Berlinale-Blog 4

Eigen, nicht artig

| Pamela Jahn |
Unausgegorenes, Unentschlossenes, Wuchtiges, Verstörendes: Seltsamkeiten des bisherigen Wettbewerbs.

Seltsam. Soll man diesen 69. Berlinale Wettbewerb auf einen wenn auch noch so wackeligen Nenner bringen, kommt einem zunächst dieses Wort in den Sinn. Nicht durchwachsen, mittelmäßig oder mau, obwohl auch dies durchaus passende Begriffe für die gebotene Auswahl wären. Nein, zunächst einmal einfach nur seltsam unausgegoren und eigenartig erscheinen die meisten der Filme, die heuer um den Goldenen Bären konkurrieren.

Nehmen wir zum Beispiel Fatih Akins neuesten Streich Der Goldene Handschuh, der ein Horrorfilm sein will, aber im Herzen keiner ist. Akins Leinwandadaption des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka und das Milieu, in dem dieser sich bewegte, ist streckenweise durchaus gelungen. Nur scheinen Film und Regisseur mit sich und den diversen möglichen Genreoptionen zu ringen, und darin liegt dann ein Problem: Zum wahren Schocker fehlt dem Film die Wucht, mitunter bremst der Ekel den Terror aus, umspielen deutsche Schlager und Akins ungenierte Liebe zu Hamburg die grauslige Geschichte wie in einem versöhnlichen Schulterschluss. Das kann man natürlich ablehnen, wie es sich in vielen lokalen wie internationalen Kritiken spiegelt. Man kann den Film aber auch ohne den großen Hype, den er mangels nennenswerter Hollywood-Premieren auf dieser Berlinale auslöste, einfach als einen engagierten Versuch sehen, einen gewissermaßen „abscheulichen“ Stoff zu verfilmen, ohne explizit nach dem Warum zu fragen. Irgendwann versandet Der Goldene Handschuh im wilden Rausch des Augenblicks, bleibt sozusagen auf der Strecke ­– wie einst Honka selbst.

Der wahre Horror, so scheint es, bleibt einer anderen Heldin in diesem Wettbewerb vorbehalten. Helena Zengel nämlich, die als Bennie in Systemsprenger, dem Debütfilm der deutschen Filmemacherin Nora Fingscheidt, die Hauptrolle spielt. Selten war dieser Begriff so passend wie hier. Denn Benni ist nicht nur das traumatisierte, schwer erziehbare Mädchen, um das sich in diesem äußerst beeindruckenden Erstling alles dreht. Sie ist vielmehr eine Naturgewalt, die alles und jeden um sich herum erschüttern und erstarren lässt, das Publikum inklusive. Etliche Heime und Wohnprojekte haben die Neunjährige bereits rausgeworfen bzw. wollen sich gar nicht erst auf den Ärger einlassen, der mit Bennie im Haus programmiert ist. Deshalb wurde sie auch von ihrer Mutter (Lisa Hagmeister), die schon mit ihren zwei anderen Kindern hoffnungslos überfordert ist, weggegeben. Bennies spontane Energie, ungestüme Wut und Aggressivität haben in ihrem ohnehin viel zu chaotischen Leben keinen Platz. Trotzdem kämpft die Kleine bis zum Äußersten um jeden Funken mütterlicher Zuneigung. Doch der Einzige, der Bennie helfen zu können scheint, ist Micha (Albrecht Schuch), ein Jugendarbeiter mit Gewalterfahrung. Er ist zunächst ihr Schulbegleiter und wird nach einigen zermürbenden Bewährungsproben schließlich ihr engster Vertrauter. Doch auch in dieser Beziehung ist irgendwann der Wurm drin, wie in dem ganzen System, in dem Bennie gefangen ist. Was die junge Regisseurin in der Darstellung jener äußeren Umstände im Laufe der intensiven, oft erschütternden Filmerfahrung versäumt, holt ihre junge Schauspielerin an Ausdruckskraft und Überzeugung im Handumdrehen heraus, so dass man sich einen Bären, welchen auch immer, für diese starke Leistung unbedingt wünschen würde.

Andere Filme im Wettbewerb haben es dagegen nicht einmal geschafft, auch nur eine Regung im Zuschauer hervor zu bringen. Ghost Town Anthology des Kanadiers Denis Coté beispielsweise kommt über ein paar eindrückliche Bilder nicht hinaus und verliert sich stattdessen in einer vagen Geistergeschichte, die zu wenig Neues enthält, um noch irgendwie beeindrucken zu können. Und auch Angela Schanelecs neuer Film Ich war zuhause, aber dreht sich viel zu sehr um die eigene Achse, um imponieren zu können. Auf der Suche nach Authentizität und der Frage, wie man etwas inszeniert, verzettelt sich die Regisseurin in ihrer Geschichte um eine vom Verlust des Vaters geprägte Familie und schafft ein Stück Kunst, das im Kern an seinem Motiv selbst erstickt.

Bisheriger Höhepunkt der Seltsamkeiten im Wettbewerb: Nadav Lapids Synonyms, der Mittwochabend seine Premiere auf dem leicht verregneten roten Teppich feierte. Im neuen Film des israelischen Autorenfilmers Lapid versucht ein an seiner Militärvergangenheit gebrochener Israeli sich in Frankreich als Bohème neu zu erfinden. Wie bereits in seinem begeisternden Debüt Policeman (2012) über Verwerfungen in der israelischen Gesellschaft schafft der Regisseur es erneut, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen – mit einer klugen, eloquenten und unterhaltsamen Versuchsanordnung über unser kulturelles Selbstverständnis. Es ist eine wahre Freude, auf der Zielgeraden zur Bärenverleihung endlich gekonnt platzierten Mut zur Verstörung auf der Leinwand zu sehen. Wer sich beim Sichten streckenweise an den Cannes-Gewinner The Square erinnert fühlt, täuscht sich womöglich nicht. Doch warten wir es ab, noch sind die letzten Filme nicht gelaufen. Wer weiß, vielleicht wird aus einem eigenartigen am Ende doch noch ein anregender Wettbewerb.