Langsam leert sich der Potsdamer Platz. Auch wenn noch nicht alle Wettbewerbsbeiträge gezeigt worden sind, wird schon wild über die potentiellen Bärengewinner spekuliert. Natürlich ist Jafar Panahis tragikomischer Film Taxi unter den Favoriten, ebenso wie der rumänische Schwarzweiß-Western Aferim, der sich mit dem Ursprung von Vorurteilen gegenüber ethnischen Minderheiten auseinandersetzt . Obwohl er Anfang des 19. Jahrhunderts spielt, ist er thematisch noch immer erschreckend aktuell.
Auch ein deutscher Beitrag ist unter den Bären-Favoriten: Sebastian Schippers stilistisch experimenteller Beitrag Victoria, der nur in einer Einstellung gedreht worden ist und dessen wahrer Held der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen ist. Doch allein schon auf Grund der fehlenden politischen Thematik wird es Schipper wahrscheinlich ähnlich wie letztes Jahr Richard Linklater mit seinem grandiosen Beitrag Boyhood ergehen und er wird sich, wenn überhaupt, mit einem silbernen Bären zufrieden geben müssen.
Doch nicht nur Filme waren auf diesen Festspielen ein Thema, auch die allseits gerühmten Serien wurden in den Fokus gerückt. Das zeigte sich allein schon mit der Einladung von Mad Men-Erfinder Matthew Weiner in die Jury. Und nicht nur die Fans der Serien Breaking Bad erwarteten mit Spannung die Premiere des Spin-Offs Better Call Saul, in dem sich alles um den windigen Anwalt Saul Goodman dreht, der in Breaking Bad zunächst vor allem durch seine knackigen Fernsehspots in Erscheinung tritt, nach und nach jedoch zu einem der Haupt-Charaktere avanciert.
Im Spin-Off wird nun die Entstehungsgeschichte dieses obskuren Entertainment-Anwaltes erzählt, der in Breaking Bad seine Klienten bei der Geldwäsche behilflich ist. Wenn man auch zu Beginn noch keine Parallelen zu seinem späteren Klienten, dem drogenbrauendem Chemielehrer Walter White erkennt, weil Saul weder tödlich krank ist noch in einem bürgerlichen Leben feststeckt, so zeigt sich doch nach und nach, was die beiden extrem unterschiedlichen Charaktere miteinander verbindet. Beide versuchen zunächst auf dem klassischen rechtschaffenen Weg Karriere zu machen, werden dabei jedoch von einer ihnen sehr nahe stehenden Person – Walter von seinem ehemaligen Kompagnon, Saul von seinem älteren Bruder – beiseite gedrängt. Und müssen sich fortan damit begnügen, in deren Schatten zu stehen und sich ihren Lebensunterhalt mit unwürdigen Jobs finanzieren anstatt, ihrem Talent entsprechend – so sehen es die beiden zumindest – die dicken Karrieren zu machen. Doch dem nicht genug. Als weitere Demütigung müssen sie sich bei ihren erfolgreichen Gegenspielern auch noch ständig Geld leihen ,weil sie sonst finanziell nicht über die Runden kommen würden. Ein nicht enden wollendes Schema, das beide schlussendlich dazu bringt, ihre mittellose Legalität gegen die der profitableren Kriminalität einzutauschen.
Im Gegensatz zu Breaking Bad kann der Goodman-Spinn-Off jedoch von dem Vorwissen des Zuschauers profitieren und sofort in die pointierten-sarkastischen Wortwechsel und die absurden Gewalt-Exzesse eintauchen, die sich bei Breaking Bad erst langsam als serienspezifisches Merkmal herauskristallisierten. Auch wenn die Quintessenz dieselbe ist, dass nicht die ehrenwerten Bürger, sondern die Skrupellosen die Gewinner in unserer Gesellschaft sind.
Skrupellosigkeit, das mag man auch Rainer Werner Fassbinder vorwerfen, insbesondere, wenn man seiner ehemaligen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Irm Hermann in dem Film Fassbinder – Liebe ohne zu fordern zuhört. Doch trotz alldem, was seine Mitstreiter über ihn erzählen, die Maßlosigkeit, die Demütigungen, die Manipulationen, die er an den Tag legte, spürt man auch die Zuneigung, die sie für ihn empfunden haben. Und die sie schlussendlich immer wieder dazu gebracht hat, mit ihm zu arbeiten. Was jedoch die Dokumentation des dänischen Journalisten Christian Braad Thomsen so spannend macht, ist Fassbinders bis dato noch nicht so oft in den Vordergrund getretene Fähigkeit, aktuelle politische und gesellschaftliche Situationen sehr differenziert zu analysieren. Dass eben die RAF aus Verzweiflung und Ungeduld zu den gleichen Mitteln der Durchsetzung ihrer politischen Ideale gegriffen hätte wie diejenigen, gegen die sie eigentlich rebellierten. Ein spannendes, auch sehr unterhaltsames Porträt des Regisseurs, das man gerne ansieht und das auch Einblicke in die andere, weniger wilde Seite Fassbinders gibt.
