsache, dass Spielberg einen der – zumindest zu dem Zeitpunkt – teuersten Filme Hollywoods nach unserem Drehbuch machte. Und dann gab es ja vor einigen Jahren bereits schon einmal eine Neufassung des Films, die dann erstmals auf DVD erschien und an der ich weitgehend mitgearbeitet habe, um bestimmte Szenen zu rekonstruieren und in die richtige Reigenfolge zu setzen. Das war im Grunde die Grundlage für die Version, die es jetzt gibt. Aber mit dem wiedergefundenen Musikmaterial und weiteren Tweaks und Korrekturen, einschließlich Verfeinerungen der Bildqualität, ist der Film jetzt einfach nochmal um einiges sehenswerter als das Original.

Wie war das damals mit Spielberg am Set? Woran erinnern Sie sich am liebsten?
Da gibt es unendlich viele Momente, aber ganz allgemein war es einfach unheimlich aufregend und spannend für uns, Steven bei der Arbeit zu beobachten. Und überhaupt, der Wahnsinn dieser ganzen Aktion … wie die Szene, in der das Flugzeug über dem Hollywood Boulevard abstürzt. Steven war mit dem ersten Take nicht zufrieden, aber so eine Szene dreht man ja nicht so einfach zweimal, da muss man dann mindestens ein, zwei Wochen warten, neue Genehmigungen einholen und so weiter. Egal, Steven wollte das unbedingt nochmal drehen, also haben wir die Sache nach ein paar Tagen wiederholt. Und als wir den zweiten Take endlich im Kasten hatten, meinte Steven: „Nein, wisst ihr was, wir nehmen die erste Version.“ Dazu kam, dass John Belushi und Dan Aykroyd damals jede Woche in der Saturday Night Live-Show auftraten, das heißt, sie mussten ständig zwischen New York und Los Angeles hin- und herfliegen. Vor allem Dan hat unheimlich viel zu dem Projekt beigetragen, was seine Figur im Film angeht und auch die Dialoge insgesamt. Und so wie die beiden manchmal am Set auftauchten, völlig übermüdet und auch sonst ziemlich fertig, hatten wir oft arge Befürchtungen, was das Drehen anging. Aber jedes Mal, wenn wir dann am nächsten Morgen die Dailies vom Vortag durchgingen, war davon nichts zu sehen. John Belushi hatte eine Präsenz auf der Leinwand, die man ihm so überhaupt nicht ansah, das war sagenhaft.

Vorlage für den Film war die sogenannte „Schlacht um Los Angeles“ im Februar 1942, ein bis heute nicht restlos geklärtes Luftgefecht, ausgelöst durch einen falschen Alarm. Wie ist daraus das Drehbuch entstanden?
Bob und ich, wie haben uns damals beide sehr für Geschichte interessiert. Als wir irgendwann von dem Vorfall hörten, haben wir sofort gedacht: wow, das weiß eigentlich keiner, was genau und wie das damals wirklich passiert ist, und das Ganze hat eigentlich großes komisches Potenzial. Zu dem Zeitpunkt standen wir kurz vor Abschluss des Studiums und waren bereits auf der Suche nach Jobs – Bob wollte Regisseur werden und ich eben Drehbuchautor. Dann trafen wir John Milius, einen ehemaligen Kommilitonen, der gerade seinen zweiten Film The Wind and the Lion mit MGM abgedreht hatte. MGM hatte ihm daraufhin einen Vier-Filme-Deal angeboten – bei zwei Filmen sollte er das Drehbuch schreiben und Regie führen und die anderen zwei produzieren. Wir gaben ihm eines von den Drehbüchern zu lesen, die wir während des Studiums zusammen geschrieben hatten. Das gefiehl ihm auf Anhieb und dann rief er mich an und sagte: „Jungs, ich engagiere euch. Könnt ihr mir ein Drehbuch schreiben?“ Daraufhin erzählten wir ihm von unserer Idee mit dem Luftangriff. John war selbst ein ziemlicher Geschichtsnerd und wusste von dem Vorfall. Es war auch seine Idee, den General Stilwell in den Film einzubauen, denn er hatte selbst bereits ein Drehbuch über Stilwell in der Schublade. So kam das Ganze schließlich ins Rollen unter dem nicht ganz politisch korrekten Arbeitstitel The Night the Japs Attacked.

