Am 8. März 1971, lange vor Wikileaks und Edward Snowdon, bricht eine kleine Gruppe von engagierten Bürgern unter der Führung ihres Masterminds Bill Davidon, in ein FBI-Büro in der Kleinstadt Media in Pennsylvania ein und stiehlt Hunderte geheime Daten, um sie Zeitungen zuzuspielen, die sie veröffentlichen. Es gelingt, einer fassungslosen Bevölkerung die illegalen Machenschaften des FBI aufzuzeigen, das massenhaft Daten der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung gesammelt hatte.
Die Beteiligten Bill, Keith, Bonnie, John und Bob gehen mit ihrer Geschichte 2014 erstmals an die Öffentlichkeit. Trotz einer der intensivsten Suchen in seiner Geschichte war es dem FBI unter Edgar J. Hoover nicht gelungen, die Identität der Täter auszuforschen. Im Film treten sie erstmals offiziell auf.
Fünf Jahre hat Regisseurin Johanna Hamilton recherchiert, bevor sie die Geschichte in aktuellen Interviews mit den Beteiligten, kurzen Originalaufnahmen des Einbruchs, Mediendokumenten aus der Zeit einschließlich eines kurzen Statements von Edgar J. Hoover, und einigen nachgespielten Szenen rückblickend neu ablaufen lässt. Alle Beteiligten kommen in den Interviews zu Wort – außer Bill, er hat die Veröffentlichung des Films nicht mehr erlebt.
Die Dokumentation rollt die Ereignisse chronologisch auf: Der College-Professor Bill Davidon ist davon überzeugt, dass das FBI unrechtmäßig Gegner des Vietnamkrieges ausspionieren lässt. Um den Staat im Staat in Gestalt Hoovers in Washington anschwärzen zu können, braucht er aber Beweise. So sammelt er eine handverlesene Gruppe von Bekannten aus der Anti-Kriegs-Bewegung um sich, unter größten Sicherheitsvorkehrungen. Jeder von ihnen übernimmt eine spezielle Aufgabe. Bonnie kundschaftet im Vorfeld die Örtlichkeiten aus, Keith knackt die Schlösser, John fährt das Fluchtauto und stellt den Kontakt mit der Presse her, Bob unterstützt die Truppe.
John und Bonnie sind Eltern von drei kleinen Kindern. Den Zusehern wird ein Blick in private kurze Filmsequenzen gewährt, wie sie wahrscheinlich fast jeder diesen Alters zu Hause hat: unscharf und schlecht belichtet, rotstichig. Die beiden schildern im Interview, wie sie Vorkehrungen für die Kids getroffen haben, falls sie erwischt werden.
Der Tag des Einbruchs ist genial gewählt. Ganz Amerika sitzt am Abend des 8. März, zeitversetzt in der Nacht wahrscheinlich auch Zehntausende in Europa, vor dem Fernsehapparat, um den Boxkampf des Jahrhunderts, Muhammad Ali gegen Joe Frazier, zu sehen. Auch die Eltern der Rezensentin saßen bei diesem denkwürdigen Fight, Kinder noch, vor dem TV. Auch die Wachmannschaft im FBI-Gebäude ist abgelenkt. Unbemerkt kann das Team die Akten an sich bringen und das FBI-Gebäude wie zum Hohn durch die Vordertür wieder verlassen.
Den Rechtsanwalt David Kairys hat die Truppe schon vorher kontaktiert, und, falls etwas schief gehen sollte, hätten sie ihn als ihren Verteidiger gewählt. Aber jetzt kommen Journalisten und Abgeordnete ins Spiel. An fünf Personen werden die ersten Kopien aus dem Raub gesandt. Betty Medsger von der „Washington Post“ ist die einzige, die sie nicht an das FBI retourniert, sondern beschließt, die Dokumente zu veröffentlichen. Und damit tritt sie eine Lawine los. Seit 1924 ist Hoover der Chef des FBI, bis zu seinem Tod 1972 baute er die Macht und insbesondere Überwachungstätigkeiten kontinuierlich aus – seiner Spitzeltätigkeit gegen liberale und Anti-Kriegs-Überzeugung ist mit diesem Film ein imposantes Denkmal gesetzt.
Der Filmemacherin Johanna Hamilton, der Journalistin Betty Medsger sowie Bill, Keith, Bonnie, John und Bob, die – wie 40 Jahre später Edward Snowden – ihre finanzielle, wirtschaftliche und soziale Existenz aufs Spiel gesetzt haben, um eine schreckliche Wahrheit ans Licht zu bringen, ihnen allen gehört ebenfalls ein Denkmal gesetzt. Dieser Film ist der erste Schritt dazu.
