Das 51. International Antalya Golden Orange Filmfestival
Ein Skandal im Vorfeld des renommierten Festivals (10. bis 18. Oktober) an der türkischen Südküste trübte dieses Jahr die Festivalfreude: Ein für den Dokumentarfilmwettbewerb ausgewählter Film enthielt angeblich Schmähungen gegen den Ministerpräsidenten, und das ist, wenn öffentlich geäußert, in der Türkei ein Straftatbestand. Es handelte sich um eine Dokumentation der Gezi-Park-Proteste, die schon auf anderen Festivals gelaufen war. Dort hatte man sich offenbar weniger Gedanken um die möglichen Konsequenzen gemacht, die dann auch nicht eintraten. Ob das Festival den Film ablehnte, um die Regisseurin zu schützen oder die Gelegenheit wahrnahm, einen ohnehin unliebsamen Film loszuwerden, war nicht herauszubekommen. Dokumentarfilmer, Filmkritiker, Produzenten und das Festival selbst lieferten sich eine Presseerklärungsschlacht; schließlich wurde der Dokumentarfilmwettbewerb komplett abgesagt und durch Sondervorführungen einzelner Dokumentationen ersetzt. Ein Großteil der türkischen Presse boykottierte das Festival, und die Regisseure der anderen Sektionen verlasen fast ausnahmslos eine lange Anti-Zensur-Erklärung, bevor sie nach ihren Filmen in den Dialog mit dem Publikum traten.
Wie auf vielen anderen Festivals ist die Filmkunst auch in Antalya inzwischen Nebensache. Zwar werden dort immer noch die begehrten Goldenen Orangen, die nationalen türkischen Filmpreise, in 13 Kategorien verliehen, aber der kürzlich erneut ins Amt gewählte AKP-Bürgermeister Menderes Türel, gleichzeitig Präsident des Festivals, möchte Antalya zur internationalen Filmstadt machen. So sorgte er dafür, dass 2005 erstmals ein internationaler Wettbewerb mit Schwerpunkt auf dem asiatischen Film ins Leben gerufen wurde, und dieses Jahr verwies er auf die vielfältigen Locations in der Region Antalya, auf die guten Unterbringungsmöglichkeiten für Filmteams und auf die relativ niedrigen Gehälter ortsansässiger Filmhandwerker, -techniker und Statisten. Zusätzlich hatte er ein Filmforum gegründet, bei dem türkische Filmemacher geplante Projekte zur Förderung anbieten oder Kooperationspartner aus anderen Ländern suchen konnten. Rahmenveranstaltungen wie eine Diskussionsrunde zum Festivaltourismus oder zur Zukunft von Filmschulabsolventen ergänzten das Programm. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der AKP zielt seit Langem darauf ab, möglichst viel Geld ins Land zu holen, und macht natürlich auch vor der Filmindustrie nicht Halt. In diesem Kontext wirkte der Streit um die Zensur vor Festivalbeginn fast rührend – ging es doch zur Abwechslung einmal um Filme und nicht um Investoren. Ein türkischer Produzent und Verleiher bemerkte zu Recht, dass dem fraglichen Dokumentarfilm nichts Besseres passieren konnte als die Ablehnung durch das Festival, weil ihn jetzt garantiert einige tausend Leute sehen wollten – viel für eine Dokumentation.
Dass unter den zwölf Regisseuren des nationalen Spielfilmwettbewerbs dieses Jahr drei junge Frauen waren, ist ebenso bemerkenswert wie die Tatsache, dass in einigen Filmen fast durchgängig Kurdisch gesprochen wird, was noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre. So unterschiedlich die Regisseurinnen ihre Hintergründe gewählt haben, erzählen sie doch alle drei Liebesgeschichten, bei denen die Männer schlecht wegkommen. So lässt Çiğdem Vitrinel in Fakat Müzeyyen bu derin bir tutku (But Müzeyyen, That’s the Deepest Desire) eine forsche Architektin und einen erfolglosen Schriftsteller, der abends als DJ arbeitet, aufeinandertreffen. Beide sind in ihren Dreißigern; sie ist die Coole, er der Verliebte, der schließlich an ihr abprallt. Konventionell erzählt und begleitet von Voice-over-Lesungen seiner fiktiven Texte, visuell aufgelöst in attraktive Istanbul-Ansichten, vorzugsweise bei Nacht, ist das einzig Ungewöhnliche an der Romanze, dass die traditionellen Geschlechterrollen vertauscht sind.
