Das klassische Westernszenario: Die Prärie, vier reitende Brüder. Rinder, Waffen, eine Kleinstadt mit Hotel, Bar, Barbier und Postkutschenstation. Damen in langen Kleidern, ein griesgrämiger Alter mit vier Söhnen, ein Typ mit ausgeprägten Gemütsschwankungen, ein Indianer, eine Bardame, die sich jedem an den Hals wirft. Die Bevölkerung: verängstigt; bei jedem lauteren Wort geht man in Deckung.
Gewisse Bestandteile eines Western sind dem Genre eingeschrieben, und sie lassen sich in immer ähnlichen Szenarien zusammenfügen. Und doch ist in diesem Film nicht alles wie gehabt. Hier erscheinen plötzlich Personen, die nicht ins Klischee passen, ein akribisch strukturierter Plot, der in seinen Abzweigungen und Verschachtelungen nicht vorhersehbar ist. Aber der Reihe nach.
Im Jahre 1882 treiben die vier Earp-Brüder eine Rinderherde gegen Westen, die sie dort zu einem höheren Preis verkaufen können als sie in der Nähe der Stadt Tombstone dafür erzielen würden. Daher lehnen sie ein Angebot des ortsansässigen Händlers Old Man Clanton ab. Es ist vorhersehbar, dass dieser die Schmach nicht auf sich sitzen lässt. Der jüngste Earp-Bruder wird von hinten erschossen, die Zuschauer wissen natürlich, wer es getan hat, auch wenn die Clantons nicht im Bild sind. Wyatt nimmt daraufhin den vakanten Job des Marshalls an, um den Bruder rächen zu können. An seinem Grab murmelt er: „Vielleicht, wenn wir das Land verlassen haben, können Jungen wie du in Sicherheit aufwachsen und leben.“ Solche sozialkritischen Töne schlägt sonst kaum ein Western an.
Auch der narbengesichtige Doc Holliday, ein notorischer Spieler und Trinker, kann mehr Facetten zeigen als eine stereotype Westernfigur. Er kann bei einer Theateraufführung für einen betrunkenen Schauspieler einspringen und will mit seinem bisherigen Leben nichts mehr zu tun haben. Nicht einmal, als seine verflossene Liebe, die Krankenschwester Clementine, auftaucht, die titelgebend für den Film ist. Aber um alles noch komplizierter zu machen, verliebt sich diese in Wyatt Earp.
Holliday selbst gerät aber bald in den Verdacht, den jüngsten Earp-Bruder ermordet zu haben, als ein Amulett bei ihm gefunden wird. Die vielschichtig gezeichnete Figur balanciert zwischen Hell und Dunkel, und er selbst steht zwischen zwei Frauen, wie oft in Western. Aber er wird keine von ihnen bekommen, doch das wissen die Zuseher noch nicht. Die rechtschaffene Krankenschwester Clementine weist er zurück, der Bardame Chihuahua verspricht er die Ehe. Aber nicht einmal mit einer Notoperation kann er sie retten, nachdem ein Clanton sie angeschossen hat.
In der Zwischenzeit bringt die Familie mehr in die Stadt als Gesetz und Ordnung. Die Brüder repräsentieren eine neu heraufdämmernde Zeit, symbolisiert durch die Stadt, die gerade eben aufgebaut wird, und Wyatt ist ihr Sheriff. Als noch ein Bruder stirbt, beschließen die übrig gebliebenen beiden Earps mit Unterstützung von Doc Holliday, der sich nun endgültig auf die Seite der Guten geschlagen hat, den unvermeidlichen Showdown. Aus dem Duell im Morgenrauen kann nur der Hauptprotagonist heil hervorgehen. Ob er jemals wieder in die Stadt und zu Clementine zurückkehren wird, lässt Ford offen: In der letzten Einstellung des Films darf Wyatt Earp von dannen reiten.
So einprägsam wie die Kulisse – Arizona und das Monument Valley – ist auch die Filmmusik. Sie flüstert, sie untermalt, sie verstärkt. Wie in der Szene, als Wyatt Earp den Barkeeper fragt: „Hast du schon mal eine Frau geliebt?“ und dieser antwortet: „Ich war immer nur Gastwirt“.
Im Filmmuseum noch einmal zu sehen nach der Viennale, am 9. November um 20.30 Uhr.
