Abderrahmane Sissako schildert eindringlich die fortschreitende Islamisierung Afrikas anhand der nur wenig fiktionalisierten Machtübernahme in der mythischen malischen Stadt.
Der in Mauretanien geborene und in Mali aufgewachsene Abderrahmane Sissako gilt spätestens seit seinem Film Bamako (2006), in dem die Machenschaften des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in einer Art Dorfgericht abgehandelt wurden, als eine der führenden Stimmen im afrikanischen Kino. Auch mit seinem neuen Film, der beim Festival in Cannes im Wettbewerb zu sehen war, dort mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde (u.a. dem Preis der Jugendjury) und nun auch für den Oscar nominiert ist, legt der 53-jährige Regisseur seine Finger auf eine schmerzende Wunde. Mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln erzählt Sissako von der zunehmenden Islamisierung des Kontinents und den herben Rückschlägen für alle Bestrebungen, Afrika in eine moderne, aufgeklärte Zukunft zu führen.
Gedreht wurde in der „Islamischen Republik Mauretanien“, denn die geradezu mythische westmalische Oasenstadt Timbuktu, 2012 von Islamisten okkupiert – zahlreiche kulturelle Denkmäler und eine ganze Bibliothek mit wertvollen Handschriften wurden dabei zerstört – und danach von französischen und malischen Truppen zurückerobert, würde sich wohl kaum als Drehort eignen. Sissako nimmt Bezug auf diese Ereignisse: Eine Gruppe von Dschihadisten nimmt die Stadt in Beschlag. Zunächst muten sie eher harmlos und unbedarft an, und die Bevölkerung wehrt sich gegen unsinnige Bekleidungsvorschriften, gegen das Verbot von Musik und Fußball, und der Imam vertreibt die bewaffneten Männer sogar aus der Moschee. Doch schon bald zeigt sich, dass die Islamisten nicht gekommen sind, um sich von aufmüpfigen Bürgern provozieren oder in die Schranken weisen zu lassen. Mit Fortdauer des Films steigert der Regisseur die Dramatik des Geschehens, zumal als ein Viehzüchter und ein Fischer in einem fast schon bizarren Zwischenfall aneinandergeraten und sich eine Kette unheilvoller Ereignisse entfaltet, die in einen tragischen Höhepunkt münden.
Es ist nicht überraschend, dass Frauen, Familien und eine Handvoll junger Leute, die einen westlichen Lebensstil pflegen, besonders unter den neuen Machthabern zu leiden haben – ein junges unverheiratetes Paar wird gesteinigt, ein Mädchen zwangsverehelicht – alles selbstverständlich unter Berufung auf den Propheten. Sissako macht kein Hehl daraus, wie sehr er die neue Barbarei verabscheut; dennoch geht er dabei subtil vor, gestattet selbst den Dschihadisten charakterliche Nuancen, und verweist vor allem auch auf die grausame Absurdität der Situation: So sind einige der Gotteskrieger – wie in der Realität auch – aus Libyen gekommen und sprechen Arabisch, sie können sich mit den Einheimischen, die Tarasheq sprechen, nur via Übersetzer verständigen.
Über allem liegt ein schmerzliches Gefühl der Trauer, des Verlustes und der Vergeblichkeit. Timbuktu ist kein lauter Aufschrei, sondern eine stille, eindringliche Erzählung, die umso nachhaltiger im Gedächtnis bleibt.
