Kollektives Meisterwerk

| Marietta Steinhart |

Wenn ein Amerikaner einen zutiefst russischen Film macht: Regisseur Gabe Polsky sprach im Anschluss an die Premiere in seiner Wahlheimat Los Angeles mit ray über den Werdegang von „Red Army“, seinen widerspenstigen Interviewpartner sowie Eishockey als Ideologie und Kunstform.

Ich habe schon sehr früh Rohschnitte von Red Army gesehen.
Sie sind übrigens die einzige Journalistin, die frühes Material zu sehen bekommen hat.

Ich fühle mich sehr geehrt! Der Film sah noch ganz anders aus, war mit Rocky IV-Musik unterlegt und Vyacheslav Fetisov war noch nicht zum Erzähler geworden. Wie früh in dem Prozess war Ihnen klar, dass Red Army viel mehr als „nur“ ein Eishockeyfilm sein würde?
Ich wusste schon von Beginn an, dass die Zahl der eishockeyinteressierten Zuseher limitiert sein würde, und ich wollte etwas viel Tiefgründigeres schaffen als nur einen Sportfilm. Es sollte uns etwas Interessantes darüber erzählen, was diese Männer erlebten. Gleichzeitig ist es eine einzigartige historische Geschichte. Es hat ein Sportelement, das ich versuche aus einem anderen Winkel anzugehen, und ich benutzte Hockey als Fenster, um eine viel größere Geschichte zu erzählen. Die Details in menschlichem Verhalten können uns Aufschluss über die jeweilige Gesellschaft geben. Die Art und Weise wie die Deutschen Autos herstellen, sagt uns etwas über Deutschland. Was Fetisov und seinem Team widerfuhr, war eine Reflexion dessen, was in der Sowjetunion geschah. Das Ringen um Freiheit stellt einen wichtigen Aspekt in meinem Film dar, ebenso wie die Natur von Patriotismus und Nationalismus. Benötigt es eine repressive Disziplin, um Großes zu erreichen? Um ein gutes Team zu sein, benötigt es eine starke Bindung, aber wie kann diese Bindung erreicht werden? Mit einer Ideologie?

Hat Fetisov Sie jemals eingeschüchtert?
Nun ja, er ist ein energischer Mensch und hat mich herausgefordert. Es ist fast so, als müssten Sie seiner Aufmerksamkeit würdig sein oder ihm angemessene Fragen stellen. Als ich ihn da hatte, wo ich ihn wollte – angriffslustig – da wollte ich, dass er das tut, weil erst daraus entsteht interessantes Drama.

Gab es heikle Situationen? Wenn Sie ihn zum Beispiel auf den Tod seines Bruders ansprechen, dann ist das ein sehr emotionaler Moment.
Es ist schwierig, vor allem Männern Emotionen abzugewinnen. Russen im Speziellen sind berüchtigt dafür, dass sie reserviert sind, und es ist nicht leicht unter die Oberfläche zu gelangen. Als ich mit ihm über seinen Bruder und andere Augenblicke in seinem Leben sprach, war das eher spontan. Ich denke, die Frage kam aus dem Nichts und hat ihn unvorbereitet getroffen. Sie hat ihn aber auch in den Moment zurückgebracht, fast so als würde er diesen im Geiste noch einmal erleben. Aber jedes Interview war eine Herausforderung. Er gehört nicht zu der Art von Menschen, die sagen, was Sie hören wollen.

Es wirkt so, als sei er oft sehr vorsichtig, weil er heute ein Politiker ist. Er ist ein einflussreicher Mann und befreundet mit Putin.
Das auch, ja.

Kam es oft vor, dass er Sie abblitzen ließ? Gleich zu Beginn zeigt er ihnen süffisant den Mittelfinger.
Das ist eine gute Frage. Es war ein Tauziehen. Manchmal gelang es mir, ihn den Politiker vergessen zu lassen, und dann hat er sich wieder zurückgezogen. Für sehr lange Zeit war er abgeneigt, den Film zu unterstützen, weil er Angst hatte, dass er sich vielleicht zu sehr geöffnet und seinen wahren Charakter entblößt hatte – im Guten wie im Schlechten. Erst nach den Filmfestspielen von Cannes hat er realisiert, dass die Menschen in ihm einen interessanten, ja sogar heroischen Charakter sehen. Er hat den Film von da an komplett angenommen. Sie können niemals sicher sein, was er als nächstes sagt oder wie er es sagt. Das macht aus ihm eine komplexe Persönlichkeit. Sie können Ihre Augen nicht von ihm abwenden.

