Missernte in der royalen Käseglocke

| Roman Scheiber |

Vom Neo-zentristischen zum Jupiter-zentristischen Weltbild: der Geschwister Wachowskis bildmächtige, jedoch gehaltarme neue Erlöser-Phantasie „Jupiter Ascending“.

Die Story ist weiß Gott lächerlich. Drei Geschwister, auf dem Jupiter und Gott weiß welchen Planeten in- und außerhalb der hiesigen Galaxis heimisch, streiten um die Nachfolge ihrer ermordeten Mutter, die 100.000 Jahre lang dem Universum als Monarchin vorgestanden war. Weiß Gott welcher Gentest ergibt, dass ein junges Chicagoer Zimmermädchen-Aschenbrödel mit komödienhaft russischem Migrationsklischeehintergrund namens Jupiter Jones (Mila Kunis) den Thron zu erben habe; Jupiter Ascending heißt denn auch die an wiedererkennbaren Märchenmotiven nicht arme Weltraumseifenoper. Im Zuge ihrer Erhebung zur Königin muss Jupiter nicht nur einen Brazil-artigen Behördenparcours absolvieren (Terry Gilliam persönlich ist für den entscheidenden Stempel und die unterhaltsamste Sequenz des Films verantwortlich!), u.a. bei diversen Stürzen von ihrem Air-Skates fahrenden Beschützer Caine (Channing Tatum mit Wolfsohren und bizarrblondem Ziegenbart) aufgefangen werden und ein paar Intrigen durchschauen, sondern leider auch entdecken, dass sämtliche ihrer bisherigen Erdenmitbewohner buchstäblich zur Ernte anstehen.

„Harvest“ heißt der in der Originalversion verwendete Terminus; Zweck des agrikulturellen Verfahrens ist, das über Äonen quasi natürlich hochgezüchtete Menschengeschlecht in einem Schwung zu einer Art Superseifenessenz zu verarbeiten, welche sich die Alien-Aristokraten und andere Superreiche ins Jungbrunnenbadewasser schütten. Insofern ist eine Menschheit wie die unsere nur eine von vielen und hat ausschließlich den Sinn, finanzkräftigen Weltallbürgern zu bieten, was sie sich auf andere Weise nicht kaufen können: Lebenszeitverlängerung. Das einzige in dieser Hinsicht immer und überall gültige Prinzip des Universums ist also der Kapitalismus. Und das einzige wirkliche Gegenwicht, wir haben es früh erraten, kann auch in diesem, kolportierte 175 Millionen Dollar teuren Operettenkosmos nur die Liebe sein.

Von der Macht der Liebe haben sie schon immer gern erzählt, die Writer/Directors Andy und Lana Wachowski, auch als Lana noch Larry war: von der lesbischen Liebe in ihrer stylischen Low-Budget-Noir-Talentprobe Bound (1996); von der verschmelzenden Liebe des androgynen Pärchens Neo und Trinity (mit Hang zum Pathos, wenn sich die beiden z.B. vom ekstatischen Steinzeit-Rave in Matrix Reloaded absentieren, um in einer Höhlenkoje Sex zu haben); von der Epochen übergreifenden Liebe in der Verfilmung des „unverfilmbaren“ Romans „Cloud Atlas“ (2012, mit Tom Tykwer). Nun erzählen sie gewissermaßen von der Macht der Liebe zwischen der schönen Jupiter und dem genetisch mutierten Biest Caine. Das zentrale Motiv im Werk der Wachowskis, die als ausgesprochene Comic-Geeks und als Hollywoods beste Storyboard-Zeichner gelten, ist aber ein anderes. Es inkarniert sich in der Titelfigur, und ähnlich wie Neo erfährt auch Jupiter erst im Verlauf ihrer Heldenreise, was ihre Bestimmung ist: Heil zu bringen, die Menschheit aus ihrer unbewussten Knechtschaft zu erlösen. She is the one.

