Viennale Blog 25

„A Song from the Forest“ von Michael Obert

| Noah Albrecht |

„It‘s not quite real or something“, betont Louis Sarno, während er sich in seinem Apartment in New York mit dem Kopf voran gegen ein Fenster lehnt. Trübselig betrachtet er das ihm fremd gewordene Chaos der Zivilisation unter ihm. Louis Sarno ist ein Brückenbauer, denn er lebt und verbindet zwei Welten. Der  Musikforscher folgte vor ungefähr dreißig Jahren einer Melodie bis in die tiefen Afrikas und von dort mitten ins Herz eines ansässigen Stammes, den Bayaka. Louis entschloss sich dort zu bleiben und eine Familie zu gründen, denn bei ihnen fand er die Musik, nach der er so lange gesucht hatte.

Der deutsche Reisereporter Michael Obert zeigt uns in 100 Minuten, wie der Sarno ein seinem Sohn Samedi gegebenes Versprechen einhält. Nämlich ihm seine „Heimat“ zu zeigen, the United States of America. Oberts Dokumentarfilm operiert mit geheimnisvoll meditativen Aufnahmen des von den Bayaka besiedelten Dschungels; New York dagegen beschreibt er als kalten, überdrehten, abweisenden Ort. Oft begleiten  Urwaldgeräusche und Stammesmusik die Bilder der Großstadt, während im Dschungel an Stellen Renaissance-Gesänge des 16. Jahrhunderts den Ton angeben. Unterbrochen wird die Reise der beiden durch Interviews mit Menschen, die Louis nahe stehen, wie seinem finanziell sehr erfolgreichen, Golf spielenden kleinen Bruder.

Die Geschichte führt den Vater zurück zu dessen Wurzeln, während Samedi sich von seinen entfernt und in New York vor allem durch einen Satz die eigene Kultur erklärt: „You have to buy real things!“ Während Samedi also unglücklich zwischen einem Plastiklaserschwert, DVDs und Spielzeugautos sitzt, spricht er von echten Sachen und versteht seinen Vater nicht. Mehr als einmal wird Louis bei seiner Abreise aus dem Dorf erklärt, er müsse dafür sorgen, dass Samedi in der anderen Welt anständig lesen und schreiben lerne. Mit der „anderen Welt“ ist natürlich Amerika gemeint.

Obwohl Louis die Leute in New York beobachtet und zur Erkenntnis kommt, dass diese kein echtes Leben leben, ist er unsicher, ob er bei den Bayaka weitermachen kann. Nach gut tausend Stunden aufgenommener Stammes-Musik scheint das Lied, welches von Louis einst Besitz ergriffen hatte, nachzulassen. Die Welt der „weißen Menschen“ fordert ihn zurück und er ist schwach geworden. In einem Interview erzählt eine der Ältesten im Urwalddorf folgende Sage: Zu Beginn lebten zwei Bayaka zusammen, doch dann starb einer und war verschwunden. Der übrig gebliebene trauerte und rief seinen Namen. So kehrte der verstorbene Bayaka als weißer Mensch zurück, doch er war anders, er setzte sich hin und beobachtete die Welt.