Er war also zunächst nicht bereit, die Interviews zu führen?
Ja, er wollte sie am Anfang überhaupt nicht machen. Ich kann es nicht wirklich beschreiben, aber es war fast so, als würde er mich wie ein kleines Kind behandeln, das dumme Fragen stellt.

Noch dazu sind Sie Amerikaner.
Und ich bin Amerikaner. Gleichzeitig testete er mein Wissen über die Sowjetunion und den Hockeysport, aber er hat bald gemerkt, dass ich viel tiefer gehen wollte und dass ich Respekt und Leidenschaft hatte, nicht nur für die Schule des Eishockey, sondern für seine Kultur und seine Geschichte. Ich denke, er war immer recht zögerlich und nicht sicher, ob er an mich glauben sollte, aber irgendwie gab er mir weiterhin Interviews. Er meinte, er hatte „so ein Gefühl“ und dass er noch nie jemandem ein so langes Interview gegeben hat.

Hatte er Mitspracherecht beim Final Cut?
Nein.

Warum sind Sie auf seine Rolle als Politiker nicht näher eingegangen? War das ein zu heißes Thema?
Es war nicht der Kern meiner Dokumentation. Sie müssen sich entscheiden und auf eine Sache konzentrieren, um Form und Sinn zu kreieren.

In Red Army geht es um den Kalten Krieg auf dem Eis und darum, wie ein oppressives System eines der besten Sportteams in der Geschichte hervorbringt …
… und eines der freiesten.

Wie meinen Sie das?
Freestyle im Hockeysport. Der Eishockeystil war komplett befreiend für die Spieler. Sie konnten überall hin auf dem Eis. Es war wie Jazzimprovisation. Gewisse Systeme sind bestimmend, wissen Sie? Wie zum Beispiel ein Orchester. Da können Sie nicht einfach improvisieren. Es war das freieste Eishockey, das jemals existierte.

Denken Sie, dass die Sowjetunion dem Eishockey ein Umfeld bot, das besser war als im Rest der Welt? Und floss da nicht auch ein Stück Ideologie mit hinein?
Am Anfang steht ein Visionär, der diesen Stil kreierte. Tarassow war die Stimme des sowjetischen Eishockey. Das sah aus wie Ballett und war fließend, weil das die Art und Weise war, wie er das Spiel sah. Er war ein Sowjet, also fand die Ideologie logischerweise auch ihren Ausdruck im Stil. Die Idee, dass Sie kein Individuum darstellen. Später wurden die Spieler nicht trainiert, sondern unterdrückt, und es wurde ihnen nicht gestattet, das Trainingscamp zu verlassen. Es ist eine Kombination von all dem. Die Sowjetunion missbilligte individuelle Erfolge. Die eigentliche Leistung war es, dem Mutterland und den Landsleuten zu dienen. Aber ihr Spiel war bewundernswert anzusehen. Ihr Stil war ein kollektives Meisterwerk. So wie es in der Kunst eine Zeit vor und nach Picasso gibt, gibt es eine Zeit vor und nach diesem Team. In den USA ist der Eishockeystil eher eingeschränkt. Das Spiel ist schlampig, nicht sehr flüssig und es ist nicht sehr kreativ. Wir leben zwar in einem freien Land, aber es ist nicht so frei für unsere Spieler auf dem Eis.

Sie nennen es „Kunst“.
Ja, es ist eine Form von Kunst. Es geht weit über Sport hinaus. Es ist etwas, das viel tiefgreifender ist. Vielleicht könnte man es Kollektivkunst nennen.

Sie denken also, dass Kunst in unterdrückenden Systemen gedeihen kann.
Ja, absolut. Sehen Sie sich zum Beispiel sowjetische Kunst an wie „Der Meister und Margarita“. Es ist subversiv, aber kreativ. Die Subversion ist sehr subtil. Trotzdem wurde es viele Jahre lang zensuriert, weil sich die Leute dessen bewusst waren. Im Sport können Sie nicht sagen „Die Art und Weise, wie die spielen, ist zu demokratisch“. Sie können das nicht zensurieren. Ich meine, natürlich können sie. Sogar in den Vereinigten Staaten sagen die Trainer: „So kannst du nicht spielen“. Also auf eine gewisse Art und Weise können Sie das, und das nennt man demokratische Gesellschaft, aber der Hockeysport ist nicht frei. Es ist ein Paradoxon.