Beim lustvollen Durchmischen der Genres, Liebesdrama, SciFi, Fantasy, Noir, Actionthriller, Abenteuerfilm, scheinen die Wachowskis ihren Imaginationsfundus noch lange nicht ausgeschöpft zu haben. Die jungen Royals (nicht zufällig mit hübschen und angesagten britischen Schauspielern besetzt) haben ein Faible für Fete-Blanche-Hochzeiten in Mega-Kathedralen; ein eiskalter Gasriese wie der größte Planet unseres Sonnensystems wird zur nichtsdestotrotz bewohnbaren Feuerhölle umgedeutet. Damit sind nur zwei von hundert visuellen Ingredienzen dieses 3D-Spektakels benannt, die in ihrer Gesamtheit als „eye candy overload“ wohl darüber hinwegtäuschen sollen, dass den Geschwistern Wachowski seit dem in mehrfacher Hinsicht Bahn brechenden ersten Teil ihrer Matrix-Trilogie (1999) sukzessive die narrativ tragfähigen Ideen ausgegangen sind.

Cogito, ergo Übermensch

Ob man die bombastischen Bildwelten von Jupiter Ascending technologisch als state-of-the-art einschätzt oder nicht: Es mangelt ihnen an substanzieller Erzählkraft. Das wackelig gebaute Handlungsgerüst vermeint in seinem Größenwahn jede erzähllogische Schranke mit einer Action-Geste durchbrechen oder einfach wegwischen zu können, weil die Netzhäute der Zuschauer schon im nächsten Moment wieder mit neuen Effekten beschossen werden. Matrix hat davon gelebt, einen im Grunde gar nicht so unkonventionellen Actionplot mit Martial Arts auszukleiden, detailreich mit visuellen Effekten aufzufrisieren und dabei derart viele Grundfragen der Philosophie durchzudeklinieren, dass manch ein US-Professor gleich ein ganzes Seminar für seine Studenten darum herum anlegen konnte. Worüber kluge Köpfe von Descartes bis Baudrillard sich dieselben zerbrachen, in diesem ersten coolen Blockbuster-Äquivalent der Cyberpunk-Literatur war es popkulturell kompatibel hineingemorpht bwz. darübergestülpt: fernöstliche Spiritualität, christliche Mystik, neuzeitliche Aufklärung, ontologischer Dualismus usw. usf. Nichts davon war zu Ende gedacht, und doch passte alles irgendwie zusammen, nicht zuletzt dank der durchgehaltenen Erzähl-Prämisse.

Von all diesen Ideen ist in Jupiter Ascending wenig übrig geblieben, und die multiplen narrativen Wirklichkeiten wie in der Matrix-Trilogie oder noch in Cloud Atlas sind auf zwei zusammengeschrumpft. In der niederschwelligen dieser zwei Erzählebenen leben wir Erdlinge und wissen nichts davon, dass wir demnächst geerntet werden. Oder kriegen nichts davon mit, wenn wir demnächst erlöst werden. Das gute alte cartesianische Gedankenexperiment, wonach dem Menschen von einem bösen Dämon Realität vorgegaukelt wird, während er womöglich nur unter einer unsichtbaren Käseglocke lebt oder als Gehirn im Tank vegetiert: Es war die omnipotente Software der „Matrix“, welche den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit aufzuheben trachtete. Hier erfährt sie allerdings ein spürbares Downgrade. Nicht von selbst gemachten Maschinen, die einem über den Kopf gewachsen sind, werden wir beherrscht. Sondern von einem künstlich verjüngten Fürstengeschlecht irgendwo zwischen feudalem Barock und nerdigem Futurismus. Man kann nur hoffen, dass die Wachowskis in ihrer gerade entstehenden Netflix-Serie Sense8 nicht einfach wieder nur unsere Gehirne in einen Tank von Bildungetümen einweichen. Ein wenig mehr Science und stabilere Fiction wäre angesagt.