Wann und wie kam Spielberg dazu?
John und Steven waren gut befreundet, und irgendwann erzählte ihm John von dem Drehbuch und den beiden Typen, die er direkt von der Uni weg engagiert hatte. Steven sagte: „Das klingt ja alles total verrückt, das will ich lesen.“ Was er dann auch gleich tat, und dann ging es Schlag auf Schlag. Allerdings musste Steven dann erst noch Close Encounters of the Third Kind mit Columbia drehen. Aber so smart, wie er damals schon war, und weil er wusste, dass Universal nach dem Erfolg von Jaws auf jeden Fall seinen nächsten Film wieder mit ihm machen würde, wurde 1941 schließlich eine Koproduktion zwischen Universal und Columbia. Und so konnten wir mit dem Überarbeiten des Drehbuchs beginnen, während Steven noch mit Close Encounters beschäftigt war.

Wissen Sie, was genau Spielberg an Ihrer Geschichte so begeistert hat?
Ich glaube, ihm hat in erster Linie die Tollkühnheit, Frechheit und Zügellosigkeit fasziniert, die der ganzen Sache von vornherein eingeschrieben war, sowie die Tatsache, dass in dem Film quasi ein verrücktes Set-Piece nach dem anderen vorkommt: ein durch eine Farbfabrik rollender Panzer, ein U-Boot-Angriff auf einen Vergnügungspark, dazu aberwitzige Actioneinlagen und so weiter. Und dazu gehört natürlich auch die Parodie auf Jaws am Anfang des Films, die übrigens seine eigene Idee war.

Obwohl der Film von der Kritik überwiegend schlecht aufgenommen wurde, hat er über die Jahre innerhalb der Spielberg-Fangemeinde und darüber hinaus durchaus Kultpotenzial entwickelt. Haben Sie damit spekuliert, dass der Film eventuell ein Nachleben hat?
Nein, so etwas weiß man ja nie vorher. Man macht das, was man kann, so gut man es kann, und hofft dann auf das Beste. Und wir waren beispielsweise in keiner Weise an der Postproduktion oder dem Marketing beteiligt. Wir haben eigentlich gleich nach den Dreharbeiten mit der Arbeit an unserem nächsten Projekt begonnen, ein Film mit dem Titel Used Cars. Und Steven stand unter dem Druck, den Film unheimlich schnell fertig zu schneiden, damit er noch pünktlich vor Weihnachten ins Kino kommen konnte. Ich glaube, wenn er damals noch fünf, sechs Wochen länger Zeit gehabt hätte, wäre der Film von vornherein besser geworden. Aber das ist eben das Schöne an DVD und Blu-ray, dass man damit heutzutage wunderbare Restaurationen zu Tage bringt beziehungsweise dem Publikum im Nachhinein sozusagen die „ultimative“ Version eines Films zeigen kann.

Aus der Studienfreundschaft mit Robert Zemeckis ist eine langjährige Zusammenarbeit entstanden, die bis heute anhält. Können Sie sich noch in ihr erstes gemeinsames Drehbuch erinnern?
Oh ja. Wir hatten wie gesagt während des Studiums beschlossen, nach dem Abschluss gemeinsam weiterzumachen, wenn es die Jobs und Projekte zulassen würden. Und wir haben uns dann hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben, mit der Absicht es schnellstmöglich zu verwirklichen. Es hat am Ende 17 Jahre gedauert, bis daraus tatsächlich ein Film wurde, mit dem wir, Gott sei Dank, bis auf das Drehbuch rein gar nichts zu tun hatten. Der Titel ist Bordello of Blood, allerdings rate ich wirklich jedem davon ab, den Film zu sehen. Doch die Lektion, die daraus hervorgeht, ist: Schmeißen Sie Ihre alten Drehbücher bloß nicht weg. Wer weiß, eines Tages kommt vielleicht doch mal einer auf die abstruse Idee, daraus einen Film zu machen.