Denken Sie, dass Eishockeyspielen genauso eine Form von Kunst ist wie Filmemachen?
Ich war schon immer davon überzeugt, dass Sport ein kreativer Ausdruck ist, vor allem Teamsport. Es ist wie Literatur. Das sind Ausdrucksformen. Da ist ein profunder Ausdruck im Sport und er enthüllt Dinge über die menschliche Natur. Es ist sehr unterschwellig.

Haben Sie den Film Miracle über das „Wunder auf dem Eis“ von 1980 gesehen?
Ja. Wollen Sie wissen was ich davon halte?

Gerne.
Zuallererst denke ich, dass der Film kitschig ist. Er hat etwas von einer Hollywood’schen Unechtheit. Für mich hat sich das wie Propaganda angefühlt. Ich weiß, dass die Sowjetunion damals verloren hat, und die Art und Weise, wie sie das gemacht haben, war nicht besonders interessant für mich. Ich weiß nicht, ob ich das laut sagen sollte. (lacht)

Sie verschwenden nicht viel Zeit mit dem Ereignis. Weshalb?
Das stimmt. Erstens ist es nicht das, worum es in meinem Film geht. Zweitens, wir kennen die Geschichte. Das ist nur wenig interessant. Es wurde popularisiert und zu Genüge ausgeschlachtet. Es wird als das bedeutendste Sportereignis in der amerikanischen Geschichte erachtet. Aber was ich feststellte war, dass die Menschen im Westen nichts über den Eishockeysport in der Sowjetunion wussten. Alles was sie kennen ist das „Wunder“. Ich fand das tragisch und unfair, weil ich denke, dass das, was die Sowjets für Hockey und den Sport getan haben, ein Wunder an sich ist. Sie haben Eishockey revolutioniert und zu einer Kunstform erhoben.

Für beide Länder war Eishockey ein Instrument, der Welt zu zeigen, dass ihr Weg zu leben der „richtige“ war, oder?
Ich denke, Sport kann das bewirken. Es gibt viele Dinge, die man in sportlichem Wettbewerb lesen kann. Es geht darum, die Überlegenheit der eigenen Ideen unter Beweis zu stellen, und Sport kann ein starker Ausdruck von Ideen sein. Und obwohl ich den Stil der sowjetischen Hockeymannschaft bevorzuge, ich hätte niemals dort leben wollen. Das Eishockeyspiel war die Antithese zu dem System, aus dem es entstammt. Vielleicht war es der Ausdruck von Kommunismus. Ich weiß es nicht.

Ihre Eltern stammen aus der UdSSR. Haben sie viel über die Vergangenheit gesprochen?
Sehr wenig. Ich weiß, dass sie es dort nicht mochten und dass es viele Dinge gab, die sie nicht tun konnten. Ich weiß, dass meine Großeltern im Zweiten Weltkrieg kämpften, und als die dann auch in die Vereinigten Staaten auswanderten, begann ich mehr über die sowjetische Kultur zu lernen. Aber in Wahrheit, wenn Sie von woanders stammen, dann blutet es aus Ihnen heraus. Sie müssen nicht darüber sprechen. Das ist, wer Sie sind. Sie sind Österreicherin. Sie müssen nicht darüber reden. Man bekommt einfach ein Gefühl dafür, wie sich andere verhalten.

Würden Sie sagen, Sie sind mit einem gesunden Verständnis über das Land Ihrer Eltern aufgewachsen?
Nun ja, mir war ziemlich klar, dass die Menschen in der UdSSR sich viel schwerer taten. Meine Eltern gingen fort, weil sie dachten, dass sie bessere Möglichkeiten im Westen haben würden – und sie hatten Recht. Ich bin mit russischem Essen aufgewachsen, worüber sich meine Freunde gerne lustig gemacht haben. Über Politik sprachen wir eigentlich nie. Als meine Großeltern in die USA kamen, fand ich sie urkomisch. Sie haben ein so anderes Leben geführt und sie da in Amerika zu sehen, das war seltsam. Sie waren völlig fehl am Platz. Als ich das sowjetische Team übrigens zum ersten Mal auf einer VHS Kassette spielen sah, dachte ich „Oh, mein Gott, das ist brillant!“ Ich habe begonnen mir Gedanken über diese Gesellschaft zu machen. Es war irgendwie Sinn und Zweck von Eishockeyin der Sowjetunion, diese Kreativität und Überlegenheit der Gesellschaft zu demonstrieren. Ich sage nicht, dass sie überlegener waren, aber im Hockeysport waren sie das. Ich wollte es tatsächlich besser verstehen, und es machte mich bis zu einem gewissen Grad stolz.

