Viennale Blog 4

„No Form“ von Tsai Ming-liang

| Noah Albrecht |

Danton, der Zyniker: „Die Welt ist ein Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“ Ähnlich wie Georg Büchners Danton die göttliche Welt sieht, verhält sich Tsai Ming-liangs Kurzfilm No Form. Man sieht einen weißen Gang, der kaum Ecken und Konturen aufweist. Er wirkt kalt. Durch dieses Weiß bewegt sich sehr langsam und ruhig ein Mann, der sich in seiner blutroten Kutte von seiner Umwelt abhebt. Jeder seiner Schritte löst einen tiefen Basston aus, welcher aufbauend wirkt. Der zwanzigminütige Kurzfilm kommt mit bloß einer Handvoll Kameraeinstellungen aus, was die Formlosigkeit dieser Welt noch besser hervorhebt. Mal sieht man einen Gang, neben dem parallel noch einer verläuft, oder es ist doch bloß eine Spiegelung. Mal sieht man die rote Figur in diesem Gang eine Treppe hinaufgehen, oder er geht sie doch einfach hinunter. Eine handfeste Beobachtung lässt sich in dieser Traumwelt nicht machen. Während man dem stummen Protagonisten durch seine Welt folgt, scheint die Zeit, wie wir sie kennen, nicht mehr zu existieren. Der Mönch legt einen Weg zurück, ohne dass man sagen könnte wohin, er bewegt sich einfach. Durch die langsamen Bewegung und die rote Farbe seiner Kleidung strahlt er inmitten dieses kalten Universums unglaubliche Lebendigkeit aus.

Die minimalistische Art des Films lässt währenddessen viel Raum für Nebengeräusche innerhalb des Kinosaals. Vermischte Laute um mich herum wirken, gegen die geordnete Welt vor mir, fast wie Chaos. Die ruhige kraftvolle Musik des Films unterstützt dieses Gefühl. Das Leben wirkt wie Chaos und der rote Mantel bewegt sich auf der Leinwand durch Nichts. Während ich dem Gang der Person folge, fällt mir ein Vergleich aus der Physik ein: Alle Teilchen, die aus Materie gebaut sind, werden durch Wärme in Schwingung gebracht. Dadurch entsteht ein mikroskopisches Chaos. Kälte jedoch hält die Teilchen ruhig und verringert deren Schwingungen. Folglich ist alles Leben mehr oder weniger von Chaos durchdrungen.

Der Regisseur zeigt für mich Dantons göttliches Nichts, aus welchem am Ende eine neue Seele entsteht, die ins Leben, also ins Chaos geboren wird. So gesehen, würde Tsai Ming-liang Danton vielleicht widersprechen und sagen: „Das Chaos ist der zu gebärende Weltgott.“