Eine Ausstellung und ein Fotoband blicken hinter die Kulissen der Berlinale. Festival- und Stadtgeschichte gehen dabei Hand in Hand.
Politik und Geschichte spielten bei der Berlinale – 1951 auf eine Initiative der US-Militärregierung hin gegründet – schon immer eine große Rolle. Wie konnte es auch anders sein in einer Stadt, die lange von einer Mauer geteilt war. Doch ernste Dinge sind nicht alles. Während in Ostberlin das Konkurrenzevent „Festival des volksdemokratischen Films“ stark auf Ideologie setzte, konnte das A-Festival im Westen auch stets mit Glamour punkten: Jedes Jahr kamen unzählige Weltstars in die deutsche Metropole, bewarben ihre Filme, defilierten auf dem Roten Teppich und ließen sich von den Fotografen ablichten – daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch auch polarisierende Momente gab es immer wieder (wenn man den Jammer über die Festivalpreise, die an die vermeintlich „falschen“ Filme gehen, nicht einrechnet). Der wohl berühmteste Eklat fand 1970 statt, als Michael Verhoevens Vietnamkriegs-Parabel o.k. wegen vermeintlich anti-amerikanischer Tendenzen zum Rücktritt der Jury unter Leitung des US-Regisseurs George Stevens und schließlich zum Abbruch des Wettbewerbsprogramms führte.
All diese Aspekte – Geschichte, Glamour, Politik, Skandale – finden sich auch in der Ausstellung der Deutschen Kinemathek, „Zwischen den Filmen – Eine Fotogeschichte der Berlinale“, sowie im gleichnamigen Begleitband. Letzterer wurde von Rolf Aurich, Daniela Sannwald und Georg Simbeni konzipiert und versammelt 50 Fotos, die von informativen Texten begleitet werden und so von „Zwischenmomenten“ erzählen. Da sieht man etwa Schauspieler Peter Ustinov, der im Jahr 1955 angesichts des Ansturms von Autogrammjägern leicht verzweifelt dreinblickt (Kollege Sidney Poitier scheint solcherart „Belagerung“ neun Jahre später schon eher zu genießen), den sichtlich erfreuten Berliner Bürgermeister Willy Brandt beim Handshake mit Sexbombe Jayne Mansfield (1962) oder den damaligen Hollywood-Bad-Boy Sean Penn, der mit versteinerter Miene und Sonnenbrille eine Pressekonferenz zum Film At Close Range (1986) abhält (und seinen Kollegen Christopher Walken sowie den Regisseur James Foley zu Nebenakteuren degradiert).
Ein 1993 vor dem Brandenburger Tor entstandenes Foto von Horst Buchholz und Billy Wilder vereint Film- und Stadtgeschichte: Wilders Satire One, Two, Three (1961), mit Buchholz in der Hauptrolle, war damals vom Bau der Berliner Mauer überrumpelt worden. So kündet der Schnappschuss ebenso rührend von (historischer und persönlicher) Wiedervereinigung wie vom Altern.
Überhaupt sind es oft die „Paarfotos“, die besonders spannende Geschichten erzählen: Die bedeutenden Filmemacher Rainer Werner Fassbinder und Alexander Kluge waren 1978 mit dem Omnibusfilm Deutschland im Herbst im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Ihre Outfits, die sie bei einer Pressekonferenz tragen – Kluge bürgerlich, Fassbinder als Outlaw – erzählen von unterschiedlichen Charakteren und Lebenszugängen. Satyajit Ray und Roman Polanski (ersterer rauchend, zweiterer essend) gaben 1966 immerhin Stoff für einen Mini-Skandal: Jurymitglied Pier Paolo Pasolini wollte beide ex aequo mit dem Goldenen Bären geehrt wissen, doch Polanski setzte sich mit Cul-de-sac haarscharf durch, und Ray bekam für Nayak „nur“ eine Anerkennung für das Lebenswerk – für Pasolini ein Affront gegenüber Ray.
Nicht immer setzt der vor Zeitkolorit strotzende Band auf „spontane“ Momente: Auch intim wirkende Porträtfotos von Stars wie Kate Winslet und Antonio Banderas wissen zu gefallen – genauso ein humorvoller Shoot mit James Stewart vor dem Telefunken-Gebäude (1962) oder Claudia Cardinale, deren umwerfendes Lächeln das Brandenburger Tor 1964 geradezu zur Nebensache werden lässt. Schließlich weiß der Band anhand wechselnder Orte – vom Titania-Palast in Steglitz bis hin zum Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz – auch von der Veränderung der Kinokultur zu berichten. Schauen Sie, lesen Sie.
