Regisseur Peter Farrelly im Gespräch
Mister Farrelly, Sie verzichten diesmal auf Ihren Bruder Bob auf dem Regiestuhl, ebenso auf schlechte Witze – erfinden Sie sich neu?
Moment! Es gab auch gute Witze in Verrückt nach Mary, etliche sogar. Mein Bruder war aus familiären Gründen nicht dabei. Sein Sohn starb leider an einer Überdosis Drogen, deswegen brauchte er Zeit für sich, um das alles zu verarbeiten. Aber Bob und ich werden wieder gemeinsam Filme machen – und viele schlechte Witze bieten. (Lacht)
Ursprünglich wollte Viggo Mortensen Ihnen einen Korb geben. Wie haben Sie ihn überzeugt?
Viggo ist mein Lieblingsschauspieler. Wer solch einen grandiosen Auftritt wie in Eastern Promises hinlegt, der kann alles spielen – da ist dies hier eine leichte Übung. Ich weiß noch, wie ich für Dumm und Dümmer damals Jeff Daniels haben wollte. Das Studio reagierte entsetzt. Das sei kein Komödien-Darsteller, sagte man mir. Das finde ich grundlegend falsch. Jeder gute Schauspieler kann in jedem Genre glänzen
Gab es umgekehrt Vorbehalte, dass wer „Dumm und Dümmer“ macht, keine ernsthaften Stoffe verfilmen kann?
Ich war zunächst etwas nervös, dass es solche Vorbehalte geben könnte. Deswegen schrieb ich Viggo eigens einen Brief, dass er dieses Drehbuch als Aufbruch zu neuen Ufern sehen sollte. Mir war da noch gar nicht klar, wie komisch Green Book am Ende sein würde. Das ergab sich erst durch das Zusammenspiel von Viggo und Mahershala Ali. Zwei Jahre habe ich allen erzählt, ich mache mein erstes Drama – und bei der ersten Testvorführung hat das Kino gebrüllt vor Lachen.
Ist das Ihr Ernst, dass die komische Wirkung überraschend war?
Ich hatte diese Wirkung nicht erwartet. Wir haben es ja ganz bewusst nicht auf Witze angelegt, der Humor entsteht allein aus den Figuren. Beim Drehen fand ich das Zusammenspiel der beiden Darsteller durchaus lustig, aber mit dieser enormen Reaktion des Publikums hatte ich nicht gerechnet.
Ein ungleiches Paar hat sich vielfach bewährt als Stoff für Komödien. Worin liegt der Reiz?
Wenn man zwei ungleiche Leute in einen Raum zusammensteckt, folgt entweder eine Explosion, oder die beiden kommen zueinander. Letztlich sind wir Menschen doch alle gleich. Jeder hat Hoffnungen und Unsicherheiten. Unsere beiden Helden kommen aus komplett gegensätzlichen Welten. Der kultivierte schwarze Künstler und der ungehobelte, rassistische Italo-Amerikaner. Doch je mehr sie vom Leben des anderen erfahren, desto größer wird das Verständnis füreinander.
In der dramatischen Szene im Gefängnis heißt es: „Die Würde wird am Ende immer gewinnen“. Wäre das auch Ihr Lebensmotto?
Nein! (Lacht) Aber der Film erzählt ja auch nicht meine Geschichte, sondern die von Tony Lip und Dr. Don Shirley. Und für die beiden stimmt dieser Satz.
Sehen Sie eine neue Aktualität für diesen Film, nach Trump und den Ausschreitungen von Charlottesville?
Drei Jahre zuvor waren die Verhältnisse ja auch nicht perfekt. Bei der Umsetzung des Projekts fielen uns natürlich schon Bezüge zur aktuellen Lage auf. Allerdings war das nicht unser Ziel. Mich faszinierte einfach diese Geschichte, wie ein weißer Rassist zum Chauffeur eines schwarzen Künstlers wird und beide gute Freunde werden. Es geht nicht um die Hautfarbe, sondern ganz allgemein um den Umgang mit Menschen, die anders sind – und welche Ängste man davor hat. Selbst auf Behinderte wird mit Unbehagen reagiert, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Alle Menschen sind gleich, das ist unserer Botschaft!
Kann das Kino etwas verändern?
Kino kann Menschen verändern und ihre Sicht der Dinge. Ich erinnere mich an Schindlers Liste und wie erschüttert ich danach war. Über den Holocaust wusste ich bereits sehr viel, aber diese schrecklichen Geschehnisse so nahe zu sehen, hat meine Haltung verändert. Ein banaleres Beispiel: Bis heute kann ich keine Schiffreise unternehmen, ohne nach Haien Ausschau zu halten! (Lacht) Film kann etwas bewirken und hoffentlich in einer positiven Richtung.
Sollte man Wetten abschließen auf ein paar Oscars? Oder haben Komödien traditionell schlechte Chancen?
Wir haben tatsächlich noch nie etwas gewonnen, immerhin bekamen wir „Golden Globe“-Nominierungen für Verrückt nach Mary. Aber dann verloren wir gegen Shakespeare in Love – in der Kategorie Beste Komödie! (Lacht) Mir persönlich ist der Oscar egal, das kann ich beschwören. Aber ich wünsche ihn Viggo Mortensen und Mahershala Ali für ihre großartige Leistung. Die beiden haben mir vertraut. Und mit Viggo an Bord haben sich alle Türen geöffnet.
