Green Book

Driving Dr. Shirley

| Marietta Steinhart |
Peter Farrelly, der Ko-Schöpfer von Filmen wie „There’s Something About Mary”, hat sich mit dem herzerwärmenden „Green Book“ wohl endgültig für das seriöse Regiefach qualifiziert.

Der Name Farrelly beschwört eine ganz bestimmte Art von Film herauf: die sogenannte Gross-Out-Komödie, in der jemand mit seiner Zunge an einer gefrorenen Eisenstange kleben bleibt, oder in der Sperma mit Haargel verwechselt wird. Gemeinsam mit seinem Bruder Bobby hat Peter Farrelly einige der populärsten – und tiefsten – Komödien der vergangenen Jahrzehnte geschaffen.

Nun hat er mit Green Book seinen ersten Solo-Kinofilm gedreht, ein herzerwärmendes Roadmovie über Rassismus, das auf den ersten Blick nicht die Art von Film ist, die man von einer Hälfte des Regieduos hinter Komödien wie Dumb and Dumber und There’s Something About Mary  erwarten würde. Aber diese Filme hatten immer auch einen humanistischen Kern, der jetzt besonders stark zum Vorschein kommt. In Green Book, der auf realen Personen und einer wahren Geschichte beruht, wird mit viel Humor ein Szenario erzählt, das bereits 1989 in Driving Miss Daisy entworfen wurde, aber diesmal sitzt auf der Rückbank des Autos nicht eine nörgelnde weiße Frau, die sich mit ihrem schwarzen Chauffeur anfreundet, sondern ein schwarzer Konzertpianist, der von einem weißen Türsteher durch den rassistisch aufgeladenen Süden der USA gefahren wird.

Viggo Mortensen spielt Tony Vallelonga, einen eher erdigen Italo-Amerikaner aus der Bronx, der wegen seines Mundwerks den Spitznamen „Tony Lip“ trägt und im New York von 1962 in einem Nachtclub als Türsteher und Rausschmeißer arbeitet. Ein zunächst auch mit Vorurteilen rassistischer Natur behafteter Typ, der die Gläser wegwirft, die von zwei schwarzen Arbeitern benutzt wurden, die den Boden seiner Küche reparieren. Als der Nachtclub wegen Renovierung geschlossen wird, führt Tonys Suche nach einem neuen Job zu Dr. Don Shirley (Mahershala Ali). Der bekannte und gefeierte Pianist war schon früh eine Art musikalisches Wunderkind, der im Alter von drei Jahren bereits erste Auftritte absolvierte und mittlerweile sogar im Weißen Haus aufspielen durfte. Der exzentrische Afroamerikaner residiert in einer schmucken Wohnung direkt über der Carnegie Hall, beschäftigt einen indischen Butler und begrüßt Tony in einer westafrikanischen Robe, bevor er auf einem thronartigen Sessel Platz nimmt.

Tony ist ein ungebildeter Schlägertyp mit einer ziemlich begrenzten Weltsicht, aber mit einem generell guten Herzen. Dr. Shirley ein kultivierter, hoch gebildeter Mann mit einer versnobten Attitüde samt herrschaftlicher Haltung. Er steht kurz vor einer Konzertreise in den tiefen Süden der USA und weiß, dass er als Schwarzer einen Fahrer anheuern muss, der in der Lage ist, ihn notfalls zu beschützen. Die Bezahlung stimmt, also willigt Tony nach anfänglichem Zögern ein. Die beiden steigen in einen türkisfarbenen Cadillac und begeben sich auf ihren achtwöchigen Trip, in dessen Verlauf sich die so unterschiedlichen Charaktere einander anzunähern beginnen. Tony zeigt dem „Doc“, wie man seine Kentucky-Fried-Chicken-Bestellung stilecht gleich im Auto verzehrt und klärt ihn auf, wer Little Richard ist, Don Shirley wiederum bringt seinem Fahrer bei, wie der seiner Frau (Linda Cardellini) einen grammatikalisch korrekten, stilistisch ausgefeilten, romantischen Brief schreibt.

Eine solche Reise ist zu Beginn der sechziger Jahre jedoch eine durchaus gefährliche Angelegenheit – die Protagonisten müssen sich auf das titelgebende „The Negro Motorist Green-Book“ stützen, einen Leitfaden, um Örtlichkeiten zu finden, an denen schwarze Reisende überhaupt als Kunden akzeptiert werden. Das sind jedoch zumeist weitaus schäbigere Unterkünfte als jene, in denen Tony wohnt. Und es bleibt nicht aus, dass Tony seinen neuen Chef handfest vor den Übergriffen rassistischer Rednecks beschützen muss – Zwischenfälle, die bei Tony selbst Umdenkprozesse auslösen.

Green Book spielt mit der Umkehrung sozio-ökonomischer Stereotypen, aber die große Stärke liegt in den Charakteren, die von den beiden Schauspielern nuanciert und feinsinnig dargestellt werden. Der wunderbare Mahershala Ali genießt sichtlich seinen spektakulär schrägen Dr. Shirley, eine Figur, wie man sie noch nicht oft im Kino gesehen hat. Viggo Mortensen hat für seine Rolle etliche Kilo zugenommen und beweist ein scharfsinniges komödiantisches Gespür. Er weiß, wie weit er seine Figur, die er mit einem dicken Sopranos-Akzent versieht – der reale Tony Vallelonga spielte übrigens in der Fernsehserie einen Mafia-Boss –, vorantreiben kann, ohne sie zu überspannen.

Tatsächlich erlaubt Green Book beiden Männern, gegen den „Typ“ zu spielen, aber die vielleicht größte Überraschung von allen liefert der Regisseur. Peter Farrelly, der das Drehbuch gemeinsam mit Nick Vallelonga, dem Sohn des echten Tony, und Brian Hayes Currie geschrieben hat, gelingt es, die Schwere des heiklen Themas zu respektieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass seine Inszenierung niemals den Humor aus den Augen verliert. Green Book, Peter Farrelly und seine begnadeten Darsteller sind definitiv heiße Oscar-Kandidaten.