Interessanter ist da schon Çekmeköy Underground von Aysim Türkmen. Der titelgebende Stadtteil liegt mitten im asiatischen Teil Istanbuls, wo es noch billige Wohnungen, Werkstätten, Studios zu mieten gibt – noch. Aber auch hier stehen die Immobilienhaie bereits in den Startlöchern. Türkmens Protagonisten sind eine Hip-Hop-Band aus kleinbürgerlichem Milieu, ein nach fünf Jahren aus dem Knast zurückgekehrter Taxifahrer und zwei Deutsch-Türken, die ihrerseits Musik machen. Während der Taxifahrer sich nicht mehr in seinem angestammten Stadtteil zurechtfindet und in Depression versinkt, verliebt sich sein kleiner Bruder in die Berlinerin. Die allerdings gehört gerade zu den Gentrifizierern des Viertels, auch wenn sie sich das nicht ausgesucht hat. Video-Clip-Ästhetik, Lichtreflexe, Überblendungen visualisieren die Hip-Hop-Szene, die natürlich auch für ein neues Gesellschaftsbild steht, wie es nicht nur die Gezi-Park-Generation fordert.
Kumun Tadı (Seaburners) schließlich, das Spielfilmdebüt von Melisa Önel, ist ein auch ästhetisch hoch interessantes Drama um einen Menschenschmuggler und eine französische Biologin, die einander so beiläufig behandeln, als ob es um gar nichts ginge, und erst merken, was sie aneinander haben, als es zu spät ist. Önels Film spielt in einem gleichförmig grauen Winter am Meer, ihre Protagonisten sprechen kaum, fristen ihr Dasein unter kargen Bedingungen, sind hart gegen sich selbst und andere. Önel bildet Stimmungen ab, Gemütsverfassungen, soziale Klimata, ohne dabei ins Surreale oder in Kitsch abzugleiten. Ihre Bilder gleichen Traumfetzen, die man im Wachzustand erinnert, Nachrichten aus dem Unbewussten.
So blieben die Frauen bei der Liebe, gingen jedoch bei den Preisen leer aus. Die kurdischen Regisseure wie Erol Mintaş, der für Annemin şarkısı (Song of My Mother) mit den Preisen für den besten Erstling und den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, und Aydın Orak (Asasız Musa/Moses without a Rod) beklagten den durch jahrelange Verbote eingetretenen Verlust des Kulturguts ihrer Heimat. Und die anderen männlichen Regisseure kümmerten sich ums Genrekino. Hauptgewinner des am letzten Wochenende beendeten Wettbewerbs war Itirazim var (Let’s Sin), eine Kriminalsatire des versierten Onur Ünlü, der als bester Regisseur und Drehbuchautor ausgezeichnet wurde, neben ihm auch sein Hauptdarsteller Serkan Keskin. Der von ihm gespielte Held ist ein Imam, in dessen Moschee ein Mord geschieht. Da die Polizei an der Aufklärung nicht besonders interessiert ist, beginnt der Imam selbst, zu recherchieren und gerät dabei in ein Geflecht aus Verbrechen, Gier und Korruption. Der Film ist voller Anspielungen auf jüngere Ereignisse der türkischen Innenpolitik, die verständnisinniges Kichern im Publikum hervorriefen. Derbe Komödien, ein esoterisch angehauchter Öko-Thriller und Kindergeschichten wie Sivas, der den Spezialpreis der Jury in Venedig gewann, und Kuzu (The Lamb), der auch bereits auf verschiedenen Festivals gelaufen ist, aber dennoch in der Kategorie Bester Film ausgezeichnet wurde, vervollständigten das insgesamt eher schwache Wettbewerbsprogramm.
Im Moment scheint nicht ganz klar zu sein, wohin das International Golden Orange Film Festival will: Um die Fortsetzung der immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert lang aufrecht erhaltenen Tradition – Antalya als Zentrum des nationalen Filmschaffens – scheint es jedoch am wenigsten zu gehen.