Wann kamen Sie zum ersten Mal mit Eishockey in Berührung?
Mit sechs Jahren in der Schule. Ich wollte Profi-Eishockeyspieler werden. Als ich 13 war, wurde ich von einem sowjetischen Coach trainiert – einem der ersten in den USA – und er war es, der mir eine völlig neue und kreative Perspektive zeigte. Als ich später im College spielte, war dieser Stil verpönt. Ich habe also nicht in die Philosophie von meinem Coach gepasst, und damit war meine Karriere als Spieler beendet. Es war die bitterste Erfahrung in meinem Leben, und dieser Schmerz findet seinen Weg in meinen Film.

Vor zwei Jahren kulminierte all das dann in diesem Film?
Ja, ich dachte, vielleicht ist das der Moment in dem ich alles was ich weiß kombiniere: Sport, meine Familie, Filme drehen. Diese Leidenschaft und auch Frustration, all die Gefühle, die ich in meinem Leben hatte, flossen in diesen Film.

Sie machen gemeinsame Sache mit Werner Herzog, der ausführender Produzent ist. Wie kam es dazu?
Zunächst habe ich ihm den Film gezeigt, weil er ein Kollege ist und ich ihn bewundere. Er ist ein inspirierender Kerl. Natürlich schätze ich seine Meinung, weil sie immer einzigartig ist. Als ich ihm den Film zum ersten Mal zeigte, war er begeistert und sehr stolz auf mich, weil wir auch Freunde sind. Er sagte, dass, wenn er mir auch nur irgendwie helfen könne, er das tun würde, also habe ich ihn gefragt, ob er Produzent sein würde. Er gab mir großartige Ratschläge während des Verkaufsprozesses.

Nämlich?
Im Grunde lief es darauf hinaus: „Du hast einen großartigen Film gemacht. Sehr stark. Mach Dir keine Sorgen darüber, was andere über deinen Film sagen.“ Ich hatte einige Rückschläge in der Vergangenheit erlitten. Einige Festivals hatten den Film abgelehnt, und Werner hat mir den Rat gegeben, mich davon nicht einschüchtern zu lassen. Danach wurde der Film in das Programm von Cannes aufgenommen. Er hat schon viel erlebt und wurde schon oft zurückgewiesen, und er ist einer der bedeutendsten Filmemacher unserer Zeit. Ich fühle mich geehrt, dass er zu einem Teil des Projekts wurde. Werner hat einmal gesagt „Wenn du die Herzen der Menschen nicht verstehst, dann kannst du dich nicht einen Filmemacher nennen“. Und das bringt es auf den Punkt und zeigt die Verbindung zu meinem Film. Es liegt eine tragische Qualität in Werners Filmen. Seine Filme können ehrfurchtgebietend, mystisch, urkomisch und eigentümlich sein. Er gräbt nach der Conditio humana und findet Gold. Ich habe das gleiche Bestreben. „Herzogian“ ist irgendwie ein Adjektiv für sich. Wie ein seltsamer, urweltlicher, ekstatischer Wahnsinn. So etwas in diese Richtung. Es ist wie Goldfinden.

Bei der Premiere in Los Angeles meinten Sie, dass sich jemand im Publikum die Frage stellte, warum erst ein Amerikaner kommen musste, um diesen Film zu machen.
Ja, es ist schon eine seltsame Angelegenheit für einen Amerikaner, einen Film über die russische Seele und ihren Nationalstolz zu machen und noch dazu auf eine authentische Art und Weise. Sie müssen sich vorstellen, das ist so, wie wenn ein Russe in die USA käme, um die Geschichte Amerikas anhand von American Football zu erzählen. Red Army ist authentisch, und für die Menschen in Russland ist das merkwürdig, dass so etwas möglich ist, weil Amerikaner so sehr an Klischees gewöhnt sind und in einem Missverständnis über diese Kultur leben.

Kam Red Army denn schon in Russland in die Kinos?
Nein, noch nicht. Es ist das einzige Land, an den wir den Film nicht verkaufen konnten, aber wir arbeiten daran. Wir haben ihn als Eröffnungsfilm im Rahmen des Moskauer Filmfestivals gezeigt, und die Zuseher und Kritiker haben den Film geliebt. Ein ausverkauftes Kino mit fünfhundert Sitzen. Es war großartig. Ich denke mit der Zeit, wird er die Menschen dort erreichen. Der Film zeigt ihre Menschlichkeit und Geschichte auf eine Art und Weise, wie man das in Russland noch nicht gesehen hat.